Arzneimittel und Therapie

Prednison schnell oder langsam absetzen?

Wie man einen nachhaltigen Therapieerfolg bei Myasthenia gravis erreichen kann

Dass Glucocorticoide langsam abgesetzt werden sollen, lernt jeder Apotheker während des Studiums. Doch eine neue Studie aus Frankreich mit Myasthenia-gravis-Patienten zeigt, dass unter manchen Umständen ein schnelleres Absetzen von Vorteil sein könnte.

Myasthenia gravis ist eine Autoimmunerkrankung, die sich gegen nicotinerge Acetylcholinrezeptoren richtet und so die Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel beeinträchtigt. Die Betroffenen leiden unter einer Muskelschwäche, die häufig im Bereich der Augen beginnt und sich im weiteren Verlauf auf den gesamten Körper ausbreitet. Die Symptome einer Myasthenia gravis können mit Acetylcholinesterasehemmern behandelt werden. Reicht diese Therapie nicht aus, wird eine immunsuppressive Therapie meist mit Azathioprin und Glucocorticoiden eingesetzt.

Kann man Steroide einsparen?

Da die Glucocorticoide oft über lange Zeit in hohen Dosen eingesetzt werden und dementsprechend Nebenwirkungen hervorrufen, wollten französische Forscher nun wissen, ob auch kürzere Behandlungszyklen mit den Entzündungshemmern möglich sind, ohne den Therapieerfolg zu gefährden. Die Studie begleitete insgesamt 117 Patienten aus sieben Kliniken mit mittelschwerer oder schwerer Myasthenia gravis über 15 Monate. Alle Probanden bekamen täglich bis zu 3 mg/kg Körpergewicht Azathioprin sowie Prednison. Die Teilnehmer wurden in zwei gleich große Gruppen randomisiert, wobei in einer Gruppe das Glucocorticoid schneller ein- und ausgeschlichen wurde als in der anderen.

Foto: Alessandro Grandini/AdobeStock

Die KrankheitMyasthenia gravis äußert sich oft durch ein herabhängendes Lid.

Eine Gruppe erhielt anfangs jeden zweiten Tag 10 mg Prednison. Danach wurde die Dosis alle zwei Tage um 10 mg erhöht auf insgesamt bis zu 1,5 mg/kg Körpergewicht an jedem zweiten Tag. Diese Dosis wurde beibehalten, bis der minimale Manifestationsstatus (MMS) erreicht wurde. In diesem Status hat der Patient keine Symptome oder funktionellen Einschränkungen, aber zeigt bei genauerer Untersuchung Schwäche in manchen Muskeln. Nach Erreichen des MMS wurde die Prednison-Dosis langsam alle zwei Wochen um 10 mg reduziert, bis eine Dosis von 40 mg erreicht wurde, danach jeden Monat um 5 mg.

Schnelles Ausschleichen funktioniert auch

Die zweite Gruppe erhielt von Anfang an täglich 0,75 mg Prednison pro Kilogramm Körpergewicht. Erreichte der Patient innerhalb eines Monats den minimalen Manifestationsstatus, wurde die Dosis alle zehn Tage um 0,1 mg/kg/Tag auf 0,45 mg/kg/Tag reduziert, anschließend um die Hälfte auf 0,25 mg/kg/Tag und dann in 1-mg-Schritten möglichst auf null. Wurde zwar der MMS nicht binnen eines Monats erreicht, aber eine Besserung des Krankheitsbilds, verlängerte sich das Intervall zur Dosisreduktion von zehn auf 20 Tage. Zeigte sich nach drei Monaten Prednison-Therapie keine Besserung, wurde ebenfalls im 20-Tages-Intervall reduziert, allerdings nur bis auf 0,25 mg/kg/Tag statt auf null. Der Fokus der Analyse lag auf dem Anteil der Patienten, die nach zwölf Monaten ohne Prednison im minimalen Manifestationsstatus waren und nach 15 Monaten noch keinen Rückfall erlitten hatten. Dieser war in der „schnellen“ Gruppe mit 39% signifikant höher als in der Kontrollgruppe (9%). Zudem nahmen die Patienten, die das Steroid schnell ein- und ausgeschlichen hatten, durchschnittlich 1898 mg weniger Prednison pro Jahr ein, also 5,3 mg täglich. Das Risiko für Exazerbationen und Verschlechterungen des Krankheitsbilds unterschied sich nicht signifikant, ebenso wie die Rate schwerwiegender Nebenwirkungen oder Komplikationen. Die Studie legt nahe, dass Glucocorticoide bei Myasthenia-gravis-Patienten unter Azathioprin schneller abgesetzt werden könnten, um Nebenwirkungen zu vermeiden. Allerdings sind weitere Studien nötig, um zu klären, ob die besseren Ergebnisse in der schnellen Gruppe wirklich auf dem schnellen Absetzen oder anderen Unterschieden wie dem schnellen Aufdosieren, der täglichen Gabe oder dem früheren Beginn des Absetzens basieren. |
 

Literatur

Sharshar T., Comparison of Corticosteroid Tapering Regimens in Myasthenia Gravis, JAMA Neurology, 8. Februar 2021

Myasthenia Gravis Foundation of America, MGFA Post-intervention Status (MGFA-PIS), abgerufen am 10.04.2021

Apothekerin Sarah Rafehi

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