Beschluss der Gematik-Gesellschafter

Mit Opt-out-Option: E-Patientenakte für alle kommt

Stuttgart - 08.11.2022, 09:15 Uhr

Künftig sollen alle Versicherten eine elektronische Patientenakte (ePA) erhalten. (Foto: agenturfotografin / AdobeStock) 

Künftig sollen alle Versicherten eine elektronische Patientenakte (ePA) erhalten. (Foto: agenturfotografin / AdobeStock) 


Künftig werden alle Versicherten automatisch eine elektronische Patientenakte (ePA) erhalten. Wer das nicht möchte, muss dies aktiv ablehnen. Diese sogenannte Opt-out-Lösung soll noch in dieser Legislaturperiode funktionieren. Den entsprechenden Beschluss hat die Gesellschafterversammlung der Gematik am gestrigen Montag getroffen. Darüber hinaus wurde festgelegt, dass auch der elektronische Medikationsplan Teil der ePA werden soll.

Die elektronische Patientenakte (ePA) für alle gesetzlich Versicherten gibt es seit Januar 2021. Sie dümpelt allerdings etwas vor sich hin. 557.786 elektronische Patientenakten gibt es laut TI-Dashboard der Gematik aktuell (Stand: 8. November 2022). Ein Großteil davon dürfte auf Versicherte der Techniker Krankenkasse entfallen, Anfang des Jahres stammten laut Handelsblatt rund 260.000 ePA von der Ersatzkasse. Wie viele davon aktiv genutzt werden, geht aus den Zahlen nicht hervor. Patient:innen können dort Dokumente ablegen oder die in Anspruch genommenen Leistungen einsehen. Theoretisch können auch Ärzte, die von den Versicherten Zugriffsrechte bekommen haben, dort Untersuchungsergebnisse etc. speichern. In der Praxis passiert das aber oft nicht einmal, wenn Patient:innen dies explizit wünschen. 

Angeboten wird die ePA über die Krankenkassen, die Nutzung ist für Patient:innen derzeit freiwillig und muss aktiv initiiert werden. Letzteres soll sich ändern. Laut einem Gesellschafterbeschluss der Gematik soll die ePA noch in dieser Legislaturperiode mit Opt-out eingerichtet werden. Konkret bedeutet das, dass jede:r gesetzlich Versicherte automatisch eine ePA erhält. Wer dies nicht möchte, kann aktiv widersprechen.

Die Gematik hat nun einer Mitteilung zufolge den Auftrag, die „Opt-out-ePA“ zu prüfen. Im Rahmen des Prüfauftrags sollen vier Opt-out-Dimensionen geprüft werden: die Bereitstellung der Akte, der Zugriff auf die ePA, ihre Befüllung und die pseudonymisierte Datenweitergabe zu Forschungszwecken. Ferner wurde beschlossen, dass auch der elektronische Medikationsplan (eMP) sowie die elektronische Patientenkurzakte (ePKA) Teile der ePA werden sollen. Auch Apotheken haben auf die ePA Zugriff und sollen für ihre Unterstützung bei der Verarbeitung arzneimittelbezogener Daten eigentlich honoriert werden. Allerdings konnten sich Deutscher Apothekerverband und Kassen bislang nicht auf eine Vergütung einigen.

Gematik sieht großes Potenzial in Opt-out-ePA

Aus Sicht der Gematik werden mit dieser Entscheidung die Weichen gestellt, um das Potenzial der elektronischen Patientenakte vollumfänglich auszuschöpfen: Denn als Opt-out-Lösung werde sie zu einem zentralen Teil einer modernen, digitalen Gesundheitsversorgung in Deutschland – patientenzentriert, zugänglich für alle Bürger:innen und unabhängig von Alter oder digitaler Affinität, so die Gematik. 

Die Opt-out-ePA bündele relevante Gesundheitsdaten von allen Versicherten individuell, sicher und souverän an einem Ort und stärke damit die Patientensicherheit erheblich: Sämtliche an einer Behandlung beteiligte Leistungserbringer bekämen schnell und effizient einen Überblick über die Krankengeschichte von Patient:innen. Medikationsprozesse könnten besser begleitet und Doppeldiagnosen vermieden werden. Arztbriefe und Befunde liegen künftig nicht mehr in Papierform vor oder müssten per Fax oder Post versendet werden. Diagnosen und Dokumente anderer Fachkolleg:innen könnten vielmehr direkt nach der Untersuchung abgelegt werden und sind sofort einsehbar, preist die Gematik das Projekt an. 

Die Opt-out-Option soll die Ausbreitung der ePA beschleunigen. Auch der Deutsche Ärztetag hatte sich im vergangenen Sommer für eine derartige Lösung ausgesprochen. In diesem Zuge soll auch die Nutzung einfacher werden.

 Aktuell müssen sich Versicherte bei ihrer gesetzlichen Krankenkasse für eine ePA registrieren, um eine elektronische Patientenakte angelegt zu bekommen. Wie bei der Nutzung der E-Rezept-App müssen sie sich mit ihrer NFC-fähigen Gesundheitskarte und der dazugehörigen PIN oder persönlich in der Geschäftsstelle authentifizieren. Dieser Prozess soll mit der Opt-out-Lösung deutlich vereinfacht werden, verspricht de Gematik. 

Die aktuelle Version der ePA könne aber weiter genutzt werden und soll in den kommenden Monaten fortentwickelt werden. Wer bereits jetzt eine elektronische Patientenakte besitzt oder plant, sich eine einzurichten, könne später seine Daten auch in der Opt-out-Variante nutzen können, heißt es. 

Ob das dann alles so kommt, wie geplant, bleibt abzuwarten. Insbesondere die Datenschützer werden noch ein Wörtchen mitzureden haben. Und deren Sicht der Dinge entspricht nicht immer den Plänen der Gematik. Das zeigen die jüngsten Erfahrungen beim E-Rezept-Abruf via eGK. 


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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2 Kommentare

Finger weg !

von ratatosk am 09.11.2022 um 10:58 Uhr

Gerade ist in Australien die Krankenakte gehackt worden, Millionen sind im Darknet gelandet , incl. Erpressung durch die Hacker. Dabei ist das australische System besser geschützt als das deutsche. Sagt beim Level der Gematik natürlich nicht viel, ist aber der Vergleich.
Viel Spaß wenn, alle (Nachbar, Arbeitsstelle etc.) alles mal durchstöbern kann. oder wenn man eine Arbeitsstelle möchte.

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Geld verdienen mit Datenhandel

von Karl Friedrich Müller am 08.11.2022 um 9:26 Uhr

aber die Apotheker sind die bösen, kriminell, nach unserem obersten Datenschützer.
Die Gematik verkauft die Daten an Bertelsmann und Co. Legal, klar.
Das ist alles nur noch pervers

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