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Wir müssen weg vom Billig-Prinzip

Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika

Foto: Svea Pietschmann

Bork Bretthauer

Was war das für eine Zahl, die im November vergangenen Jahres an die Öffentlichkeit gelangte und verdeutlichte, was bei der Versorgung mit Generika so grundlegend schiefläuft!

Weil die AOK offenbar versehentlich vertrauliche Dokumente eines Her­stellers an die Konkurrenz verschickt hatte, war die Höhe der in Rabattverträgen gewährten Preisnachlässe bekannt geworden: Ein Unternehmen hatte der Krankenkasse mehr als 99 Prozent Preisnachlass geboten.

Für einen halben Cent pro Tablette verkaufte – oder vielleicht besser: verschenkte – der Hersteller das Betäubungsmittel Buprenorphin. Wie verrückt muss dieser Hersteller sein, mögen viele spontan gedacht haben. Dabei lautet die korrekte Frage: Wie verrückt ist dieses System, das Unternehmen dazu bringt, so zu handeln? Unsere Antwort darauf: Es ist so verrückt, wie es sich die Politik ausgedacht hat. Es wieder zu ändern, ist Aufgabe für die neue Regierung – und ein großes Projekt für 2022.

Längst ist bekannt, wie es um die Versorgungssicherheit in Deutschland bestellt ist. Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell Lieferketten unterbrochen sein können und wie stark unsere Abhängigkeit von Indien und China ist. Längst ist auch bekannt, was die Ursache der Engpässe ist – ist doch der Kostendruck auf Generika in den vergangenen Jahren derart gestiegen, dass die Hersteller ihre Lieferketten letztlich nur noch auf Effizienz trimmen mussten, um dem Rabattdruck gerecht werden zu können. Seit Jahren herrscht das Billig-Prinzip: Der höchste Rabatt ist das allein ausschlaggebende Krite­rium in den Ausschreibungen. Um diese gewähren zu können, müssen Generikahersteller alle Schritte, die für mehr Liefersicherheit sorgen würden, weitgehend weglassen. Es ist deshalb an der Politik, die gesetzlichen Rahmenbedingungen jetzt anzupassen. Sie muss für Ausschreibungen verbindlich vorschreiben, dass mehrere Unternehmen den Zuschlag erhalten. Außerdem muss es hier endlich Kriterien geben, die dafür sorgen, dass die Lieferketten wieder stabiler werden. Dafür muss das System auch bereit sein, mehr zu bezahlen. Sonst kann das nicht funktionieren.

Die neue Regierung will zwar die Produktion wichtiger Wirkstoffe und Arzneimittel in Europa unterstützen und so unabhängiger werden von der Einfuhr aus Asien. Sie will bestmöglich für die nächste Krise vorsorgen, die noch viel größere Erschütterungen der Lieferketten parat halten kann, als diese. Wenn sie aber trotzdem am Hauptsache-Billig-Prinzip festhält, wird sie mit diesem Ansatz zu kurz springen und das Engpass-Problem wieder nicht lösen. |

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