Neuer Bundesgesundheitsminister

Wofür steht Karl Lauterbach?

Berlin - 06.12.2021, 15:15 Uhr

Im Kabinett des designierten Bundeskanzlers Olaf Scholz (links) wird Karl Lauterbach das Amt des Bundesgesundheitsministers bekleiden. Was bedeutet das für die Apotheken? (x / Foto: IMAGO / photothek)

Im Kabinett des designierten Bundeskanzlers Olaf Scholz (links) wird Karl Lauterbach das Amt des Bundesgesundheitsministers bekleiden. Was bedeutet das für die Apotheken? (x / Foto: IMAGO / photothek)


Nun ist die Katze aus dem Sack: Karl Lauterbach wird in den kommenden vier Jahren das Bundesministerium für Gesundheit als Minister lenken. Wofür steht der Arzt und Epidemiologe und was bedeutet diese Personalie für die Apotheken?

Schon vor fast 20 Jahren hieß es, Karl Lauterbach strebe das Amt des Bundesgesundheitsministers an – nun geht sein Traum endlich in Erfüllung. Der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gab heute vor Journalisten in Berlin bekannt, dass er Lauterbach für den Posten vorschlagen werde.

Bei dieser Nominierung spielt wohl Volkes Wille eine tragende Rolle: Während der Pandemie ist es Lauterbach gelungen, in zahlreichen Talkshow-Auftritten einen erheblichen Teil der Bevölkerung von seinen fachlichen Kompetenzen zu überzeugen. Immer mehr Menschen hatten gefordert, ihm die Verantwortung für die Gesundheitspolitik des Landes zu übertragen. Ihn nicht als Bundesgesundheitsminister zu nominieren, hätten Scholz und die SPD in der Tat sehr gut begründen müssen. Zudem dürfte es nicht ganz trivial gewesen sein, Kandidatinnen und Kandidaten zu finden, die sich angesichts der Krise die Nachfolge Jens Spahns (CDU) zutrauen.

Ohne den Rückenwind, den Lauterbach derzeit im Zuge der Corona-Pandemie genießt, wäre es vermutlich eher schwierig für ihn geworden: Innerhalb der SPD gilt er als unbequem. Ein wirklich wichtiges Amt ist ihm bisher verwehrt geblieben. Zuletzt scheiterte er im Jahr 2019 mit seiner Bewerbung als Parteivorsitzender der Sozialdemokraten. Angetreten war er zusammen mit seiner Parteifreundin Nina Scheer, das Rennen machten letztlich Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Zugunsten seiner Bewerbung hatte Lauterbach seinerzeit die Position als SPD-Fraktionsvize aufgegeben.

Lauterbachs Rolle in der Gesundheitspolitik

Apotheker:innen, die schon länger dabei sind, dürfte der Kölner Professor um die Jahrtausendwende erstmals aufgefallen sein. Sein politisches Wirken begann nämlich bereits bevor er selbst Bundestagsabgeordneter wurde. Im Jahr 1999, als Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie (IGKE) der medizinischen Fakultät der Universität zu Köln, wurde er zum Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen berufen. Diesem Gremium, das die damalige SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt beriet, gehörte er bis 2005 an. Das war die Zeit, in der unter anderem der Versandhandel mit Arzneimitteln erlaubt und das Mehrbesitzverbot für Apotheken  aufgeweicht wurde, OTC aus der GKV-Erstattung fielen und das Apothekenhonorar auf Fixzuschläge umgestellt wurde – alle diese Maßnahmen hatte der Sachverständigenrat in seinem Gutachten 2000/2001 vorgeschlagen. Für die Arzneimittelthemen war der Epidemiologe allerdings nicht maßgeblich verantwortlich.

Ende 2002 nahm Lauterbach dann einen weiteren Beraterposten ein: Er wurde Mitglied der „Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme“, besser bekannt als Rürup-Kommission. Diese Kommission sollte sich überlegen, wie die ständig klamme GKV langfristig zu finanzieren ist. Ihr Ergebnis im Jahr 2003 war ein „Y-Modell“: Nach einer gewissen Sanierung durch Kostendämpfung und Strukturmaßnahmen sollte die Politik entscheiden:  Kopfpauschale – für sie stand der Kommissionsvorsitzende Bert Rürup – oder Bürgerversicherung – mit ihrem Verfechter Karl Lauterbach. Bekanntlich ist bislang keine der Umstellungen erfolgt, aber die Bürgerversicherung ist unter anderem für die SPD weiterhin ein wichtiges Thema, während niemand mehr von Kopfpauschalen spricht. So wurde Lauterbach 2004 auch Mitglied der Arbeitsgruppe Bürgerversicherung des Parteivorstands der SPD.

Aber auch Arzneimittelthemen nahm sich Lauterbach in der Folge öfter öffentlich an. Er befasste sich unter anderem mit der patientenindividuellen Verblisterung. Kurz bevor er 2005 selbst in den Bundestag einzog, schlug er beispielsweise vor, dass die Krankenkassen die 200 umsatzstärksten Medikamente im Generikamarkt bei den Pharmafirmen ausschreiben sollen, um Geld zu sparen. Apotheker:innen müssten dann per Gesetz verpflichtet werden, Patientinnen und Patienten je nach Kassenzugehörigkeit Medikamente bestimmter Hersteller zu verkaufen. Alle Apotheker:innen wissen: Im Jahr 2007 wurden die heute längst etablierten Rabattverträge eingeführt. Ebenfalls noch vor seinem politischen Mandat prangerte er auch die seinerzeit üblichen Rabatte von Generikaherstellern an Apotheken an

Keine Angst vor Reformen

Angesichts seiner politischen Umtriebigkeit wunderte es kaum, dass Lauterbach im Jahr 2005 erstmals für den Deutschen Bundestag kandidierte – und auch in diesen einzog. Seitdem ist er als IKGE-Leiter beurlaubt. Schon in seiner ersten Legislaturperiode zeigte sich der Sozialdemokrat streitbar. So war er etwa überzeugt, dass das 2007 von der Großen Koalition verabschiedete GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz keines der wünschenswerten Ziele erreicht habe. 

In seiner zweiten Legislaturperiode bekleidete Lauterbach das Amt des gesundheitspolitischen Sprechers seiner Fraktion – und das aus der Position der Opposition. Als sich 2013 die nächste Große Koalition anbahnte, war er zusammen mit Jens Spahn für den gesundheitspolitischen Part des Koalitionsvertrags verantwortlich – den sodann Hermann Gröhe (CDU) als Minister Stück für Stück umsetzte. Lauterbach wechselte zu dieser Zeit auch seine Position in der Fraktion und wurde stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Sowohl mit Gröhe als auch mit Spahn als Gesundheitsminister hat Lauterbach einige Gesetze durchgebracht. 

Angst vor Reformen hat Lauterbach also sicher nicht. Eine solche steht in den kommenden Jahren wohl auch den Apothekerinnen und Apothekern ins Haus, wie der Blick in den Koalitionsvertrag verrät. Auch wenn der Gesundheitsteil und ganz besonders der Absatz zu den Apotheken die Handschrift der Grünen trägt, dürfte sich Lauterbach mit den dort angelegten Neuerungen im Apothekenwesen gut anfreunden können: Er fordert schon lange, die fachliche Kompetenz der Pharmazeutinnen und Pharmazeuten stärker zu nutzen als bisher und die Vergütung so anzupassen, dass sich Beratung lohnt.


Es kann nicht sein, dass Apotheker zunehmend zu Geschäftsleuten verkommen. Das liegt auch daran, dass das Honorarsystem dumm ist – oft ist es anders nicht möglich zu überleben. Apotheker sind extrem wertvolle Spezialisten im Gesundheitssystem. Die Ansprüche an die Beratung steigen – dafür müsste es aber auch einen Anreiz geben.

Karl Lauterbach im DAZ-Interview im Jahr 2013


Dass Spahn mit dem Vor-Ort-Apotheken-Stärkungsgesetz bereits die Weichen gestellt hat für honorierte pharmazeutische Dienstleistungen, dürfte Lauterbach also ins Konzept passen.

Zur Person

Professor Dr. med. Dr. sc. Karl Wilhelm Lauterbach wurde am 21. Februar 1963 im nordrhein-westfälischen Düren geboren. Von 1982 bis 1989 studierte er Medizin an der RTW Aachen, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der University of Texas in San Antonio (USA). Anschließend war er einige Jahre in der Forschung tätig und sammelte weitere Titel, etwa Master of Public Health, Master of Science in Health Policy and Management und Doctor of Science in Health Policy and Management (alle Harvard).Seit 1998 leitet er das Institut für Gesundheitsökonomie und klinische Epidemiologie (IGKE) der medizinischen Fakultät der Universität zu Köln. Von 1999 bis 2005 war er Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Seine Forschungsschwerpunkte sind primäre und sekundäre Vorbeugung von chronischen Erkrankungen, insbesondere Disease Management von Diabetes mellitus, Hypertonie, COPD, und Hypercholesterinämie sowie Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik.

Seit dem Jahr 2001 ist Lauterbach Mitglied der SPD, zuvor war er in der CDU aktiv gewesen. Im Deutschen Bundestag vertritt er die Sozialdemokraten seit 2005. Er wurde stets per Direktmandat in seinem Wahlkreis Leverkusen-Köln IV gewählt. Von 2009 bis 2013 war er gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag. Im Kompetenzteam des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück verantwortete er die Bereiche Gesundheit und Pflege. Zudem übernahm er 2013 das Amt als stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Dieses legte er 2019 nieder, als er sich gemeinsam mit Nina Scheer für den SPD-Parteivorsitz bewarb. Seine politischen Schwerpunkte sind Gesundheitspolitik, Finanzierung sozialer Sicherungssysteme (Bürgerversicherung), Makroökonomie, Pflegeversicherung und der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bildung.

Quelle: https://www.karllauterbach.de/karl-lauterbach



Christina Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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1 Kommentar

Lauterbach

von Scarabäus am 07.12.2021 um 9:56 Uhr

"Bei dieser Nominierung spielt wohl Volkes Wille eine tragende Rolle..." Das soll doch wohl ein Witz sein? Ein in nicht nur seiner eigenen Partei umstrittener Politiker einer mit gerade Mal 26% gewählten Partei soll den Willen der Wählerschaft abbilden? Welch eine Umschreibung für den Worst Case!

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