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Neues zu SARS-CoV-2 in Kürze

mab | Welcher Impfstoff macht das Rennen? Welche Therapieoptionen kommen bei einer COVID-19-Erkrankung infrage? Und welche noch unbekannten Angriffspunkte bietet das Coronavirus? Auf der Suche nach Therapie-Optionen einer SARS-CoV-2-Infektion ergeben sich täglich neue Publikationen.

Die wichtigsten Erkenntnisse und Mitteilungen über SARS-CoV-2 haben wir im Folgenden zusammengefasst.

Grafik: GEMINI – stock.adobe.com

AstraZeneca in der Kritik

Die Zweifel an dem Design der klinischen Studie sowie der hohen Wirksamkeit des Vektor-Impfstoffs von AstraZeneca wurden immer lauter. Daher sollen die Ergebnisse nun laut „Handelsblatt“ von der britischen Arzneimittelbehörde erneut überprüft werden. Zuletzt hatte das Pharma­unternehmen über eine durchschnittliche Wirksamkeit der Vakzine von über 70% berichtet. Diesen Wert hatte sich AstraZeneca aus den Ergebnissen von zwei Phase-III-Studien in Brasilien und Großbritannien abgeleitet. In Brasilien war eine Wirksamkeit von 62% ermittelt worden, nachdem die Probanden zweimal die Vakzine in der im Studienprotokoll beschriebenen Dosierung erhalten hatten. Dagegen hatten die Probanden der Studie in Großbritannien bei der ersten Impfung nur die Hälfte der im Studienprotokoll vermerkten Dosierung erhalten, die zweite verlief laut Plan. Hier erwies sich der Impfstoff, trotz der niedrigeren anfänglichen Startdosis, mit 90% sogar als wirksamer. Erklärt wurde dieser Unterschied folgendermaßen: Bei dem Vektor-Impfstoff werden Adenoviren eingesetzt, die die genetische Information für das Spike-Protein von SARS-CoV-2 in die Zelle bringen sollen. Die Forscher vermuteten, dass es nach der ersten vollständigen Dosierung bei den Probanden zu einer Immunreaktion gegen das Adenovirus gekommen ist. Die könnte bei der zweiten Injektion zu einer Eliminierung der Adenoviren geführt haben, bevor diese ihre eigentliche Funktion, die Infektion der Zellen und Übergabe der genetischen Information, beendet hatten. Bei der Patientengruppe, die nur die Hälfte der Dosierung als Startdosis bekommen hatte, verlief die Immunreaktion gegen das Adenovirus vermutlich wesentlich schwächer. ­Inzwischen räumte AstraZeneca ein, dass die erste Immunisierung der britischen Probanden nur versehentlich mit der Hälfte der Dosierung statt­gefunden hat. Außerdem wurde bekannt, dass die Studienteilnehmer in Großbritannien nicht älter als 55 Jahre waren und somit die Vakzine nicht an der Hauptrisikogruppe, älteren Senioren, getestet worden war. AstraZeneca will dazu weitere Studien durchführen. Im Gegensatz dazu basiert der russische Adenovirus-Impfstoff „Sputnik V“ auf zwei verschiedenen Adenoviren, um das Risiko einer Immunreaktion gegen die erste Injektion zu vermindern. So wird bei der ersten Immunisierung der Typ 26 genutzt, bei der zweiten der Typ 5. Dies könnte auch die hohe Wirksamkeit von über 95% von Sputnik V erklären [Pressemitteilung AstraZeneca, 23. November 2020; Pressemitteilung Russian Direct Investment Fund, 24. November 2020].

„Starthilfe“ enttäuscht

Seit Beginn der Pandemie wurde große Hoffnung auf die passive Immunisierung von COVID-19-Patienten mittels Rekonvaleszenten-Plasma gesetzt. Diese „Starthilfe“ sollte die schwer erkrankten Menschen solange unterstützen, bis das körpereigene spezifische Immunsystem anfängt gegen das Virus zu arbeiten. Das gelingt leider nicht, wie in einer randomisierten ­Studie mit COVID-19-Patienten, die an einer schweren Pneumonie und Hypoxämie litten, gezeigt wurde. 228 SARS-CoV-2-Infizierte erhielten neben der Standardbehandlung acht Tage nach Symptombeginn Rekonvaleszentenplasma, das einen durchschnittlichen Titer von 1:3200 Antikörpern gegen SARS-CoV-2 aufwies. 115 Patienten erhielten neben der Standardbehandlung acht Tage nach Symptombeginn ein Placebo. An Tag 30 konnte kein signifikanter Unterschied im klinischen Status zwischen den beiden Behandlungsgruppen gesehen werden. Auch die Mortalität lag mit 10,96% in der Rekonvaleszenten-Plasma-Gruppe ähnlich hoch wie in der Placebogruppe (11,43%). Unerwünschte Ereignisse traten in beiden Kollektiven mit ähnlicher Häufigkeit und Intensität auf [Simonovich V A et al. NEJM 2020. doi: 10.1056/NEJMoa2031304].

Blutzucker auch bei Nicht­diabetikern im Auge behalten

Dass Diabetiker ein höheres Risiko haben, an COVID-19 zu versterben, ist bekannt. Eine Forschergruppe aus Spanien hat nun untersucht, ob ein erhöhter Blutzuckerwert auch bei Nichtdiabetikern das Sterberisiko erhöhen kann. In der retrospektiven, multizentrischen Gruppe wurden 11.312 ­hospitalisierte COVID-19-Patienten eingeschlossen. Bei 2128 der Probanden lag ein diagnostizierter Diabetes mellitus vor. Insgesamt verstarb etwa jeder fünfte COVID-19-Patient (20,4%) während des Krankenhausaufenthaltes. Je höher dabei der bei der Krankenhauseinweisung gemessene Blutzuckerwert war, desto höher war die Sterbewahrscheinlichkeit. So verstarben 15,7% in dem Patientenkollektiv, bei dem ein anfänglicher Blutglucosewert von unter 140 mg/dl gemessen worden war. Lag der Wert zwischen 140 und 180 mg/dl verstarben bereits 33,7%, lag der Wert über 180 mg/dl sogar 41,1% (p < 0,001). Hyperglykämie erhöht (nach Bereinigung der Faktoren Alter, Diabetes, Bluthochdruck und anderer Störfaktoren) auch bei Nichtdiabetikern das Risiko zu Sterben um etwa 50% (Hazard Ratio: 1,48; 95%-KI: 1,29 bis 1,70, bei einer Blutglucose von 140 bis 180 mg/dl). Die Forscher empfehlen, dass der Blutzuckerwert bei Krankenhausaufnahme von COVID-19-Patienten bestimmt werden sollte, und mit der Hyperglyk­ämiebehandlung frühestmöglich begonnen werden sollte [Carrasco-Sanchez F J et al. Annals of Medicine 2020. doi: 10.1080/07853890.2020.1836566].

Die ersten neun Tage sind gefährlich

Zu welchem Zeitpunkt ist die Viruslast am größten? Und wie lange kann virale RNA bei COVID-19-Patienten nachgewiesen werden? Diese zwei Fragen stellen wichtige Parameter dar, um die Dauer der Infektiosität von COVID-19-Patienten bestimmen zu können. Vor Kurzem haben Forscher sich in einer Metaanalyse erneut mit diesen Fragen beschäftigt und haben mehrere Publikationen, in denen verschiedene Körperflüssigkeiten von 5340 COVID-19-Patienten untersucht worden waren, neu aus­gewertet. Neben randomisierten kontrollierten ­Studien sind auch Fallberichte und Publikationen von Preprintservern in die Analyse eingeflossen. Durchschnittlich war die virale RNA bei den SARS-CoV-2-Infizierten in den Proben der oberen Atemwege über 17 Tage detektierbar. Auch in den Proben der unteren Atemwege (14,6 Tage), aus dem Stuhl (17,2 Tage) und aus dem Serum (16,6) ließ sich ähnlich lange das virale Genmaterial finden. Am längsten konnte die RNA von SARS-CoV-2 mit 126 Tagen in den Stuhlproben nachgewiesen werden, in den Proben der oberen und unteren Atemwege sowie im Serum gelang das nur maximal 83, 59 und 60 Tage. Je älter die Patienten waren, desto länger ließ sich RNA von SARS-CoV-2 in den Proben finden. Insgesamt konnten nur in wenigen Stuhlproben lebende SARS-CoV-2-Viren detektiert werden. Die Rolle der fäkalen Übertragung bleibt damit weiterhin unklar. Die höchste Viruslast konnte in den oberen Atemwegen in der ersten Erkrankungswoche gefunden werden. Trotz hoher ­Viruslast konnten jedoch in keiner Studie länger als neun Tage nach Beginn der Symptome lebens­fähige Viren nachgewiesen werden. Laut den Forschern muss diskutiert werden, ob es wirklich sinnvoll ist, wiederholte RNA-Testungen an COVID-19-Patienten durchzuführen, um deren Nichtinfektiösität zu bestätigen. Sie kommen zu dem Schluss, dass aufgrund der hohen Virusausscheidung zu Beginn der Erkrankung bereits bei leichten Symptomen eine schnellstmögliche Isolierung der betroffenen Personen notwendig ist, um der Corona-Pandemie Herr zu werden [Cevik M et al. The Lancet Microbe 2020. doi: 10.1016/S2666-5247(20)30172-5]. |

 

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