Verbindungen und Verflechtungen

Wie standeseigen ist die Noventi?

Stuttgart - 17.01.2023, 07:00 Uhr

Zwischen der Noventi und den Standesorganisationen gibt es viele Berührungspunkte. (Foto: hobbitfoot / AdobeStock)

Zwischen der Noventi und den Standesorganisationen gibt es viele Berührungspunkte. (Foto: hobbitfoot / AdobeStock)


Im Zusammenhang mit Dienstleistern aus dem Apothekenmarkt fällt oft der Begriff „standeseigen“, so auch bei Apothekenrechenzentren. Hier zuletzt sogar ziemlich oft. Hintergrund ist die radikale Strategiewende beim Dienstleister Noventi, unter dessen Dach sich einer der größten Anbieter von Abrechnungsleistungen für Apotheken befindet. Standeseigen im engeren Wortsinne ist die Noventi zwar nicht, aber es gibt wirtschaftliche Verflechtungen. 

Die Geschehnisse bei Noventi versetzen die Apothekerschaft in Unruhe, wecken sie doch Erinnerungen an die Insolvenz des Abrechnungsdienstleisters AVP vor wenigen Jahren. Die bange Frage ist, ob bei der Noventi, einem standeseigenen Abrechner, ähnliches droht. Doch ist die Noventi wirklich standeseigen?

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Um diese Frage zu klären, muss man sich den Begriff standeseigen einmal genauer ansehen. Was bedeutet das? Im eigentlichen Wortsinne sind standeseigene Unternehmen, Unternehmen deren Eigentümer ganz oder teilweise die verfasste Apothekerschaft ist, also Kammern und Verbände. Frühe standeseigene Unternehmen waren beispielsweise die Handelsgesellschaft Deutscher Apotheker (HAGEDA), die 1904 aus der Einkaufsvereinigung der Apotheker Berlins hervorging, oder auch das „Spezialitätenunternehmen des Deutschen Apotheker-Vereins“, die spätere Stada. Die wohl bekanntesten Beispiele für standeseigene Unternehmen heute sind die wirtschaftenden Töchter der ABDA, wie die Avoxa. Aber auch Apothekenrechenzentren befinden sich im Besitz der verfassten Apothekerschaft. So sind beispielsweise die Apothekerverbände aus Hessen, Thüringen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland Gesellschafter des ARZ Darmstadt.

Neben den standeseigenen Unternehmen gibt es eine ganze Reihe apothekereigener Unternehmen. Zum Beispiel der genossenschaftlich organisierte Großhändler Noweda oder eben die Noventi. Alleinaktionär ist der Förderverein Süddeutscher Apotheken – FSA. Mitglied im FSA können nur Apothekeninhaber:innen werden, die eine Geschäftsbeziehung zur Noventi haben. Somit gehört die Noventi ausschließlich Apotheker:innen ist also apotheker-, aber nicht standeseigen.

Wirtschaftliche Verflechtungen ...

Allerdings gibt es wirtschaftliche Verflechtungen zwischen der Noventi beziehungsweise deren Eigentümer, dem FSA, und den Landesapothekerverbänden. Zum Beispiel über die Pharmafakt, eine Consulting-Firma, die mit Daten arbeitet, die bei der Rezeptabrechnung in den Apothekenrechenzentren gewonnen werden – in anonymisierter Form. Gesellschafter sind neben der Noventi die Apothekerverbände der Länder Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen sowie das ARZ Haan. Eine weitere Connection besteht über die B.A.G. Grundstücksverwaltungsgesellschaft. Sie ermöglichte die Finanzspritze des FSA an die Noventi in Höhe von 20 Millionen. Gesellschafter sind neben dem FSA der Bayerische Apothekerverband und der Landesapothekerverband Baden-Württemberg mit einem Anteil von jeweils 32,5 Prozent. Die Gesellschaft für zentrales Datenmanagement und Statistik im Gesundheitswesen, an der die Noventi laut Geschäftsbericht 40,1 Prozent hält, ist ein Unternehmen mehrerer Rechenzentren, darunter auch standeseigene.

... und personelle Verbindungen

Und auch personelle Berührungspunkte zwischen der Noventi und der Standesvertretung gibt es. So finden sich im Aufsichtsrat der Noventi und in Vorstand und Vertreterversammlung der FSA zahlreiche Kolleg:innen, die auch Mandatsträger bei Kammern und Verbänden sind. Zum Beispiel der ABDA-Vizepräsident und Vorsitzende des LAV Sachsen-Anhalt, Mathias Arnold (FSA-Vorstand), der Vorsitzende des Bayerischen Apothekerverbandes Dr. Hans-Peter Hubmann (Vertreterversammlung) sowie sein Stellvertreter Josef Kammermeier (Noventi Aufsichtsrat).

Somit ist die Noventi, auch wenn sie nicht im eigentlichen Wortsinne standeseigen ist, auf jeden Fall apothekereigen und auch mit der Standespolitik in vielen Fällen verwoben.

Noventi versus AVP

Aber ob standeseigen oder nur apothekereigen – in allen Fällen haben die Eigentümer ein großes, ja sogar ein existenzielles Interesse daran, dass der Laden weiterläuft und sind im Zweifel bereit, zusätzliches Geld zu investieren, wie zuletzt auch bei Noventi geschehen. Bei der nicht apothekereigenen AvP gab es diese Schützenhilfe nicht. Dazu kommt, dass nach dem Bericht des Insolvenzverwalters der AVP offenbar durch betrügerische Machenschaften Geld entzogen wurde. Bei Noventi geht es dagegen um eine zu expansive Strategie, die spätestens durch die Zinswende zu teuer wurde. Die Neuausrichtung erscheint damit konsequent. Damit unterscheiden sich die beiden Fälle grundsätzlich.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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7 Kommentare

Was bedeutet bitte schön "Standesehen"

von Der Apotheker? am 17.01.2023 um 18:36 Uhr

Sind wir tatsächlich noch im 19. oder sogar 18. Jahrhundert der "Stände"? Jeder Apotheker - auch wenn bislang "nur" e.K. oder bestenfalls oHG, managed seine eigene Firma als Vollkaufmann. Was hat also ein Apotheker, der (m,w,d) ansonsten mit Noventi überhaupt keine Geschäftsbeziehung hat, eine Verpflichtung diese indirekt über Beitragsgelder finanziell zu unterstützen?

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: Was bedeutet bitte schön "Standesehen"

von Der iOs Heiler am 17.01.2023 um 18:38 Uhr

Standeseigen war wohl gemeint! ;-)

AW: Was bedeutet bitte schön "

von Dr. Dr. Thomas Richter am 17.01.2023 um 19:45 Uhr

Sie verwechseln den historischen Begriff mit der gegenwärtigen Wortbedeutung. Der Ausdruck "Berufsstand" ist bei Professionen wie Ärzten, Apothekern, Rechtsanwälten durchaus geläufig. Darüber hinaus haben diese ja eigene Kammern und auch einige Versorgungswerke. Bei den Handwerksberufen spricht man dann von "Innungen", die diese vertreten. Trösten Sie sich, das Alter der Berufsstände geht zu Ende und die Gesellschaft wird nicht besser. Auch diese Bastionen werden durch die "Wokeness"-Gesellschaft noch geschliffen werden.

Verflechtungen???

von Dr.Diefenbach am 17.01.2023 um 10:37 Uhr

Ich hoffe da kommen dann nicht Interessensüberschneidungen(nett gesagt)zutage, die wir ja nun oft genug in der Wirtschaft draussen sehen.Beispiele
gibt es genug.DANN nämlich schwindet die Bereitschaft der Kollegen sich irgendwo zu engagieren noch mehr.UND:Die hehren Ansprüche des Berufsstandes
an die Gesellschaft:Sie geraten ins Wanken.Oder ein paar Damen/Herren haben zu gehen.....

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Fragwürdige Verflechtungen

von Linda F. am 17.01.2023 um 9:21 Uhr

Diese Verflechtungen zwischen Standesvertretung und Noventi sind äußerst bedenklich und werfen die Frage auf, ob auf Ebene der Standesvertretung nicht auch persönliche Interessen bei der Rettung durch die Apothekerschaft eine Rolle spielen? Ist der ein oder andere Mandatsträger mit seiner Apotheke nicht auch Kunde bei Noventi und hat deshalb ein besonderes Interesse an einer Rettung mit den Geldern der Beitragszahler? Solche Interessenkonflikte müssen schonungslos aufgedeckt werden, bevor über eine Rettung mit Beitragsgeldern befunden werden kann.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Fragwürdige Verflechtungen

von Karl Friedrich Müller am 17.01.2023 um 9:38 Uhr

ja, man kann auch einfach 8000 Apotheken über den Jordan jagen. Die Beitragsgelder sind gut angelegt. Bei der AVP Pleite hatte ich angeregt, dass die nicht betroffenen Apotheken doch eine verhältnismäßig geringe Spende geben könnten. Keine Resonanz.
Viel bedenklicher find ich, dass auch hier die komplette Unfähigkeit unserer Vertreter augenscheinlich wird.
Denen ist nicht (mehr) zu trauen, sollten abgelöst und durch Profis ersetzt werden. Jedenfalls dürfen die für uns keine Verträge mehr abschließen.

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