Pro Generika über Paracetamol-Saft-Engpass

Preis für Wirkstoff Paracetamol in einem Jahr um 70 Prozent gestiegen

Stuttgart - 12.05.2022, 07:00 Uhr

Paracetamol-Säfte sind in Apotheken momentan schwer zu bekommen. (c / Symbolfoto: ia_64 / AdobeStock) 

Paracetamol-Säfte sind in Apotheken momentan schwer zu bekommen. (c / Symbolfoto: ia_64 / AdobeStock) 


Für Hersteller scheint es nicht mehr attraktiv zu sein, Paracetamol-Säfte herzustellen. Der Branchenverband Pro Generika erklärt in einer aktuellen Pressemitteilung, dass mittlerweile nur noch ein Hauptanbieter für Paracetamol-Saft am Markt sei.

Bereits im April hatte die DAZ die Berichterstattung des Arznei-Telegramms über den Engpass bei Paracetamol-Säften aufgegriffen. In einem Schreiben vom 1. April hatte Ratiopharm laut Arznei-Telegramm das Versorgungsdefizit mit einer „kurzfristig extrem gestiegenen Nachfrage“ begründet. Ratiopharm wollte aber ab Mai 2022 wieder liefern können. 1A-Pharma erklärte am 8. April dem Arznei-Telegramm hingegen, aufgrund gestiegener Rohstoffpreise die Produktion ihres nicht lieferbaren Paracetamol-Saftes einzustellen. „Wie bei anderen Firmen, die flüssige Paracetamol-Zubereitungen nicht mehr anbieten, scheint die finanzielle Motivation, den im Vergleich zu Tabletten aufwändiger zu konfektionierenden Saft am Markt zu halten, gering zu sein“, ordnete das Arznei-Telegramm die Situation ein.

Formal biete zwar auch Ionfarma (Barcelona, Spanien) „Apiredol Lösung“ mit 100 mg Paracetamol pro Milliliter an – allerdings „mit verschwindend geringen Verkaufszahlen“. Anfragen zur Lieferfähigkeit hatte die Firma dem Arznei-Telegramm nicht beantwortet.

Nun erklärt Pro Generika, der Verband der Generika- und Biosimilarunternehmen in Deutschland, dass nur noch „ein einziger“ Hersteller „die Hauptlast der Versorgung“ stemme – und auch dieser habe „schon mit Lieferengpässen zu kämpfen“. Diese Marktverengung wird als dramatisch, ja sogar „massiver“ als beim Tamoxifen-Engpass beschrieben. Während es vor zwölf Jahren noch elf Anbieter flüssiger Paracetamol-Zubereitungen gegeben habe, sei heute bloß noch ein Hauptanbieter übrig: „Da 1 A Pharma zu Monatsbeginn ankündigte, die Produktion mangels Wirtschaftlichkeit einzustellen, muss Teva mit seiner Arzneimittelmarke ratiopharm nunmehr 90 Prozent des Bedarfes produzieren.“

Wenn die Herstellungskosten steigen – der Festbetrag aber nicht

Als Grund für die Marktverengung nennt Pro Generika den Festbetrag. Dieser sei seit zehn Jahren auf demselben Niveau (3,14 Euro) und führe dazu, dass Hersteller nur 1,36 Euro pro Flasche erhalten. Die Preise, die Hersteller für Energie, Logistik und Wirkstoffe aufbringen müssen, würden demgegenüber aber steigen. „Allein in den letzten 12 Monaten ist der Wirkstoff Paracetamol um 70 Prozent teurer geworden“, heißt es. Ein solches Verlustgeschäft halte kein Unternehmen auf Dauer durch, so der General Manager Teva Deutschland & Österreich und stellvertretender Vorsitzender von Pro Generika Andreas Burkhardt. „Festbeträge und Rabattverträge müssen so lange ausgesetzt werden, bis wieder mehr Unternehmen in die Versorgung eingestiegen sind. Ansonsten kommt es zu Versorgungsengpässen – das wissen wir nicht erst seit Tamoxifen“, wird er zitiert.

Bei Paracetamol ist die Lage offensichtlich weitaus weniger dramatisch als im Fall Tamoxifen – kann man doch auf flüssiges Ibuprofen ausweichen, beziehungsweise wird Ibuprofen doch oftmals bevorzugt eingesetzt. Gerade bei Kindern, die keine Tabletten schlucken können, werden Paracetamol-Säfte gegenüber Paracetamol-Zäpfchen in der Analgesie aber oft bevorzugt. Und teils sollen Ibuprofen und Paracetamol auf ärztliche Anweisung auch im Wechsel gegeben werden. Zwar gibt es auch noch den Ben-u-ron-Saft von Bene Arzneimittel. Dessen Preis liegt mit 5,25 € aber deutlich über dem Festbetrag und eine Anfrage zur Lieferfähigkeit hatte die Firma dem Arznei-Telegramm im April nicht beantwortet. Eine Antwort auf Anfrage der DAZ bei Bene zur Einordnung der Situation lautet jetzt wie folgt:*

Update: Bene-Arzneimittel bietet weiterhin Paracetamol-Saft für Babies und Kinder an

„Über die Gründe, warum bei anderen Anbietern diese paracetamolhaltige Arzneiform nicht mehr verfügbar ist, können wir keine Aussage treffen. Jedoch führten diese anhaltenden Lieferschwierigkeiten zu einer unerwartet hohen Nachfrage nach unserem ben-u-ron®-Saft, sodass auch wir zeitweise nicht lieferfähig waren.

Wir betonen an dieser Stelle, dass die bene-Arzneimittel GmbH als familienorientiertes Unternehmen auch zukünftig den ben-u-ron®-Saft als wichtigen Bestandteil des benuron®-Produktportfolios anbieten wird.“

Stellungnahme des Geschäftsführers Dr. Hans-Peter Schulz

Dieser Text wurde am 12.05.2022 um 9:58 Uhr ergänzt.


Deutsche Apotheker Zeitung / dm
redaktion@daz.online


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