Arzneimittel und Therapie

Gesundes Kind trotz Epilepsie

Keine Hinweise für neuronale Entwicklungsstörungen unter neuen Antikonvulsiva

mab | Werden junge Epileptikerinnen schwanger, ist deren Sorge häufig groß. Neben Bedenken einer genetischen Übertragung der Erkrankung stehen vor allem auch mögliche Anfälle in der Schwangerschaft und die Auswirkungen der Medikamente auf das ungeborene Kind im Fokus. Wie sich die Einnahme von Antiepileptika auf die neuronale Entwicklung auswirkt, hat eine amerikanische Arbeitsgruppe untersucht.

Erst vor wenigen Wochen standen teratogene Arzneimittel im Mittelpunkt: Die Barmer Krankenkasse hatte in ihrem Arzneiverordnungsreport darüber berichtet, dass immer noch viel zu viele Frauen im gebärfähigen Alter auch sicher teratogen wirkende Substanzen verordnet bekommen (s. DAZ 2021, Nr. 33, Editorial „Steilvorlage für die ABDA!“). Zu den bekanntesten teratogenen Substanzen zählt das Antiepileptikum Valproinsäure, wobei vor allem die Einnahme in der Frühschwangerschaft den kritischsten Zeitpunkt für ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko darstellt. So tritt bei etwa jeder zehnten exponierten Schwangerschaft ein fetales Valproat-Syndrom beim Kind auf. Dieses äußert sich in Gesichtsdysmorphien, Entwicklungsverzögerungen und angeborenen Fehlbildungen wie Spina bifida. Sowohl die Leitlinie als auch Embryotox empfehlen daher, bei jungen Frauen mit Kinderwunsch auf die besser untersuchten Substanzen Lamotrigin oder Levetiracetam umzustellen. Falls dies nicht möglich ist, soll Valproinsäure nur in der niedrigst möglichen Dosis und als Monotherapie eingesetzt werden.

Das Risiko für Fehlbildungen unter Antiepileptika ist gut untersucht. Weniger Daten gibt es hingegen – mit Ausnahme von Valproinsäure – zum Risiko für neuronale Entwicklungsstörungen unter Antiepileptika. Das hat eine amerikanische Arbeitsgruppe zum Anlass genommen und in einer prospektiven multizentrischen Studie die neuronale Entwicklung von Kindern, deren Mütter mit Antiepileptika behandelt worden waren, untersucht. Insbesondere sollten die Auswirkungen einer Antiepileptika-Exposition im dritten Trimester untersucht werden, da in Tierversuchen das höchste Risiko für Entwicklungsstörungen im letzten Schwangerschaftsdrittel am größten war. Um das Entwicklungsniveau der Kinder zu erfassen, führten die Wissenschaftler Tests nach dem Prinzip der „Bayley Scales of Infant and Toddler Development“ durch, in denen neben der Sprache auch die Motorik, Kognition, die soziale emotionale Entwicklung sowie die Alltagsfertigkeiten der Kinder bewertet werden. An der Analyse nahmen 292 Antiepileptika-exponierte Kinder sowie 90 Kinder von gesunden Müttern teil. Die Ergebnisse einer ersten Zwischenanalyse, in der die Kinder im Durchschnitt 2,1 Jahre alt waren, liegen nun vor.

Foto: stopabox/AdobeStock

Monotherapie bevorzugt

79,3% der Epileptikerinnen waren mit einer Monotherapie im dritten Trimester behandelt worden. Leitliniengemäß kamen vor allem Lamotrigin (46%) und Levetiracetam (33,2%) zum Einsatz. Es zeigte sich, dass im primären Endpunkt – Entwicklungsstörungen in der Sprache – kein Unterschied ­zwischen den Kindern von gesunden Frauen und Epileptikerinnen ersichtlich war (- 0,5 Punkte, 95%-Konfidenzintervall: -4,1 bis 3,2). Dieser Effekt trat unabhängig davon auf, ob die Mutter in der Schwangerschaft nur mit einem oder mehreren Antikonvulsiva behandelt worden war. Auch in den vier anderen getesteten Entwicklungsdimensionen konnte kein Unterschied festgestellt werden. Allerdings zeigten Sekundäranalysen, dass sich höhere Antikonvulsiva-Dosierungen im dritten Trimester in Form einer herabgesetzten motorischen Entwicklung (-5,6 Punkte) sowie einer reduzierten Anpassungsfähigkeit im Alltag (-1,4 Punkte) auf die Kinder auswirkte.

Weitere Ergebnisse folgen

Das Ergebnis ermutigt. Die Forscher merken jedoch an, dass die kindliche Entwicklung mit dem zweiten Lebensjahr noch nicht abgeschlossen ist und daher spätere Ergebnisse der Unter­suchung abgewartet werden müssen. Zudem sind zu den 30 in den USA ­verfügbaren Antiepileptika lediglich für acht Substanzen Daten zum Fehlbildungsrisiko und lediglich für sechs Substanzen Daten zur neuronalen ­Entwicklung der Kinder vorhanden. Es bleibt also spannend in der Forschung zur Epilepsie-Therapie in der Schwangerschaft. |

Literatur

Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter. S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e. V. (DGN), AWMF-Registernummer 030 – 041. Stand: April 2017, gültig bis April 2022

Kognitive Facetten der „Bayley Scales of Infant and Toddler Development – Third Edition“.Informationen der Universität Wien, https://othes.univie.ac.at/39984/, Abruf am 10. September 2021

Lamotrigin. Informationen des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie, www.embryotox.de/arzneimittel/details/lamotrigin/

Levetiracetam. Informationen des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie, www.embryotox.de/arzneimittel/details/levetiracetam/

Meador KJ et al. Two-Year-Old Two-Year-Old Cognitive Outcomes in Children of Pregnant Women With Epilepsy in the Maternal Outcomes and Neurodevelopmental Effects of Antiepileptic Drugs Study. JAMA Neurology 2021. doi: 10.1001/jamaneurol.2021.1583

Valproinsäure. Informationen des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie, www.embryotox.de/arzneimittel/details/valproinsaeure/

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