Interview Teil 1

Hih-Chef Debatin: „Für die Apotheker ist richtig viel drin“

Berlin - 17.12.2021, 17:50 Uhr

Nach Ansicht von Jörg Debatin ist das Experiment Health Innovation Hub geglückt. (Foto: Jan Pauls Fotografie / hih)

Nach Ansicht von Jörg Debatin ist das Experiment Health Innovation Hub geglückt. (Foto: Jan Pauls Fotografie / hih)


„Sie können aus meiner Sicht zu den großen Gewinnern der Digitalisierung gehören.“

Warum ist das bisher nicht der Fall? Am Beispiel E-Rezept ist doch gerade recht gut erkennbar, dass technisch noch viel Luft nach oben bleibt.

Umgesetzt werden müssen die Projekte im Zusammenspiel zwischen Gematik, Software-Hersteller und Leistungserbringer. Leider stammen viele der Praxisverwaltungssysteme, die am Markt sind, aus den 90er oder 00er Jahren. Sie waren konzipiert, eine Praxis intern zu organisieren und Abrechnung zu gewährleisten, aber nicht dafür, Medizin in einer vernetzten Welt zu managen. Diese Systeme sind den wachsenden Herausforderungen der Vernetzung nicht mehr gewachsen. Deshalb brauchen wir ein Praxis-Zukunftsgesetz, analog zum Krankenhaus-Zukunftsgesetz. Die Kosten und Schmerzen, die für den einzelnen Arzt mit einer Software-Umstellung verbunden sind, müssen abgefedert werden. Da ist staatliche Unterstützung nötig. Für die Zukunft benötigen wir ‚Arztinformationssysteme‘ statt ‚Praxisverwaltungssysteme‘, mit Schwerpunkt auf Medizin und Vernetzung. Diese müssen interoperabel sein, mit klaren Regeln für standardisierte Datenformate und offenen Schnittstellen. Im Krankenhaussektor gibt es das alles schon, da müssen wir auch im ambulanten Sektor hin.

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Wie viel Nachholbedarf haben im Vergleich die Apotheken-Softwarehäuser?

Da ist mein hih-Kollege Ralf König sicher der bessere Ansprechpartner. Was mich aber immer wieder beeindruckt ist der hohe Grad der Binnendigitalisierung der Apotheken. Jetzt geht es um die Vernetzung mit den anderen Leistungserbringern und den Patienten. Allein die Einführung der ePA bringt für die Apotheken viele Chancen mit sich. Der Apotheker wird mit den Informationen, die er auf diesem Wege bekommt, in die Lage versetzt, wirklich medizinisch zu handeln – etwas, das er immer schon versucht hat, aber wofür ihm oftmals schlicht die Instrumente gefehlt haben. Die Apotheker sind gut beraten, sich im Zuge der digitalen Transformation als Digital Agents zu positionieren, die Patienten mitzunehmen und auch die Ärzte ein Stück weit zu unterstützen. Wie gut sie mit dem digitalen Wandel umgehen können, haben sie ja bei den Impfzertifikaten durchblicken lassen. Darauf sollte der Berufsstand aufbauen. Für die Apotheker ist richtig viel drin. Sie können aus meiner Sicht zu den großen Gewinnern der Digitalisierung gehören.

Zur Person

Jörg Debatin (Foto: Jan Pauls Fotografie / hih)

Nach seinem Medizinstudium in Heidelberg verfolgte Jörg Debatin eine Radiologie-Karriere mit Stationen in Duke, Stanford und Zürich. 1998 wurde er auf den Lehrstuhl für Diagnostische Radiologie am Universitätsklinikum in Essen berufen. Ende 2003 wechselte er als Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender an das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In dieser Funktion trug er maßgeblich zur erfolgreichen inhaltlichen und wirtschaftlichen Erneuerung des Hauses bei; auch und vor allem durch die konsequente Digitalisierung des drittgrößten Klinikums in Deutschland, welches seitdem papierfrei arbeitet.
2011 übernahm er den Vorstandsvorsitz der amedes Holding AG, mit deren Verkauf er 2014 als Vice-President zu GE Healthcare wechselte. Als Chief Technolgy and Medical Officer verantwortete er die globale Technologie- und Produktentwicklung. Besonderer Schwerpunkt waren die Entwicklung der Potenziale der Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz in der Bildgebung. Seit März 2019 leitet er als Chairman den health innovation hub (hih) des Bundesministeriums für Gesundheit in Berlin. (Quelle: hih-2025.de)



Christina Müller
redaktion@daz.online


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