Bundestagswahl 2021

Was haben die Grünen mit den Apotheken vor?

Berlin - 17.09.2021, 17:50 Uhr

Der Notfallarzt Janosch Dahmen – hier im April 2021 beim Landesparteitag in Düsseldorf –  ist bei den Grünen für die Apothekenthemen zuständig. (Foto: IMAGO / Revierfoto)

Der Notfallarzt Janosch Dahmen – hier im April 2021 beim Landesparteitag in Düsseldorf –  ist bei den Grünen für die Apothekenthemen zuständig. (Foto: IMAGO / Revierfoto)


Die Apothekerschaft hat, gelinde gesagt, ein gespaltenes Verhältnis zu den Grünen. Doch aktuell hat die Partei durchaus eine Chance, in der kommenden Legislaturperiode an der Regierung beteiligt zu sein. Was würde das für die Apotheken bedeuten?

Es ist wie bei vielen anderen Parteien auch: Im Wahlprogramm der Grünen taucht das Wort „Apotheke“ nicht auf. Man konzentriert sich auf Themen wie zum Beispiel Pflege, Digitalisierung, das Krankenkassensystem, die Reform der Notfallversorgung und die Krankenhausfinanzierung. Auch geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung und die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit greifen die Grünen auf. Doch was ist nun für die Apotheken drin?

Darüber sprach die DAZ bereits im Januar 2021 mit den Abgeordneten Kordula Schulz-Asche und Janosch Dahmen. Anlass war, dass Dahmen die Apothekenthemen von Schulz-Asche zum Jahreswechsel übernommen hatte. Zudem bat die Redaktion den Notfallarzt erneut im Juli zum Gespräch – hier konkret mit Blick auf das Wahlprogramm der Grünen.

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E-Rezept als „neues Beispiel gescheiterter Digitalisierung“?

Im Vergleich zu den anderen Parteien planen die Grünen die wohl umfangreichsten Umwälzungen im deutschen Gesundheitswesen: Sie wollen weg von der arztzentrierten Versorgung und hin zu sogenannten Gesundheitsregionen, in denen die Leistungserbringer „auf Augenhöhe“ zusammenarbeiten, heißt es im Wahlprogramm. „Nach unserer Vorstellung sollte der Bund im Gesundheitswesen den groben Rahmen vorgeben und zum Beispiel Qualitätsstandards festlegen“, erläuterte Dahmen dazu im Juli. Die konkrete Organisation solle aber vor Ort erfolgen, denn die Versorgungsrealitäten seien in Deutschland regional sehr unterschiedlich. „Mit nur einem Regelungskonzept die Arzneimittelversorgung bundesweit gewährleisten zu wollen, führt dazu, dass einige Gebiete letztlich unterversorgt sind.“

Vorsichtige Lockerung des Mehrbesitzverbots möglich

Das hat Konsequenzen auch für den Apothekensektor: Denn die Grünen erwägen, das Mehrbesitzverbot punktuell zu lockern, wenn Unterversorgung droht. „In solchen Fällen sollte es möglich sein, bestimmte Regeln zu lockern und es zum Beispiel zu gestatten, mehr als eine Haupt- und drei Filialapotheken zu betreiben, wenn nur dadurch die Versorgung mit Medikamenten vor Ort inklusive Beratung gesichert werden kann“, sagte Dahmen im Gespräch mit der DAZ.

Am Fremdbesitzverbot will die Partei hingegen festhalten – die Bildung von Apothekenketten sei nicht das Ziel. „Es geht nicht darum, einen neuen Markt zu öffnen, sondern in Einzelfällen lokale Lösungen zu schaffen“, betonte Dahmen. „Auch dass ein Apotheker, der in einer völlig anderen Region in Deutschland niedergelassen ist, plötzlich in einem unterversorgten Gebiet eine Apotheke eröffnet, ist nicht in unserem Sinn. Unser Ziel sind partnerschaftliche Lösungen mit ortsansässigen Apotheken.“

Mehr Verantwortung für Apotheken – aber nicht bei COVID-19-Impfungen

Um das Potenzial der Apotheken zu heben, streben es die Grünen an, den Beruf „als Gesundheits- und Heilberuf zu stärken“, so der Abgeordnete. „Derzeit sind die Apotheken sehr stark patientenorientiert. Ich kann mir für die Zukunft gut vorstellen, dass sie auch Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte intensiver beraten als bisher. Den Apothekerinnen und Apothekern mit all ihren Kompetenzen mehr Verantwortung zu übertragen und dies auch im System zu verankern, sehe ich als eine der großen Aufgaben zukünftiger Gesundheitspolitik.“

Verantwortung in Sachen COVID-19-Impfungen will der Arzt den Apotheken dann aber doch nicht übertragen. „In der aktuellen Situation sehe ich keinen Mangel an Menschen, die impfen können.“ Was die Rabattverträge betrifft, kann er sich hingegen vorstellen, die in der Pandemie neu gewonnene Beinfreiheit für die Offizinen beizubehalten. „Es ist zumindest geboten, sich jetzt noch einmal mit allen Beteiligten an einen Tisch zu setzen und zu prüfen, ob die kritischen Gegenargumente, die es zuvor gegeben hat, noch haltbar sind. Vielleicht sind wir besser beraten, das, was in der Pandemie gut funktioniert hat, in den Alltag zu überführen.“

Kein klares Bekenntnis zu pharmazeutischen Dienstleistungen

Eigentlich müssten die geplanten honorierten pharmazeutischen Dienstleistungen den Grünen gut ins Konzept passen – doch die Aussagen Dahmens dazu irritieren: „Wir müssen sowohl was die Arzneimitteltherapiesicherheit als auch die Adhärenz angeht, Apotheken verstärkt einsetzen, auch was das Controlling und Monitoring von Medikation betrifft“, sagte er zwar. Ein klares Bekenntnis zum Dienstleistungskonzept war ihm allerdings nicht zu entlocken. Auf die Frage, ob er den Apotheker:innen versprechen könne, dass der hierfür vorgesehene Honorartopf von 150 Millionen Euro jährlich nicht etwa Sparprogrammen zum Opfer fallen könnte, die im Zuge der Pandemie nötig werden dürften, wich er aus: Man werde vor dem Hintergrund der Pandemie „sehr genau hinschauen müssen, wie wir unsere Ressourcen am sinnvollsten einsetzen können. Wo jetzt schon Dinge messbar zu einer Verbesserung der Versorgung beitragen, wird man sicher daran festhalten. Und wo etwas dringend intensiviert oder verbessert werden muss, wird man vielleicht sogar Geld drauflegen müssen. Ist der Nutzen einer Intervention allerdings zweifelhaft, wird man es künftig noch schwerer haben als bisher, daran festzuhalten.“

Auch ob die Grünen generell planen, am Apothekenhonorar zu schrauben, ließ Dahmen weitgehend offen. „Das kann ich so konkret noch nicht sagen. Aber natürlich wird man, wenn sich die Aufgaben der Apotheken verändern, auch über das Honorar sprechen müssen. Denn wenn die Apothekerinnen und Apotheker ihre Kompetenzen verstärkt einbringen, sollen sie dafür auch auskömmlich bezahlt werden.“

Der Versandhandel und die Grünen: gemischte Gefühle

Dass die Grünen ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneien ablehnen, ist bekannt. „Die langwierige Diskus­sion um das Rx-Versandverbot hat in den vergangenen Jahren leider völlig davon abgelenkt, Wege zu suchen, wie sich das Modell Apotheke weiterentwickeln kann und muss, um zukunftsfähig zu sein. Das sollten wir jetzt dringend nachholen“, sagte Schulz-Asche der DAZ im Januar. An der Haltung ihrer Partei gegenüber dem Versandhandel konnte weder die Pandemie noch der Auftrag an die Zur-Rose-Tochter eHealtTec, den E-Rezept-Fachdienst in Deutschland mitzuentwickeln, etwas ändern.

Dennoch sieht Schulz-Asche diese fragwürdige Verquickung mit Sorge, wie sie im Januar betonte. „Gerade im Gesundheitswesen müssen wir sehr genau aufpassen, was Interessenkonflikte betrifft“, so die Abgeordnete. „Es ist wichtig, hier die Verträge zu prüfen und genau nachzuvollziehen, was hinter den Kulissen geschieht. Ich hätte mir eine andere Lösung gewünscht, als dass Zur Rose an der Ausarbeitung des E-Rezept-Fachdiensts beteiligt wird. Das hat aber nicht grundsätzlich etwas mit dem Versandhandel zu tun.“ Stattdessen hätte man aus ihrer Sicht zum Beispiel auf die Erfahrungen aus der Arzneimittelinitiative in Sachsen und Thüringen (ARMIN) zurückgreifen können. Dort haben Ärzteschaft, Apotheker:innen und die AOK Plus bereits eine digitale Infrastruktur geschaffen mit dem Ziel, die Arzneimitteltherapie der Patientinnen und Patienten gemeinsam zu managen.

E-Rezept als „Beispiel gescheiterter Digitalisierung“?

Kritisch äußerte sich Dahmen zur geplanten Einführung des E-Rezepts. Er hält das Konzept offenbar für nicht ausgegoren. „Ich habe nach wie vor große Sorge, dass wir einen Prozess, der analog gut funktioniert, nämlich das Ausstellen und Einlösen von Rezepten, durch das Digitalisieren verschlechtern. Ich bin ein großer Freund der Digitalisierung des Gesundheitswesens, aber ich fürchte, dass wir damit ein neues Beispiel gescheiterter Digitalisierung schaffen. Das wäre fatal für andere Prozesse, in denen wir sie dringend bräuchten.“ Unter Zwang könne Digitalisierung nicht funktionieren. „Wir müssen die Vorteile erlebbar machen und auch diejenigen mitnehmen, die sich mit dem ganzen Themenkomplex schwer tun.“

Die Chancen der Digitalisierung

Denn grundsätzlich sieht er in der Digitalisierung des Gesundheitswesens großes Potenzial: „Einige Schwierigkeiten lassen sich damit sicher aus dem Weg räumen – angefangen bei der Mobilität der Menschen, wenn es darum geht, einen Zettel von A nach B zu tragen, bis hin zur Rezeptausstellung im kassenärztlichen Notdienst. Verordnungsfehler ausräumen, das Zurückgreifen auf vorhergehende Verschreibungen, all das birgt große Chancen.“ Was den Wettbewerb zwischen Arzneimittelversendern und Vor-Ort-Apotheken betrifft, müsse man natürlich „sehr genau hinschauen – gleichzeitig eröffnen wir den Patient:innen aber auch die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wo und wie sie ihr Rezept einlösen möchten“.

Neue Aufgaben für die Apotheken?

Und was steckt noch im Wahlprogramm der Grünen? Kommt mit den Grünen der Joint aus der Apotheke? Eher nicht, meint Dahmen. „Zu Cannabisfachgeschäften, in denen Cannabis für den Freizeitgebrauch erhältlich ist, sollen nur Erwachsene Zutritt haben, das unterscheidet sie von Apotheken“, hebt er hervor. Cannabis zu medizinischen Zwecken soll dagegen weiterhin Apothekenangelegenheit bleiben.

Stärker einbinden will die Partei die Offizinen hingegen, wenn es um das Thema Drug Checking geht, also die Prüfung von Rauschmitteln auf gefährliche Verunreinigungen. „Mit Drug Checking kann dem Konsum von hochdosierten und verunreinigten Substanzen vorgebeugt werden. Drug Checking kann und sollte mehr in Apotheken durchgeführt werden. Zusätzlich werden außerdem weitere stationäre und mobile Angebote benötigt, die beispielsweise Konsumierende im Partysetting direkt erreichen.“ Auch in Sachen Prävention sollen die Apotheken stärker eingebunden werden als bisher. „Apotheken haben gerade mit chronisch kranken Menschen einen intensiven Kontakt“, so Dahmen. „Von daher sollte Prävention unbedingt ein Teil des Aufgabenspektrums der Apotheken sein.“



Christina Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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7 Kommentare

Nichts dazugelernt

von ratatoske am 18.09.2021 um 8:34 Uhr

Die Grünen sind noch immer nicht in der Lage fundamentale Strömungen faktenbasiert einzuschätzen. Die Realität der Marktmacht von Großkonzernen wird zugunsten von Wünschen und Vorstellungen verdrängt. Als Notarzt sollte er eigentlich die Realität von Krankenhauskonzernen sehen können, ebenso die Konsequenzen die vor seiner Nase liegen. Aber offensichtlich reicht es nicht zum Transfer der Informationen auf andere Felder, setzen sechs.

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Programm der "Grünen" für das Apothekenwesen

von Dieter Kaiser am 18.09.2021 um 7:29 Uhr

Ein noch mehr an Bürokratie und Dirigismus kann wirklich nicht wünschenswert sein. Wer grün wählt wollte auch die Verschmutzung der Meere über das gescheiterte ""Duale System"" der Mülltrennung und und und .......

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Grüne und Apotheken

von Harald Paulsen am 17.09.2021 um 21:47 Uhr

Mehr Verantwortung übertragen ist eine andere Formulierung für mehr Aufgaben aufbürden. Und wenn es um die Honorierung geht, wird ausgewichen. Da kommt nichts Gutes auf uns zu.

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Grüne und Apotheken

von Frank Lehmann am 17.09.2021 um 18:30 Uhr

im Wahlprogramm der Grünen taucht das Wort Apotheke nicht einmal auf, was deren Wertschätzung hinreichend dokumentiert, noch Fragen

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Grüne

von Conny am 17.09.2021 um 18:15 Uhr

Schnatterinchen hat es verbockt. Die Grünen und die CDU haben voll aufs falsche Pferd gesetzt. Es hätte eigentlich nur noch Frau Esken gefehlt.

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AW: Grüne

von Sabine Schneider am 17.09.2021 um 18:38 Uhr

Grüne wählen um die Welt zu retten ist wie ein halbes Brathähnchen zum Tierarzt zu bringen

AW: Grüne

von Gert Müller am 17.09.2021 um 20:33 Uhr

@Conny : Sie sind so erfrischend anders!

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