Gesundheitspolitik

Bewährte Strukturen stärken – nicht neue Institutionen bauen

Ein Kommentar

Dr. Thomas Müller-Bohn, Apotheker und Dipl.-Kfm., Redakteur der DAZ

Sozial benachteiligte Patientengruppen haben Schwierigkeiten, den richtigen Zugang zum Gesundheitswesen zu finden. Es ist traurig und ein Armutszeugnis für das Gesundheitssystem, wenn dieses System offenbar so kompliziert und abweisend ist, dass viele Menschen erst organisatorische Hilfe brauchen, um medizinische Hilfe zu bekommen. Für viele dieser Fälle sollten die Krankenkassen mit ihren Geschäftsstellen zuständig sein. Oft übernehmen Arztpraxen, Apotheken und andere Leistungserbringer solche Aufgaben. Apotheken sind dabei besonders gefragt, weil sie so leicht zugänglich und auch dort vorhanden sind, wo keine Krankenkasse mehr eine Geschäftsstelle hat. Diese Arbeit gehört zu den sozialen Funktionen von Apotheken, die in keinem Gesetz und keiner Statistik stehen, die nie gewürdigt und schon gar nicht honoriert werden und von denen nur die Beteiligten selbst wissen.

Allerdings fällt diese „inoffizielle“ zusätzliche Aufgabe in Apotheken und vermutlich auch bei anderen Leistungserbringern zunehmend schwer, weil die Arbeit immer schneller getaktet und durchorganisiert ist und die von Minister Lauterbach propagierten Effizienzreserven längst gehoben wurden. Leistungsfähige Strukturen wurden und werden kaputtgespart. Das trifft sozial schwache Stadtteile zuerst. Dort ist das Apothekensterben deutlich zu sehen. Aus diesem Mangel heraus und weil in unserer Welt jede Zuständigkeit formell geregelt werden muss, soll nun eine neue Institution geschaffen werden, um zu machen, was auch informell möglich wäre, wenn genug Geld da wäre.

Um wie viel Geld es geht, ergibt sich erst auf den zweiten Blick. Gemäß dem Bundesgesundheitsministerium soll das Geld zu 74,5 Prozent von der GKV, zu 5,5 Prozent von der PKV und zu 20 Prozent von den Kom­munen kommen. Der Betrag bleibt dabei offen. Gemäß einer Meldung des MDR schätzt Alexander Krauß, Sprecher der TK Sachsen, die Kosten auf 600.000 bis 700.000 Euro pro Kiosk und Jahr. Bei 1000 Kiosken, die Lauterbach anstrebt, ginge es also jährlich um 600 bis 700 Millionen Euro für alle Kostenträger zusammen.

Da drängt sich die Frage auf, was mit diesem Geld in den bewährten Strukturen zu leisten wäre. Wie viel mehr Mitarbeiter könnten eingestellt werden – auch in Apotheken? Wahrscheinlich würde das mehr Nutzen für die Patienten bringen. Denn in den vorhandenen Strukturen könnte jede zusätzliche Arbeitsminute unmittelbar an den Patienten eingesetzt werden. In einer neuen Parallelstruktur fließt dagegen zwangsläufig viel Zeit und Geld in den organisatorischen Überbau. Betriebswirtschaftlich ist das nicht effizient.

Doch statt die bewährten und effizienten Strukturen zu stärken, werden sie für ein Spargesetz herangezogen – und das auch noch zur selben Zeit, in der die neue Parallelstruktur entstehen soll. Dabei sind die finanziellen Größenordnungen bemerkenswert. Die Apotheken sollen 120 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Mehr als das Fünffache soll in die Kioske fließen. So viel Geld ist also verfügbar. Oder anders gerechnet: Der Anteil der Apotheken an den informellen sozialen Aufgaben in der ambulanten Versorgung dürfte mindestens 20 Prozent betragen. Wenn diese Arbeit honoriert würde, sollte das 120 Millionen Euro wert sein. Denn 120 Millionen Euro sind 20 Prozent der Kosten für die Kioske – und zugleich der Betrag, den die Apotheken einsparen sollen. Es gibt also mehrere Sichtweisen – und letztlich führen alle zu den gleichen Ergebnissen.

Betriebswirtschaftlich ergibt sich die Erkenntnis: Gleichzeitig bewährte Strukturen zu schwächen und mit dem „gesparten“ Geld neue organisatorische Strukturen aufzubauen, ist bestimmt nicht effizient. Mit Blick auf die Versorgung bleibt aber auch festzustellen: An manchen Standorten gibt es Bedarf an zusätzlicher sozialer Unterstützung beim Zugang zum Gesundheitssystem. Da die bestehenden Strukturen bewährt sind und ihre grundsätzliche Funktionsfähigkeit nicht bezweifelt wird, sollten diese Strukturen an den betroffenen Standorten gezielt ausgebaut werden. Eine ganz neue Struktur ist wahrscheinlich die teuerste Option. Außerdem gilt: Jede Leistung, die künftig irgendwo – in neuen oder alten Strukturen – zusätzlich erbracht wird, kostet Geld. Einsparungen lassen sich nicht verordnen. Sie ergeben sich erst später an ganz anderer Stelle, wenn die neuen Maßnahmen wirken. Das ist dann hoffentlich effizient.

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