Studie zur Zukunft der Generika-Industrie

„Innovieren statt (nur) Kopieren“

Remagen - 26.05.2021, 09:15 Uhr

Wie könnte unsere Arzneimittelversorgung in zehn Jahren aussehen? (Foto: Kenishirotie / AdobeStock)

Wie könnte unsere Arzneimittelversorgung in zehn Jahren aussehen? (Foto: Kenishirotie / AdobeStock)


Die Generikaindustrie scheint überwiegend an der bisherigen Vorstellung festzuhalten, dass sie schon alleine dadurch überlebensfähig bleibt, weil sie preiswertere Medikamente anbietet. Dazu braucht es in Zukunft aber durchaus noch ein bisschen mehr, wie eine neue Studie des Branchenverbandes Pro Generika zeigt, und zwar vor allem eine stärkere Ausrichtung auf neue Markttrends und Innovationen.

Eine neue Studie der School of International Business and Entrepreneurship (SIBE) im Auftrag von Pro Generika hat untersucht, wie unsere Arzneimittelversorgung in zehn Jahren und mehr aussehen könnte, welche Faktoren die Entwicklung beeinflussen und in welchen Szenarien diese münden könnten. 

Breit gefächerte Expertenbefragung

Die Studie „Zukunft der europäischen Generika- und Biosimilarsindustrie 2030plus“ enthält zwölf Zukunftsthesen, sogenannte Projektionen, die bis 2030 eintreten könnten. Sie wurden im Vorfeld formuliert und von 61 Branchenexperten und -expertinnen mit Blick auf ihre Plausibilität bewertet sowie in mehr als 800 Textbeiträgen schriftlich diskutiert.

An der Delphi-Befragung nahmen Spezialisten von Generika- und Biosimilarsherstel­lern, von Biotech-Unternehmen und -Start-ups, dazu Ärzte, Großhändler und Apotheker, Krankenkassen und Medizin­technik- und Beratungsunternehmen teil. Aus dem wis­senschaftlichen Bereich wurden Forscher und Wissenschaftler aus Laboren, Kliniken, Hochschulen und Instituten befragt und im politischen Umfeld waren es Ministerien und Vertreter aus Verbänden und der Fachpresse. 

Kernzahlen zum Generikamarkt

Ein paar Zahlen vorweg: Nach Angaben in der Studie soll der globale Generikamarkt bis 2025 einen Wert von 497 Milliarden US-Dollar erreichen. Der weltweite Umsatz mit Biosimilars könnte von derzeit 5 Milliarden bis 2025 auf rund 30 Milliarden US-Dollar an­wachsen. Nach Einschätzung von Analysten könnten bis 2025 Bio­pharmazeutika mit einem Umsatz zwischen 100 und 120 Milliarden US-Dollar ihren Patentschutz verlieren.

Im Jahr 2023 sollen weltweit Medikamente im Wert von 128 Milliarden US-Dollar online verkauft werden. Dies ist mehr als viermal so viel wie in 2014.

Im europäischen Vergleich sind Großbritannien und Deutschland mit mehr als 80 Prozent Anteil am jeweiligen Arzneimittelmarkt Spitzenreiter bei den Nachahmermärkten. Trotz des hohen Versorgungsanteils schlagen Generika für die gesetzlichen Kranken­kassen vergleichsweise wenig zu Buche. 2019 lag der GKV-Umsatz mit Arzneimitteln bei 28,4 Milliarden Euro, wovon knapp 5,8 Milliar­den Euro auf Generika entfielen.

Wirkstoffproduktion mit Schwerpunkt in Asien

Im Jahr 2000 wurden 589 valide Wirkstoffzertifikate geführt, davon 59 Prozent in Europa und 31 Prozent in Asien. Im Jahr 2020 hat sich dieses Verhältnis umgekehrt: nun werden 63 Prozent in Asien gehalten und nur noch 33 Prozent in Europa. Aktuell werden 26 Prozent der Wirkstoffe (APIs) in Eu­ropa aus Indien importiert. Der Preis für die Tagesdosis des Antibiotikums Cephalo­sporin würde bei Produktion in Europa 46 Cent betragen. Zum Vergleich: Die Krankenkassen erstatten für ein durchschnittliches Generikum 6 Cent, rechnen die Studienautoren vor.          

Im Ergebnis gehen viele Insider der Generikabranche offenbar davon aus, dass die Zukunft auf Basis des bisher erfolgreichen Geschäftsmodells eine beschlossene Sache sein sollte. „Generika und Biosimilars wird es immer geben, weil das Gesundheits­wesen ohne preisgünstige Alternativen unter der Kostenlawi­ne zusammenbricht“, führen viele hierzu an.

3D-Technologie noch lange nicht massentauglich

Andere Experten halten es für durchaus denkbar, dass Originalpräparate fast so günstig werden könnten wie vormals Generi­ka, wenn Künstliche Intelligenzen und Quantencomputer marktreif werden. Denn dadurch würden die Forschungskosten dramatisch sinken. Die 3D-Technologie für Arzneimittel werde, in den nächsten 20 Jahren jedenfalls noch nicht massentauglich, so die einhellige Meinung des Expertenpanels. Sollte sie sich aber doch irgendwann durchsetzen, hätte das einen revolutionären Einfluss auf die Branche.

Firmen unterschätzen Plattformökonomie

Die Studie beleuchtet auch den Status quo und die mögliche zukünftige Bedeutung der Plattformökonomie für die Branche. Optimis­ten argumentieren, dass Plattformen mangels Know-how keine Arzneimittel produzieren könnten. Viele Experten sehen hier aber durchaus eine Bedrohung, denn: „Nicht mehr wer das Produkt hat, macht das bessere Geschäft, sondern wer die Plattform und die Daten hat, umgangssprachlich auch als ‚Amazon-Effekt‘ bezeichnet“, erklären die Studienautoren. Das Geschäfts- und Eroberungsmodell funktioniere in und mit jeder Branche und Ama­zons Offensive sei mit „Amazon Pharmacy“ bereits gestartet. Trotzdem unterschätzten zahlreiche Branchenexperten die Gefahren und Chancen der Plattformökonomie. Europäische Her­steller von Generika und Biosimilars lebten und arbeiteten eben seit Jahrzehnten mit großem Erfolg in einem regulierten und ge­schützten Marktumfeld, das seit vielen Jahren keine Disrup­tion erlebt habe, so die Einsicht einiger weniger. Sie könnten sich eine solche Disruption deshalb einfach nicht mehr oder noch nicht vorstellen, vermuten die SIBE-Experten.

Rückverlagerung der Produktion nur schwer möglich

Schon vor der COVID-19-Pandemie wurden angesichts der zunehmenden Liefer- und Ver­sorgungsengpässe Forderungen immer lauter, Produktionsstätten von Arzneimitteln wieder mehr nach Europa zu verlagern.

Die Delphi-Experten sehen solche Initiativen jedoch eher skeptisch. Sie halten eine Rückverlagerung für viel zu teuer, wenn die Regierungen der Staaten die rückverlagerte Produktion im eigenen Land nicht massiv subventionieren. Als zweites Argument führen sie an, dass viele Un­ternehmen gar nicht mehr rückverlagern könnten, weil das nö­tige Know-how für einige Wirkstoffe schlicht per Offshoring verloren gegangen sei. Und selbst wenn der Gesetzgeber eine nennens­werte Rückverlagerung verlangen würde und durchsetzen könnte, entstünden neue Produktionsstätten nicht über Nacht, sondern eher im Zeitraum von einer bis eineinhalb Dekaden.

36 Chancen

In einem weiteren Schritt werden in der Studien-Analyse 36 „Chancen“ identifiziert, die für die Zukunft besonders viel Erfolgspotenzial versprechen. Hierunter werden Innovationen, bereits bestehende Prototypen, neuartige Geschäftsmodelle oder auch politische Entwicklungen subsumiert. Beispiele sind ein Universaltest für Dutzende Krankheiten in der Hausapotheke, die perfekte Arzneimittel-Dosierung per Biosensor, die smarte Hausapotheke, die selbst Produkte nachordert, die smarte Bluetooth-Tablette, strategische Apotheken-Allianzen und die Turbo-Medikamentenentwicklung mit KI.

„Wir alle brauchen einen Plan B“

Auf Basis der Delphi-Befragung und umfangreicher Umfeldanalysen entwickelt die Studie schließlich vier mögliche Zukunftsszenarien, die ein Bild abgeben, wie die Arzneimittelversorgung im Jahr 2030 und darüber hinaus aussehen könnte. Aus der Gesamt­schau leiten die Autoren einige zwingende Schlussfolgerungen ab, allen voran, dass die Branche dringend, schnellstmöglich und deutlich innovativer werden müsse. Sie raten dazu, eigene F&E-Abteilun­gen zu gründen oder deutlich zu verstärken, systematische Inno­vationsprozesse aufzulegen, gedankliche Heterogenität aktiv zu fördern und die „Out-of-the-Box-Perspektive auch und gerade subversiver Kreativer“ nicht als lästiges Übel zu betrachten. 

Aus Ex­pertensicht ist die Zukunft umstrittener und umkämpfter als jemals zuvor in der Geschichte der Branche. „Wer immer noch Plan A verfolgt, wird garantiert von der Zukunft überrascht werden“, so das Fazit der Autoren. „Wir alle brauchen einen Plan B, der über das tradi­tionelle Geschäftsmodell hinausweist. Für Generikahersteller bedeutet das: Innovieren statt (nur) Kopieren.“



Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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