Immer mehr Zahnpasta frei von Titandioxid

Mundschleimhautzellen sind anfällig für die Aufnahme von Titandioxid-Nanopartikeln

Stuttgart - 09.02.2024, 10:45 Uhr

Welche Zahnpasta ist die richtige? (Foto: adragan / AdobeStock)

Welche Zahnpasta ist die richtige? (Foto: adragan / AdobeStock)


Seit dem 7. August 2022 dürfen in der EU keine Lebensmittel mehr neu in den Handel gebracht werden, die Titandioxid enthalten. Nicht erst seitdem ist eine Diskussion darüber entstanden, ob Titandioxid auch in Arzneimitteln und bestimmten Kosmetikartikeln künftig nicht mehr enthalten sein darf. Immer mehr Hersteller kommen mittlerweile einem potenziellen Verbot zuvor und stellen ihre Rezepturen um – wohl auch aufgrund einer Einschätzung des europäischen „Scientific Committee on Consumer Safety“.

Zahn- und Mundpflege-Produkte sind zwar nicht unbedingt Verkaufsschlager in der Apotheke – gerade wenn Patient:innen aber besondere Fragen und Wünsche haben, ist die Apotheke auch Ansprechpartner für Zahnpasta und Co.. Dabei ist seit 2022 nicht mehr nur der Fluorid-Gehalt ein prominentes Thema, sondern auch die Frage, ob Titandioxid enthalten ist – besonders bei Produkten für Kinder. So konnten im Sinne des vorbeugenden Verbraucherschutzes Zahncremes für Null- bis Sechsjährige beispielsweise von „Stiftung Warentest“ 2022 maximal ein „befriedigend“ erhalten, wenn sie Titandioxid enthielten. Deshalb schnitt unter anderen die apothekenübliche Zahncreme „Dentinox Nenedent mit Fluorid“ in der Kariesprophylaxe damals zwar mit „sehr gut“ ab, erzielte aufgrund ihres Titandioxid-Gehalts insgesamt jedoch nur ein „befriedigend“ [1].

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Ende Januar vermeldete nun „Ökotest“, dass sowohl die „Nenedent Kinderzahncreme mit Fluorid“ als auch die „Nenedent Kinderzahncreme homöopathieverträglich mit Fluorid“ mittlerweile ohne Titandioxid erhältlich sind. „Ökotest“ hatte in Ausgabe 4/2023 seines Magazins die „Nenedent Kinderzahncreme mit Fluorid“ noch insgesamt als mangelhaft bewertet, die „Nenedent Kinderzahncreme homöopathieverträglich mit Fluorid“ erhielt ein „ungenügend“ [2,3].

Durch die mittlerweile Titandioxid-freie Rezeptur schneidet die „Nenedent Kinderzahncreme mit Fluorid“ in der Bewertung der Inhaltsstoffe jetzt mit „sehr gut“ ab [2]. Die „Nenedent Kinderzahncreme homöopathieverträglich mit Fluorid“ wird hinsichtlich der Inhaltstoffe dagegen mit „gut“ bewertet, weil diese mit einem Gehalt von 500 ppm weniger Fluorid als aktuell empfohlen enthält [3].

Damit gibt es immer mehr Zahncremes ohne Titandioxid auf dem Markt. Dass das gut so ist, darauf deutet auch der Entwurf eines Gutachtens des wissenschaftlichen Ausschusses „Verbrauchersicherheit“ (Scientific Committee on Consumer Safety, SCCS) auf EU-Ebene hin [4].

Titandioxid ist nicht gleich Titandioxid

Studien haben demnach gezeigt, dass Mundschleimhautzellen anfällig für die Aufnahme von (Titandioxid-)Nanopartikeln sind. Da Produkte wie Zahnpasta täglich und mehrfach am Tag verwendet werden, seien weitere Untersuchungen nötig, um ein Risiko für Verbraucher auszuschließen. Was die Bewertung laut SCCS erschwert ist, dass Titandioxid für kosmetische Produkte in viele verschiedene Materialien unterschieden werden muss – 44 Pigmenttypen und 40 Nanotypen. Dabei sollen einige Pigmenttypen einen Nanoanteil über 50% enthalten.

Die Pigmenttypen sollen sich von dem Titandioxid-Lebensmittelzusatzstoff E171 unter anderem in Bezug auf Kristallformen, Partikelgrößen und Beschichtungen unterscheiden. 13 unbeschichtete Pigmenttypen könnten aber als gleichwertig mit E171 angesehen werden, heißt es [4].

Die Sicherheit von Titandioxid wird bereits seit 2010 diskutiert. Doch erst in den vergangenen Jahren hat die Diskussion auch zu regulatorischen Konsequenzen geführt. Seit dem 7. August 2022 dürfen in der EU etwa keine Lebensmittel mehr neu in den Handel gebracht werden, die Titandioxid enthalten. Das ist für die Pharmazie nicht nur interessant, weil davon auch Nahrungsergänzungsmittel betroffen sind – sondern auch, weil die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA bis April 2024 eine weitere Bewertung von Titandioxid durchführen will: Wenn bis dahin Titandioxid nicht auch in Arzneimitteln ersetzt wird, sollen nur noch „objektive, nachprüfbare Gründe für die Undurchführbarkeit seiner Ersetzung berücksichtigt werden“. Je nach Einsatzgebiet von Titandioxid gelten verschiedene gesetzliche Regelungen [5].

In der Natur kommt Titandioxid „in den drei Modifikationen Anatas, Rutil und Brookit vor. E171 besteht aus Anatas und/oder Rutil. Die internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stuft Titandioxid als möglicherweise karzinogen für den Menschen (Gruppe 2B) ein.“ 

Quelle: DAZ 32/2021, Ulrich Schreiber, M. Sc. Toxikologe

Literatur

[1] Moll D. Kinder-Zahnpasta – warum die Beratung in der Apotheke hilft. DAZ.online 31.01.2023, www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2023/01/31/kinder-zahnpasta-warum-die-beratung-in-der-apotheke-hilft

[2] Online-Artikel des Magazins Ökotest. Nenedent-Kinderzahncreme jetzt „gut“. Stand 25.01.2024, www.oekotest.de/kinder-familie/Nenedent-Kinderzahncreme-jetzt-gut_14377_1.html

[3] Online-Artikel des Magazins Ökotest. Nenedent-Kinderzahncreme nun ohne Titandioxid. Stand 25.01.2024, www.oekotest.de/kinder-familie/Nenedent-Kinderzahncreme-nun-ohne-Titandioxid_14378_1.html

[4] Scientific Committee on Consumer Safety (SCCS), Scientific Advice on Titanium dioxide (TiO2) (CAS/EC numbers 13463-67-7/236-675-5, 1317-70-0/215-280- 1, 1317-80-2/215-282-2), Entwurf vom 5.12.2023, health.ec.europa.eu/publications/scientific-advice-titanium-dioxide-tio2-casec-numbers-13463-67-7236-675-5-1317-70-0215-280-1-1317-80_en

[5] Moll D. Entwarnung für Titandioxid? DAZ.online 29.11.2022, www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2022/11/29/entwarnung-fuer-titandioxid


Diana Moll, Apothekerin und Redakteurin, Deutsche Apotheker Zeitung (dm)
redaktion@daz.online


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