Arzneimittel und Therapie

Sediertes Gedächtnis

Benzodiazepine sind mit erhöhtem Alzheimer-Risiko assoziiert

Vorübergehende Gedächtnis- und Wahrnehmungsstörungen sind bekannte Nebenwirkungen von Benzodiazepinen und Benzodi­azepin-ähnlichen Wirkstoffen, sogenannten Z-Substanzen. Man vermutet, dass eine längerfristige Anwendung dieser Arzneimittel den kognitiven Leistungs­verlust beschleunigen und das Demenzrisiko erhöhen könnte.

60 bis 80% aller Demenzfälle werden der Alzheimer-Krankheit zu­gerechnet. Um einen möglichen Zusammenhang zwischen der Anwendung von Benzodiazepinen sowie Z-Substanzen und einer später auftretenden Alzheimer-Erkrankung zu untersuchen, wurde eine Fall-Kontroll-Studie durchgeführt. Alle in Finnland wohnhaften Personen, die zwischen 2005 und 2011 eine klinisch bestätigte Alzheimer-Diagnose erhalten hatten, wurden dabei berücksichtigt (n = 70.719). Jedem Alzheimer-Fall wurde mindestens eine nach Alter, Geschlecht und Wohnort abgeglichene Kontrollperson gegenübergestellt (n = 282.862). Die Daten zum kumulierten Arzneimittelverbrauch – ab dem Jahr 1995 bis fünf Jahre vor der jeweiligen Alzheimer-Diagnose – und zur Anwendungsdauer stammten aus dem landesweiten Verschreibungsregister.

Die Auswertung der Daten ergab, dass eine Behandlung mit Benzo­diazepinen oder Z-Substanzen mit einem leicht erhöhten Alzheimer-Risiko assoziiert ist (bereinigte Odds Ratio 1,06; 95%-Konfidenzintervall 1,04 bis 1,08). Die Dauer der Anwendung scheint dabei von besonderer Bedeutung: Patienten der Alzheimer-Gruppe wendeten die Sedativa über einen längeren Zeitraum an als Patienten der Kontrollgruppe. Ebenso war der kumulative Verbrauch in der Alzheimer-Gruppe höher. Interessanterweise führten niedrigere Tagesdosen zu einer stärkeren Risikoerhöhung als höhere Tagesdosen. Eine Erklärung dafür wäre, dass höhere Dosen über kürzere Zeiträume verabreicht wurden und somit der Gesamtverbrauch geringer war. Zwischen den verschiedenen Untergruppen (Benzo­diazepine, Z-Substanzen, kurz/mittellang wirksame und lang wirksame Substanzen) wurden keine markanten Unterschiede gefunden.

Eine zunächst beobachtete kumulative Dosis-Wirkungs-Beziehung war nach Berücksichtigung des Einflusses anderer psychotroper Substanzen nicht mehr erkennbar. Daraus schließen die Autoren, dass der beobachtete Zusammenhang zwischen Benzodiazepinen sowie Z-Substanzen und einer Alzheimer-Demenz teilweise auf die Komedikation von Antidepressiva und/oder anderen Psychopharmaka zurückzuführen sein könnte. Auch wenn der Zusammenhang zwischen Benzodiazepinen sowie Z-Substanzen und dem Risiko einer Alzheimer-Erkrankung eher klein zu sein scheint, raten die Autoren dazu, aufgrund des bekannten Nebenwirkungsprofils möglichst auf die Verordnung dieser Substanzen zu verzichten.

Eine Limitation der Studie ist dadurch gegeben, dass der Einsatz der Substanzen in Krankenhäusern nicht berücksichtigt wurde. Darüber hinaus kann der Verbrauch unterschätzt worden sein, da lediglich die erstatteten Anwendungen aus dem Verschreibungsregister extrahiert wurden. |

Quelle

Tapiainen V et al. The risk of Alzheimer’s disease associated with benzodiazepines and related drugs: a nested case-control study. Acta Psychatr Scand 2018;138(2):91-100

Apothekerin Dr. Daniela Leopoldt

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