Arzneimittel und Therapie

Folgen einer adjuvanten Chemotherapie

Gewichtszunahme könnte Mikrobiom-gesteuert sein

Dass das Darmmikrobiom eine essenzielle Rolle bei vielen Erkrankungen spielt, ist kein Geheimnis. Der Zusammenhang zwischen Gewichtszunahme und Stoffwechselveränderungen bei adjuvanter Chemotherapie wurde jedoch kürzlich erstmals untersucht. Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede im Mikrobiom der Patienten, die an Gewicht zunahmen. Forscher erhoffen sich, künftig nachteilige Stoffwechselveränderungen nach der Chemotherapie vorhersagen zu können.

Eine adjuvante Chemotherapie erfolgt unterstützend nach einer Operation mit dem Ziel, möglicherweise verbliebene Tumorreste zu bekämpfen. Bei etwa einem Drittel der Patientinnen mit gynäkologischen Tumoren können nach einer adjuvanten Chemotherapie Gewichtszunahme, Anstieg der Serumlipide, des Blutdrucks und vermehrte Entzündungsmarker beobachtet werden. Bislang war unbekannt, warum manche Frauen anfälliger für diese Stoffwechselveränderungen sind als andere.

Den Darmbakterien auf der Spur

Die Forscher um Uzan-Yulzari haben vor Kurzem untersucht, ob möglicherweise eine Veränderung der Darmflora für die Gewichtszunahme bei den Frauen verantwortlich war. Dass sich das Darmmikrobiom durch eine Chemotherapie verändert und auch die akute Toxizität der Therapie beeinflussen kann, ist bekannt. In dieser Studie lag der Fokus jedoch auf der Zusammensetzung des Mikrobioms vor der Chemotherapie und dessen Einfluss auf später auftretende Veränderungen im Stoffwechsel durch die adjuvante Therapie. An verschiedenen Fakultäten in den USA und ­Israel wurden die Daten von 33 Teilnehmerinnen mit einem Durchschnittsalter von 56 Jahren analysiert, die sich alle im prä- oder postmenopausalen Zustand befanden. Ausschlusskriterium war unter anderem der Einsatz von Antibiotika während der Therapie. Vor und nach dem ersten Chemotherapie-Zyklus wurden Körpergewicht und -größe gemessen. Stuhlproben wurden vor der Chemotherapie entnommen und mittels bakterieller DNA-Extraktion, Amplifikation und Sequenzierung sowie zahlreicher weiterer Verfahren analysiert.

Mikrobiom als Risikofaktor und Biomarker?

9 der 33 Probandinnen nahmen nach der adjuvanten Chemotherapie drei oder mehr Prozent an Körpergewicht zu, der Rest der Patientinnen stellte die Kontrollgruppe dar. Vor der Studie hatten sich die Frauen nicht wesentlich im Alter, Menopausenstatus und Body-Mass-Index-Ausgangswert unterschieden. Auch hatten die Frauen ihre Nahrungsaufnahme nicht ­wesentlich verändert. Die Analyse des Mikrobioms zeigte signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen hinsichtlich Bakterienreichtum, Taxonomie sowie in der zwischenindividuellen Diversität. Anschließend transplantierten die Forscher speziell gezüchteten Swiss-Webster-Mäusen, die kein eigenes Mikrobiom besitzen, die entnommenen Stuhlproben der Patientinnen, die an Gewicht zugenommen hatten, so dass sich deren Mikrobiom in den Versuchstieren kultivieren konnte. Nach 28 Tagen analysierte man anhand von Kot- und Blutproben das Mikrobiom und führte einen Glucosetoleranz-Test sowie eine Bestimmung der Insulin-, Lipocalin-2- und Lipidwerte durch. Hier zeigten sich interessante Ergebnisse: Bei den mit dem Mikrobiom behandelten Mäusen zeigten sich zwar keine signifikanten Gewichtsveränderungen, jedoch höhere Blutglucose-Spiegel, Lipocalin-2-Spiegel, Gesamtcholesterol- sowie Triglycerid-Werte.

Weitere Studien notwendig

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Zusammensetzung des Mikrobioms einen großen Einfluss darauf hat, wie sich der Stoffwechsel unter einer Chemotherapie verändert. ­Allerdings ist die Probandinnenzahl von 33 sehr gering und wenig aussagekräftig. Daher sind unbedingt weitere Studien mit einer größeren Probandenzahl, spezifischerem Bezug zur Krebsart sowie die zusätzliche Ver­abreichung einer Chemotherapie im Mausexperiment erforderlich, damit die zugrunde liegenden Mechanismen geklärt werden können. Auch sonstige Einflussfaktoren auf das Mikrobiom, wie körperliche Fitness, mentaler Zustand und hormonelle Faktoren der Prä- oder Postmenopause sollten da­rüber hinaus mit einfließen, um zukünftig möglicherweise Vorhersagen über die Folgen der Therapie machen zu können. |

Literatur

Uzan-Yulzari A, Morr M, Tareef-Nabwani H et al. The intestinal microbiome, weight, and metabolic changes in women treated by adjuvant chemotherapy for breast and gynecological malignancies. BMC Medicine 20200;18:281

Die Chemotherapie. Informationen der Deutschen Krebsgesellschaft e. V., dkg-web GmbH, www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/therapieformen/chemotherapie.html, Abruf am 4. Januar 2021

Apothekerin Ann-Kathrin Vogt

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