Bakterielle Erreger oder Pilzinfektion

Vaginaltherapeutika in der Selbstmedikation – im Zweifel ein Antiseptikum?

Stuttgart - 12.10.2021, 07:00 Uhr

Viele Apothekenmitarbeiter:innen haben Octenisept bei Symptomen einer Vaginalinfektion wahrscheinlich nicht sofort als erste Wahl im Kopf. (c / Foto: dragonstock / AdobeStock)

Viele Apothekenmitarbeiter:innen haben Octenisept bei Symptomen einer Vaginalinfektion wahrscheinlich nicht sofort als erste Wahl im Kopf. (c / Foto: dragonstock / AdobeStock)


Der vaginale Ausfluss ist verändert. Wie genau? Das ist in der Apotheke nicht immer so leicht zu erfragen. Auch weil manche nicht darüber sprechen, sondern einfach nur „ein Präparat, das hilft“ erwerben wollen. Doch egal, ob bakterielle Erreger oder eine Pilzinfektion hinter den Beschwerden stecken, Octenisept wirbt aktuell damit, mit seinem Vaginaltherapeutikum immer die richtige Wahl zu treffen. Stimmt das? Gibt es ähnliche Alternativen? Und überhaupt: Ist die Selbstmedikation für die Therapie vaginaler Infektionen geeignet?

Es klingt verlockend, was die Firma Schülke & Mayr GmbH im September in einer Pressemitteilung verkündete: Ihr Octenisept® Vaginaltherapeutikum sei ab Oktober 2021 bei Symptomen von Vaginalinfektionen immer die richtige Empfehlung. Dafür sorgten eine Wirkstoffkombination aus Octenidin und Phenoxyethanol und vor allem eine Indikationserweiterung des bisherigen Anwendungsgebietes. Ein Blick in die Lauer-Taxe (Stand 01.10.2021) verrät folgendes Anwendungsgebiet: „Linderung der Symptomatik bei bakteriell oder durch Pilzinfektionen (Candidosen) bedingtem Juckreiz, Brennen und Ausfluss im Vaginalbereich.“ Tatsächlich steht diese Indikation bereits in der Lauer-Taxe mit Stand vom 1. April 2021 sowie im „Fachinfo-Service®“ mit Stand 01/2021. Am 15.03.2021 hieß es jedoch in der Lauer-Taxe® noch: „Linderung der Symptomatik bei bakteriell bedingtem Juckreiz, Brennen und Ausfluss im Vaginalbereich.“ Die Pilzinfektion war damals also noch nicht dabei. 

Ob nun völlig neue Indikation oder nicht, viele Apothekenmitarbeiter:innen haben Octenisept® bei Symptomen einer Vaginalinfektion in der Selbstmedikation wahrscheinlich nicht sofort als erste Wahl im Kopf – wird die Marke doch vor allem mit der Wund-Desinfektion verknüpft.

Präparate bei bakteriellen Vaginosen in der Selbstmedikation

Tatsächlich führt die Suche nach vergleichbaren Präparaten über die Lauer-Taxe® zu keinem Ergebnis. Zur Behandlung einer bakteriellen Vaginose in der Selbstmedikation dürften vielen Apotheker:innen aber die „Fluomizin 10 mg Vaginaltabletten“ geläufig sein. Deren Wirkstoff Dequaliniumchlorid ist ebenfalls ein Antiseptikum und gehört zur Klasse der quaternären Ammoniumverbindungen. Ein weiterer apothekenpflichtiger Wirkstoff zur lokalen Behandlung bakterieller Vaginosen ist Policresulen. Es verbirgt sich hinter dem Markennamen Albothyl® als Zäpfchen oder als Konzentrat. Es soll nicht nur antibakteriell, sondern auch denaturierend auf nekrotisches Gewebe wirken. 

Etwas weiter gefasst ist die Indikation bei „Vagi-Hex® Vaginaltabletten“: Mit dem Antiseptikum Hexetidin werden sie angewendet „zur Verminderung pathologischer Keime im Vaginalbereich, z. B. 

  • bei pathologischer Besiedlung der Scheide mit grampositiven und gramnegativen Bakterien wie Gardnerella vaginalis,
  • im Rahmen einer präoperativen Prophylaxe vor vaginalen operativen Eingriffen,
  • bei vorzeitigem Blasensprung.“

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Im April dieses Jahres wurde ein Leitlinienvorhaben zur bakteriellen Vaginose (BV) angemeldet, die Fertigstellung wird für Ende 2022 erwartet. Im Internet stößt man ansonsten bislang nur auf eine Leitlinie von 2001, die zuletzt 2013 überarbeitet wurde: „Bakterielle Vaginose (BV) in Gynäkologie und Geburtshilfe“. Dieser alten Leitlinie zufolge berichten nur etwa 50 Prozent der betroffenen Frauen über charakteristische Symptome, „wie u. a. einen vermehrten homogenen Fluor, der insbesondere nach Alkalisierung einen fischigen Geruch erkennen lässt. Dagegen fühlen sich viele Frauen mit einer BV in ihrem Wohlbefinden nicht beeinträchtigt.“ Von dieser Aussage könnte man ableiten, dass die BV in der öffentlichen Apotheke ohne ärztliche Verordnung kaum vorkommt.

Besser Dequaliniumchlorid?

Die bakterielle Vaginose (BV) wird als eine mikrobielle Dysbalance charakterisiert – eine deutliche Verschiebung zu den anaeroben Mikroorganismen auf Kosten der fakultativ anaeroben Flora, besonders der Laktobazillen. Für die Therapie werden die beiden rezeptpflichtigen Antibiotika Metronidazol und Clindamycin empfohlen – als Vaginalcreme, oral oder als Vaginaltabletten. Außerdem heißt es in der Leitlinie: „Aufgrund vereinzelter Studien scheinen die Rezidivquoten nach Dequaliniumchlorid 10 mg Vaginaltabletten für 6 Tage oder mit Nifuratel 1 x 250 mg Vaginaltabletten für 10 Tage denen nach leitliniengerechter Therapie ähnlich zu sein.“ Damit findet also nur das vorher genannte Fluomizin® Erwähnung in der Leitlinie und könnte für die Selbstmedikation bei BV in Betracht gezogen werden.

In einem Beitrag von 2018 der Zeitschrift Frauenarzt hat Prof. Dr. med. Werner Mendling (Deutsches Zentrum für Infektionen in Gynäkologie und Geburtshilfe an der Landesfrauenklinik, Helios Universitätsklinikum Wuppertal) eine Übersicht über die Charakteristika wichtiger gynäkologischer Infektionen und deren Therapie zusammengestellt. Auch dort wird als Therapie bei BV Dequaliniumchlorid erwähnt. Doch was, wenn das Beschwerdebild doch eher zu einer Vulvovaginalcandidose passt? Dann wäre Dequaliniumchlorid in der Selbstmedikation nicht geeignet, oder?



Diana Moll, Apothekerin und Redakteurin, Deutsche Apotheker Zeitung (dm)
redaktion@daz.online


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