Interview Teil 1

Hih-Chef Debatin: „Für die Apotheker ist richtig viel drin“

Berlin - 17.12.2021, 17:50 Uhr

Nach Ansicht von Jörg Debatin ist das Experiment Health Innovation Hub geglückt. (Foto: Jan Pauls Fotografie / hih)

Nach Ansicht von Jörg Debatin ist das Experiment Health Innovation Hub geglückt. (Foto: Jan Pauls Fotografie / hih)


Der Health Innovation Hub (hih) löst sich wie geplant zum Jahreswechsel auf. Der Manager und Radiologe Jörg Debatin leitete das 14-köpfige Beratergremium zur Digitalisierung des Gesundheitswesens knapp drei Jahre lang. Im Gespräch mit der DAZ zieht er Bilanz und erklärt, wie die Apothekerschaft von der digitalen Transformation massiv profitieren kann.

DAZ: Herr Debatin, den hih als unabhängiges Beratergremium zu installieren, war ein Experiment von Ex-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Ist dieses Experiment gelungen?

Debatin: Aus meiner Sicht, ja, unbedingt. Ziel war es, externe Experten mit Erfahrung und Netzwerk zeitlich befristet an den Staat zu binden und ihr Fachwissen punktuell verfügbar zu machen – und das weitgehend ohne den Einfluss von Fremdinteressen. Das hat gut geklappt, auch, weil die Voraussetzungen gestimmt haben: Es war von vornherein klar, dass wir für die drei Jahre, auf die der hih ausgelegt war, ausfinanziert sind. Ich musste also nirgendwo einen besonders positiven Eindruck hinterlassen, wir waren ausschließlich der Sache verpflichtet und haben uns dem Erfolg der digitalen Transformation verschrieben. Wir haben fleißige Beamte, die gut darin sind, Gesetze zu schreiben, aber denen es manchmal hilft, Information aus der fachlichen Perspektive zu bekommen. Deshalb werben wir auch sehr dafür, diese Struktur im Kern zu erhalten. Ich kann mir vergleichbare Konzepte, natürlich mit anderen thematischen Schwerpunkten auch gut für andere Ministerien vorstellen.

Mit anderen Worten: Das BMG wollte von Ihnen hören, was in puncto Digitalisierung möglich ist und wie man es richtig macht.

Das ist eine Sichtweise auf unsere Arbeit. Wir haben uns selbst aber nicht nur als Impulsgeber für das BMG gesehen, sondern insbesondere auch als Brückenbauer zwischen einem ministeriellen Umfeld auf der einen Seite und den Leistungserbringern, Start-ups und letztlich auch den Patienten auf der anderen. Da war das Konstrukt hih sehr hilfreich.

Wie viel Einfluss hatten Sie tatsächlich?

Das ist schwer zu sagen, wir schreiben ja keine Gesetze. Einige Konzepte und Vorgaben kamen uns in den Referentenentwürfen dann aber durchaus bekannt vor. Das waren schöne Bestätigungen, über die sich das Team dann auch gefreut hat. Insgesamt hatten wir den Eindruck, dass unsere Ideen und Überlegungen sehr ernst genommen wurden. Natürlich hätte ich persönlich manches auch anders entschieden, wenn ich es gekonnt hätte, aber so ist unsere Demokratie nicht aufgebaut. In so ein Gesetz fließen ganz viele unterschiedliche Interessen ein und am Ende entscheidet das Parlament, wie es ausgestaltet wird. Wir haben aber in der Realität deutlich mehr Gehör gefunden, als ich es mir anfangs ausgemalt hatte.

„Wie groß das digitale Potenzial der Apotheken ist, haben wir am Beispiel der digitalen Impfzertifikate gesehen.“

Wie haben Sie den Austausch mit der Gematik und der Selbstverwaltung erlebt?

Sehr offen. Klaus Reinhardt etwa, der Präsident der Bundesärztekammer, ist sehr engagiert beim Thema Digitalisierung. Er hat das Potenzial erkannt, damit zum Beispiel zur Verbesserung der AMTS beizutragen. Und was Markus Leyck Dieken bei der Gematik innerhalb kurzer Zeit geschafft hat, ist bemerkenswert. Er hat die Leitung einer Agentur übernommen, die es gewohnt war, nichts zu dürfen und nicht zu kommunizieren. Hier eine neue Kultur zu schaffen, war keine leichte Aufgabe. Auch wenn er sicher noch nicht am Ziel seiner Vorstellungen angekommen ist, hat er innerhalb der Gematik vieles zum Positiven wenden können.

Welchen Eindruck hat die Apothekerschaft bei Ihnen hinterlassen?

Gabriele Regina Overwiening hat als neue ABDA-Präsidentin viel frischen Wind reingebracht. Sie macht einen super Job, ist interessiert, präsent und dialogfähig, auch mit anderen Leistungserbringern. Wie groß das digitale Potenzial der Apotheken ist, haben wir am Beispiel der digitalen Impfzertifikate gesehen. Innerhalb von zwei Wochen hat der Berufsstand die nötige Infrastruktur geschaffen und nach weiteren 2 Wochen war das Thema geräuschlos abgeräumt. Das hat gezeigt: Die Apotheken können so etwas, sie arbeiten serviceorientiert und die meisten von ihnen sind ausgesprochen digital-affin. Sie können bei der digitalen Transformation eine ganz entscheidende Rolle spielen. Die Potenziale, die dort schlummern, gilt es noch viel stärker zu nutzen, als wir es bisher tun.

Wie geht es jetzt weiter mit der digitalen Transformation vor dem Hintergrund, dass mit Karl Lauterbach nun ein neuer Mann im BMG am Drücker ist? Die Digitalisierung war ja eines der Herzensprojekte von Ex-Minister Spahn.

In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht so sehr davon abhängt, welche Partei gerade im BMG den Hut aufhat, sondern wie sehr die handelnden Personen dahinter stehen. Vor der Amtszeit Spahns hat einfach niemand das Thema wirklich entschlossen vorangetrieben. Das hat sich geändert und vieles von dem, was er regulatorisch auf den Weg gebracht hat, wird bleiben. Wir haben mit verbindlichen Interoperabilitäts-Standards nun endlich eine Grundlage für eine moderne Software-Architektur geschaffen.

Die Herausforderung in der angebrochenen Legislaturperiode wird in Sachen Digitalisierung eine andere sein: Nachdem auf der gesetzgeberischen Seite viel aufgeholt wurde, geht es jetzt primär um die Umsetzung. Darauf sollte der Fokus in den kommenden vier Jahren liegen. Die Grundlagen für Anwendungen wie das E-Rezept und die elektronische Patientenakte sind da, jetzt müssen wir dafür sorgen, dass die Menschen die Angebote auch nutzen. Dazu finden sich auch gute Ansätze im Koalitionsvertrag der Ampel, etwa dass man statt eines Opt-in- ein Opt-out-Modell für die ePA anstrebt. Voraussetzung ist aber, dass die Anwendungen technisch einwandfrei funktionieren.

„Sie können aus meiner Sicht zu den großen Gewinnern der Digitalisierung gehören.“

Warum ist das bisher nicht der Fall? Am Beispiel E-Rezept ist doch gerade recht gut erkennbar, dass technisch noch viel Luft nach oben bleibt.

Umgesetzt werden müssen die Projekte im Zusammenspiel zwischen Gematik, Software-Hersteller und Leistungserbringer. Leider stammen viele der Praxisverwaltungssysteme, die am Markt sind, aus den 90er oder 00er Jahren. Sie waren konzipiert, eine Praxis intern zu organisieren und Abrechnung zu gewährleisten, aber nicht dafür, Medizin in einer vernetzten Welt zu managen. Diese Systeme sind den wachsenden Herausforderungen der Vernetzung nicht mehr gewachsen. Deshalb brauchen wir ein Praxis-Zukunftsgesetz, analog zum Krankenhaus-Zukunftsgesetz. Die Kosten und Schmerzen, die für den einzelnen Arzt mit einer Software-Umstellung verbunden sind, müssen abgefedert werden. Da ist staatliche Unterstützung nötig. Für die Zukunft benötigen wir ‚Arztinformationssysteme‘ statt ‚Praxisverwaltungssysteme‘, mit Schwerpunkt auf Medizin und Vernetzung. Diese müssen interoperabel sein, mit klaren Regeln für standardisierte Datenformate und offenen Schnittstellen. Im Krankenhaussektor gibt es das alles schon, da müssen wir auch im ambulanten Sektor hin.

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Wie viel Nachholbedarf haben im Vergleich die Apotheken-Softwarehäuser?

Da ist mein hih-Kollege Ralf König sicher der bessere Ansprechpartner. Was mich aber immer wieder beeindruckt ist der hohe Grad der Binnendigitalisierung der Apotheken. Jetzt geht es um die Vernetzung mit den anderen Leistungserbringern und den Patienten. Allein die Einführung der ePA bringt für die Apotheken viele Chancen mit sich. Der Apotheker wird mit den Informationen, die er auf diesem Wege bekommt, in die Lage versetzt, wirklich medizinisch zu handeln – etwas, das er immer schon versucht hat, aber wofür ihm oftmals schlicht die Instrumente gefehlt haben. Die Apotheker sind gut beraten, sich im Zuge der digitalen Transformation als Digital Agents zu positionieren, die Patienten mitzunehmen und auch die Ärzte ein Stück weit zu unterstützen. Wie gut sie mit dem digitalen Wandel umgehen können, haben sie ja bei den Impfzertifikaten durchblicken lassen. Darauf sollte der Berufsstand aufbauen. Für die Apotheker ist richtig viel drin. Sie können aus meiner Sicht zu den großen Gewinnern der Digitalisierung gehören.

Zur Person

Jörg Debatin (Foto: Jan Pauls Fotografie / hih)

Nach seinem Medizinstudium in Heidelberg verfolgte Jörg Debatin eine Radiologie-Karriere mit Stationen in Duke, Stanford und Zürich. 1998 wurde er auf den Lehrstuhl für Diagnostische Radiologie am Universitätsklinikum in Essen berufen. Ende 2003 wechselte er als Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender an das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In dieser Funktion trug er maßgeblich zur erfolgreichen inhaltlichen und wirtschaftlichen Erneuerung des Hauses bei; auch und vor allem durch die konsequente Digitalisierung des drittgrößten Klinikums in Deutschland, welches seitdem papierfrei arbeitet.
2011 übernahm er den Vorstandsvorsitz der amedes Holding AG, mit deren Verkauf er 2014 als Vice-President zu GE Healthcare wechselte. Als Chief Technolgy and Medical Officer verantwortete er die globale Technologie- und Produktentwicklung. Besonderer Schwerpunkt waren die Entwicklung der Potenziale der Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz in der Bildgebung. Seit März 2019 leitet er als Chairman den health innovation hub (hih) des Bundesministeriums für Gesundheit in Berlin. (Quelle: hih-2025.de)



Christina Müller
redaktion@daz.online


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