Sechs statt fünf Dosen

Warum nun weniger Menschen geimpft werden könnten

Stuttgart - 28.01.2021, 10:45 Uhr

Jeder Tropfen zählt: Aus manchen Fläschchen Comirnaty können sechs Dosen entnommen werden, dennoch könnten nun weniger Menschen geimpft werden, als vor EMA-Freigabe der sechsten Dosis. (s / Foto: Wolfilser / stock.adobe.com) 

Jeder Tropfen zählt: Aus manchen Fläschchen Comirnaty können sechs Dosen entnommen werden, dennoch könnten nun weniger Menschen geimpft werden, als vor EMA-Freigabe der sechsten Dosis. (s / Foto: Wolfilser / stock.adobe.com) 


Die Idee war gut, die Euphorie groß. Aus den Biontech-Fläschchen lassen sich auch sechs Impfdosen entnehmen, teilweise zumindest, sodass man schneller mehr Menschen gegen COVID-19 impfen könnte. Doch nun scheint es genau umgekehrt zu sein: Es könnten sogar weniger Menschen die BNT162b2-Impfung erhalten.

Erst war BNT162b2 (Comirnaty®) von Biontech/Pfizer mit fünf entnehmbaren Dosen zugelassen. Allerdings zeigte sich schnell, dass geübte Herstellende mit entsprechenden Spritzen auch eine sechste Dosis aus den Impfstoff-Fläschchen ziehen können. Nach Prof. Hans-Peter Lipp, Chefapotheker der Universitätsklinikapotheke in Tübingen, lassen sich bei mindestens jeder zweiten Ampulle von Comirnaty® sogar sieben Dosen entnehmen. Aus technischen Gründen sind die Fläschchen mehr oder weniger überfüllt – das kennt, wer auch zuvor beispielsweise in der Zytostatikaabteilung von Apotheken tätig war.

Die EMA reagierte am 8. Januar und erlaubte offiziell, eine sechste Dosis aus den Comirnaty-Fläschchen zu entnehmen, wenn beim Aufziehen eine Kombination aus Spritze und Nadel mit einem maximalen Totvolumen von 35 Mikrolitern eingesetzt wird. Bei größeren Totvolumina sei es unter Umständen nicht möglich, eine vollständige sechste Dosis zu entnehmen. 

Mehr Dosen, mehr Geimpfte – auch das Bundesgesundheitsministerium schätzte damals optimistisch, dass fortan 20 Prozent mehr Menschen geimpft werden könnten. In Zeiten rarer Impfstoffe durchaus erstrebenswert. Doch was zunächst nach mehr Impdosen anmutete, „entpuppt sich als Eigentor“, schreibt Dominik Lauck von der „Tagesschau“. Denn statt mehr würden nun sogar weniger Menschen geimpft, als wenn man einfach bei fünf Impfdosen geblieben wäre. Zudem sei das Impfen durch die Umstellung teurer geworden. Warum?

Verträge über Impfdosen und nicht über Impf-Fläschchen

Die EU hat ihre Verträge mit Biontech/Pfizer nicht über Fläschchen geschlossen, sondern über Impfdosen. Nach Recherche von Lauck kürzten daraufhin Biontech/Pfizer „schlichtweg die gelieferte Menge an Impfstoff um 20 Prozent und verwies auf die Verträge, die mit der EU-Kommission ausgehandelt worden waren“, berichtet die „Tagesschau“. Somit sind Biontech/Pfizer fein raus, halten sie sich doch an die vertraglichen Liefervereinbarungen.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

Sachlich zwar rechtens, aber...

von Thomas Bsonek am 29.01.2021 um 11:28 Uhr

Bei allem Verständnis und Honorierung der ausserordentlichen Leistungen bei der Impfstoffentwicklung:
Das Verhalten von Biontech/Pfizer ist in der Sache zwar rechtens, aber angesichts der Situation - vorsichtig ausgedrückt - mehr als unglücklich. Die ursprüngliche Planung laut Zulassungsantrag betraf 5 Dosen je vial. Also wurden durch die Zulassungserweiterung unerwartete, zusätzliche, nicht eingeplante Impfdosen generiert, die gemäss den Verträgen selbstverständlich auch zu Recht berechnet werden können. Allerdings ist es unglücklich und unklug, die Anzahl der gelieferten Vials zu reduzieren. Wo verschwinden diese zusätzlichen Kapazitäten? Irgendwas ist da faul.....

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Das Problem wäre einfach zu lösen

von Philip Prech am 28.01.2021 um 19:58 Uhr

Eigentlich sollte man erwarten können , dass einen Monat nach Impfstart ausreichend geeignete Spritzen und Kanülen zur Verfügung stehen. Falls es dennoch Engpässe gibt, funktioniert nach Angaben aus den USA auch das Verwenden von 3 Spritzen mit normalem Totvolumen und 3 Spritzen mit geringem Totvolumen, um 6 Dosen aus einem VIal zu entnehmen.

Genauso wichtig wäre der Einsatz geeigneten Personals. Apotheker und PTA mit Erfahrung in der Sterilherstellung sind gewöhnt, auch den letzten Rest aus einem Vial zu entnehmen. Leider verzichten viele Bundesländer auf ihren Einsatz.
Damit würde sich auch der gesamte Prozess verbessern. Statt irgendwie nebenher oder zwischen Impfungen würde das Verdünnen und Aufziehen der Dosis von kompetenten Personen erledigt, die sich voll auf diese Aufgabe konzentrieren können.
Mehr Qualität und weniger Verschwendung von kostbarem Impfstoff wäre das Ergebnis.

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