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Medizin

Alarmzeichen rotes Auge

Rote Augen differenzialdiagnostisch unterscheiden

Welcher Apotheker kennt das nicht: Es ist Wochenende, die Augenarztpraxen sind geschlossen. Patienten mit geröteten Augen und Begleitsymptomen stellen sich in der Apotheke vor und wünschen sich eine Therapie zur Linderung ihrer Beschwerden. Doch welche Patienten gehören schnellstmöglich in die Hände eines Augenarztes? Der folgende Übersichtsartikel soll die wichtigsten und häufigsten Ursachen für das rote Auge erläutern und Ihnen einen kurzen Leitfaden zur Beratung der Patienten an die Hand geben.  | Von Anna Katharina Paul, Anna Sophie Moser und Gangolf Sauder

Konjunktivitis

Die Bindehaut (Konjunktiva) ist eine durchsichtige, gut durchblutete, verschiebliche Membran, die den Augapfel bedeckt. Die Bindehaut besteht aus einer Vielzahl an Zellen, die an der Produktion von Anteilen des Tränenfilms oder der lokalen Immunabwehr beteiligt sind. Als Konjunktivitis wird die Entzündung der Bindehaut bezeichnet. Diese tritt entweder solitär oder aber in Verbindung mit einer Entzündung der Lidränder (Blepharokonjunktivitis) oder der Hornhaut (Keratokonjunktivitis) auf. Charakteristisch ist eine Rötung der Bindehaut, oft begleitet von Symptomen wie Nässen, Brennen und Jucken der Augen. Die Sehschärfe bleibt in der Regel erhalten, ein leicht verschwommener Seheindruck wird manchmal von den Patienten beschrieben.

Die Ursachen für eine Bindehautentzündung sind vielfältig. Unterschieden wird zwischen nicht-infektiösen Ursachen (Keratokonjunktivitis sicca/Blepharokonjunktivitis, allergische Konjunktivitis) und infektiösen Ursachen (virale/bakterielle Konjunktivitis). Wichtige Hinweise über die Genese der Konjunktivitis können die spezifischen Symptome, die Dauer der Erkrankung und die bisherig erfolgten Therapien geben.

Keratokonjunktivitis sicca

Eine der häufigsten Ursachen für eine gerötete Bindehaut ist eine durch Trockenheit der Augen verursachte Entzündung der Bindehaut, die sogenannte Keratokonjunktivitis sicca. Das Auge ist auf eine ausreichende Befeuchtung angewiesen. Der Tränenfilm setzt sich aus wässrigen und fettigen Anteilen zusammen. Die wässrigen Anteile werden durch die Tränendrüsen produziert, der fettige Anteil durch Drüsen, welche ihren Sitz im Bereich der Lidkanten haben. Ist die Zusammensetzung des Tränenfilms gestört, kommt es zu Irritationen bis hin zu schwerwiegenden entzündlichen Zuständen der Augenoberfläche. Je nach Schweregrad der Erkrankung reichen die Symptome der Patienten von einem retrobulbären Druckgefühl, einem intermittierenden verschwommenen Seheindruck, einem Gefühl der Müdigkeit/ Anspannung der Augen über Brennen, Jucken, vermehrtem Tränen der Augen (Epiphora) bis hin zu deutlicher Sehverschlechterung und starken Schmerzen. Patienten mit einer schwerwiegenden Ausprägung eines trockenen Auges befinden sich jedoch meist schon in dauerhafter augenärztlicher Behandlung.

Therapeutische Maßnahmen umfassen zunächst einmal Tränenersatzmittel, wobei konservierungsmittelfreien Präparaten der Vorzug zu geben ist. Der Markt bietet eine große Produktpalette an Tränenersatzmitteln an. In die Beratung bei der Produktauswahl sollten die Ausprägung des Beschwerdebildes, mögliche Allergien sowie die Handhabung der Dosierbehältnisse einfließen. Spätestens wenn die Anwendung künstlicher Tränen keine Besserung der Beschwerden herbeiführt, sollte ein Besuch beim Augenarzt empfohlen werden. Dieser kann den Schweregrad der Erkrankung bestimmen und hieraus eine adäquate Therapie ableiten. Diese kann neben Tränenersatzmitteln auch z. B. topische Steroide oder auch lokale Immunmodulation umfassen. Eine chronische Lidrandentzündung kann ebenfalls Ursache für die Beschwerden sein (siehe Blepharitis).

Neben der medikamentösen Therapie kann der Augenarzt auch nicht-medikamentöse Therapiemaßnahmen ergreifen. So sollte beispielsweise die Korrektur einer Fehlsichtigkeit erfolgen, da auch dies ursächlich für Beschwerden eines trockenen Auges sein können. Die Okklusion der Tränenpünktchen ist ebenfalls eine therapeutische Möglichkeit. Auch Lidfehlstellungen können zu einer Befeuchtungsstörung des Auges führen und müssen gegebenenfalls operativ korrigiert werden.

Außerdem können sich systemische Erkrankungen durch eine Befeuchtungsstörung der Augen manifestieren. Eine Kooperation des Augenarztes mit Ärzten anderer Fachrichtungen ist zur Diagnostik und Therapieentscheidung daher unter Umständen indiziert.

Infektiöse Konjunktivitis

Die klassischen Symptome einer Bindehautentzündung sind ein Juckreiz im Bereich der Augen, vermehrte Absonderung von Sekret (Tränen, Eiter) sowie eine deutliche Rötung der Augen, manchmal mit Schwellung der Bindehaut. Viele viral bedingte Bindehautentzündungen treten als Begleiterscheinung im Rahmen eines generellen Infektes, z. B. einer Erkältung oder einer Grippe auf. Eine symptomatische Therapie mit Tränenersatzmitteln ist als Therapie in diesen Fällen oft ausreichend. Bei ausgeprägter Schwellung der Lider und Absonderung von Eiter ist ein Besuch beim Augenarzt indiziert. Dies sind Hinweise auf eine bakterielle Bindehautentzündung (Abb. 1), in der Regel ist hier eine antibiotische Behandlung indiziert.

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Abb. 1: Bakterielle Konjunktivitis Charakteristisch sind muköses Sekret (schwarzer Pfeil) und glasig gerötete Schwellung der Bindehaut (weißer Pfeil).

Stellt sich ein Kontaktlinsenträger mit Beschwerden im Sinne einer Konjunktivitis vor, ist eine sofortige augenärztliche Vorstellung indiziert. Schwere, Kontaktlinsen-assoziierte Infektionen können zu einer ausgeprägten dauerhaften Herabsetzung der Sehschärfe bis hin zur Erblindung führen. Die Frage nach dem Tragen von Kontaktlinsen ist daher unbedingt zu stellen.

Eine im höchsten Maße ansteckende und meldepflichtige virale Bindehautentzündung ist die Keratokonjunktivitis epidemica, welche durch Adeno-Viren verursacht wird und epidemisch auftreten kann. Die Infektion erfolgt über eine Tröpfchen- bzw. Schmierinfektion. Betroffene Patienten stellen sich in der Regel mit starkem Juckreiz, Brennen, Tränenfluss und geschwollener Bindehaut vor. Die Erkrankung beginnt oft einseitig und betrifft (durch Schmierinfektion) im Verlauf auch das zweite Auge. Schwerwiegende Ausprägungen der Erkrankung können durch Bildung von Hornhautnarben oder aber Lidfehlstellungen und deren Folgeerkrankungen zu einer dauerhaften Visus-Verschlechterung führen. Die Diagnose wird vom Augenarzt in der Regel klinisch festgestellt, die Anwendung von Schnelltests ist umstritten. Therapeutisch werden zur Linderung der Symptome Tränenersatzmittel empfohlen, die Studienlage zu weiteren medikamentösen Therapien wie z. B. Aciclovir Augensalbe, regelmäßigen Spülungen mit einer Jodlösung zeigt unterschiedliche Erfolge. Eine ursächliche Therapie gibt es nicht.

Betroffene müssen aufgrund der für 14 Tage bestehenden hohen Kontagiosität strenge hygienische Maßregeln beachten. Insbesondere Händekontakt ist unter allen Umständen zu vermeiden. Zur Händedesinfektion sollte ein Adeno-Viren erfassendes Desinfektionsmittel verwendet werden.

Saisonale, allergische Konjunktivitis

Besonders im Frühjahr stellen sich viele Patienten mit geröteten Augen, Juckreiz und vermehrtem Tränenfluss vor. Die Verdachtsdiagnose einer allergischen Konjunktivitis ist oft durch eine kurze Allergieanamnese zu stellen. Topische Antiallergika können in der Apotheke rezeptfrei erworben werden und führen oft zu deutlicher Linderung der Beschwerden. Ist dies nicht der Fall, sollte dem Patienten ein Besuch beim Augenarzt empfohlen werden, da Differenzialdiagnosen oder Begleiterkrankungen ausgeschlossen werden müssen. Auch gibt es schwerwiegende Ausprägungen einer allergischen Konjunktivitis, welche unter Umständen einer immunmodulierenden Therapie bedürfen.

Blepharitis

Bei einer Lidrandentzündung (Blepharitis, Abb. 2) leiden Patienten zumeist beidseitig und chronisch an kratzenden, brennenden Schmerzen und Fremdkörpergefühl. Die Augenlider sind gerötet und häufig verkrustet, auch die Bindehaut kann gerötet sein. Da die Meibom-Drüsen, die für den öligen Anteil des Tränenfilms verantwortlich sind, bei diesem Krankheitsbild nicht adäquat funktionieren, ist die Blepharitis mit dem trockenen Auge vergesellschaftet. Behandelt wird die Lidrandentzündung mit Lidrandhygiene und lipidhaltigen Tränenersatzmitteln, vorübergehend kann eine antibiotische oder antientzündliche Therapie von Nutzen sein. Für die Lidrandhygiene gibt es spezielle Pflegeprodukte, z. B. Waschlotionen. Meistens sind die Patienten wegen einer Blepharitis schon seit längerer Zeit in augenärztlicher Behandlung, da es sich um ein chronisches Krankheitsbild mit jedoch hohem Leidensdruck handelt. Die Blepharitis sollte neben dem Augenarzt auch durch den Hautarzt mit­beurteilt werden.

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Abb. 2: Blepharitis Verklebte Wimpernbälge mit Zelldébris (schwarzer Pfeil), Lidfehlstellung (Ektropium, weißer Pfeil).

Hordeolum

Ein Gerstenkorn (Hordeolum, Abb. 3) bezeichnet eine akute bakterielle Entzündung einer Meibom- oder Zeiss-Drüse am Augenlid. Ein Gerstenkorn zeigt sich durch eine Schwellung und Rötung des Augenlids, meist wird ein Druckschmerz beschrieben. Häufig kann ein Knoten am Augenlid getastet werden. In den meisten Fällen ist eine lokale Therapie z. B. mit Gentamicin/Dexamethason-haltiger Augensalbe ausreichend. Zusätzlich dazu können warme Kompressen aufgelegt werden. Manchmal muss jedoch auch eine Inzision des Gerstenkorns erfolgen oder eine systemische Antibiotika-Therapie eingeleitet werden, falls es zur Ausbreitung der Infektion (Lidphlegmone, Abb. 4) kommt.

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Abb. 3: Hordeolum Durch eine bakterielle Infektion bestimmter Drüsen am Augenlid bildet sich ein sogenanntes Gerstenkorn, eine schmerzhafte und druckempfindliche Eiteransammlung.
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Abb. 4: Lidphlegmone Breitet sich die Infektion unter der Haut aus und geht auf die Lider über, können sie stark anschwellen.

Dakryoadenitis

Eine Entzündung der Tränendrüse (Dakryoadenitis) führt zur Rötung und Schwellung des Oberlids. Das Lid ist druckschmerzhaft, es kann zu eitrigem Ausfluss aus dem Auge kommen. Typischerweise zeigt das Oberlid eine sogenannte Paragraphenform, die durch Schwellung des temporalen Oberlids entsteht. Eine Dakryoadenitis ist zumeist bakteriell bedingt, muss antibiotisch therapiert und engmaschig kontrolliert werden. Auch hierdurch ist die Entstehung einer Orbitaphlegmone (s. u.) möglich.

Dakryozystitis

Bestehen eine Rötung und Schwellung über dem Tränensack, unterhalb des nasalen Lidwinkels, ist diese Region druckschmerzhaft und entleert sich Eiter über die Tränenpünktchen, so besteht mit höchster Wahrscheinlichkeit eine Dakryozystitis. Eine antibiotische Therapie, häufig eine Abszessspaltung und Spülung mit Jodlösung durch einen Augenarzt sind notwendig. Manchmal werden die Patienten zur Überwachung und Therapie stationär aufgenommen. Eine chirurgische Rekonstruktion der Tränenwege wird im reizfreien Intervall durchgeführt.

Orbitaphlegmone

Von unterschiedlichen Entzündungsherden ausgehend kann es zu einer diffusen bakteriellen Bindegewebsentzündung der Lider kommen. Meistens handelt es sich bei den Erregern um Staphylokokken oder Streptokokken. Die Lider sind gerötet, geschwollen und druckschmerzhaft. Nun muss eine systemische Antibiotika-Therapie eingeleitet werden, und eine Ausdehnung der Infektion in die Orbita muss ausgeschlossen werden. Hierfür hat ein Augenarzt verschiedene Prüfungskriterien. Im Falle einer Ausbreitung der Infektion in die Orbita besteht ein Erblindungsrisiko, und der Patient muss im Krankenhaus aufgenommen werden.

Skleritis

Sehr starke, bohrende, ausstrahlende Schmerzen und eine Rötung des Auges sind Symptome einer Entzündung der Lederhaut (Sklera). Die Rötung entsteht durch Entzündung von tiefen skleralen Gefäßen und oberflächlichen Bindehautgefäßen. Eine Skleritis kann diffus oder nodulär (knotig erscheinend und lokal begrenzt) auftreten, sie kann die vorderen oder auch die hinteren Abschnitte der Sklera betreffen. Etwa 50% der Patienten leiden unter einer systemischen Grunderkrankung, die damit assoziiert ist. Falls keine entsprechende Erkrankung bekannt ist, sollte eine Abklärung erfolgen. Therapiert wird eine Skleritis je nach Ausmaß mit Antihistaminika, nichtsteroidalen Antirheumatika, Corticosteroiden oder immunsuppressiver Therapie. Wegen Visus-gefährdender Komplikationen, wie einer Nekrose und Ausdünnung der Sklera, sollten die Patienten augenärztlich überwacht werden.

Episkleritis

Die Episklera ist eine dünne, gut vaskularisierte Membranschicht, die sich zwischen der Sklera und der Bindehaut befindet. Eine Entzündung dieser Membranschicht, eine Episkleritis (Abb. 5), erscheint ähnlich wie eine Skleritis. Allerdings sind die Schmerzen sehr viel geringer ausgeprägt, und sie betrifft jüngere Patienten. Eine assoziierte Grunderkrankung liegt meistens nicht vor. Entzündet sind hierbei die episkleralen Gefäße. Behandelt wird eine milde Episkleritis mit Tränenersatzmitteln, ein stärker ausgeprägter Befund mit lokalen Steroiden oder systemischen nicht­-steroidalen Antirheumatika.

Foto: Charlottenklinik für Augenheilkunde, Stuttgart
Abb. 5: Episkleritis Deutlich erkennbar sind sektoriell erweiterte, korkenzieherartig geschlängelte Gefäße.

Uveitis

Bei einer Uveitis handelt es sich um eine Entzündung der Uvea (mittlere Augenhaut), die aus Regenbogenhaut, Ziliarkörper und Aderhaut besteht. Je nachdem, welche anatomischen Strukturen betroffen sind, unterscheiden sich die Nomenklatur, die Symptomatik sowie das Ausmaß der Therapie. Die häufigste und bekannteste Manifestation ist die Regenbogenhautentzündung (Iritis).

Im akuten Stadium leiden die Patienten bei einer sogenannten Uveitis anterior unter Schmerzen (häufig von den Patienten als starke Druckschmerzen beschrieben), Lichtempfindlichkeit, tränendem Auge und Visus-Minderung, das Auge erscheint stark gerötet. Die Uveitis intermedia ist eher schmerzlos, Patienten bemerken Schwebeteilchen vor beiden Augen und eine Visus-Minderung. Die gleichen Symptome wie bei einer Uveitis anterior (Abb. 6) können in eher abgeschwächter Form auftreten. Eine Uveitis posterior führt neben einer Visus-Reduktion nur selten zu Schmerzen und Rötung des Auges.

Jegliche Form der Uveitis bedarf dringend einer ärztlichen Beurteilung zur Einleitung der notwendigen Therapie. Teilweise reicht eine topische, in manchen Fällen ist eine systemische Therapie notwendig. Ursächlich kommen z. B. Infektionserkrankungen, rheumatische Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Folge durch chirurgische Eingriffe (Differenzialdiagnose: bakteriell bedingte Endophthalmitis) infrage, eine Abklärung sollte durch den Augenarzt veranlasst werden. Häufig wird jedoch keine eindeutige Ursache gefunden.

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Abb. 6: Uveitis anterior Gemischte Infektion: erweiterte Gefäße der Konjunktiva (schwarzer Pfeil) und der Sklera (weißer Pfeil)

Keratitis und Ulcus corneae

Als Keratitis wird eine Entzündung der Hornhaut, der Kornea, bezeichnet. Beschwerden macht eine Keratitis durch eine ausgeprägte Lichtempfindlichkeit (Photophobie), Schmerzen, vermehrten Tränenfluss und – je nach Lokalisation der Läsion – eine Herabsetzung der Sehschärfe. Ursachen für eine Keratitis sind unterschiedlich. Sie kann durch mechanische Irritation, also durch einen Fremdkörper, oder eine Lidfehlstellung induziert werden. Auch als Folge einer Benetzungsstörung (siehe Keratokonjunktivitis sicca) kann eine Keratitis auftreten, der Verdacht auf eine Systemerkrankung (z. B. Kollagenosen wie Sjögren Syndrom, Lupus erythematodes etc.) muss entsprechend abgeklärt werden. Auch eine chemische Irritation z. B. durch Verätzung oder auch durch medikamentöse Therapie kann zu einer Keratitis führen.

Infektiöse Keratitiden durch Herpes-Viren kommen häufig vor. Eine Herpes-simplex-Keratitis kann vom Augenarzt beispielsweise an der typischen bäumchenartigen (Dendritica-) Figur auf der Hornhaut diagnostiziert werden. Auch eine Herpes-Zoster-Keratitis gehört zu den häufigen Diagnosen in der augenärztlichen Praxis. Nach einer Erstinfektion, oft im Rahmen einer Varizellen-Infektion in der Kindheit, persistiert das Varizella-Zoster-Virus im Ganglion ciliare und kann dort reaktiviert werden. Beschwerden einer Zoster-Keratitis können schon Tage vor Ausbruch des typischen Hautexanthems auftreten. Spätestens mit Auftreten des Exanthems ist die klinische Diagnose gesichert. Die Herpes-assoziierten Keratitiden und andere virale und bakterielle Keratitiden müssen vom Augenarzt entsprechend diagnostiziert und therapiert werden. Besondere Risikopatienten für bakterielle/parasitäre Keratitiden sind Kontaktlinsenträger. Insbesondere auch eine mögliche intraokulare Beteiligung muss untersucht werden. Bleibt diese unentdeckt, können hieraus dauerhafte irreversible Schäden mit Herabsetzung der Sehkraft des Patienten resultieren.

Aus nahezu allen Keratitiden können sich Geschwüre der Hornhaut bilden. Ein sogenanntes Ulcus corneae (Abb. 7) wird vom Augenarzt engmaschig kontrolliert. Narben durch ein Ulcus corneae können zu einer dauerhaften Herabsetzung der Sehschärfe führen. Eine zunehmende Ausdünnung der Hornhaut kann zu einer Perforation des Auges führen. Eine Perforation ist ein absoluter Notfall, da eine Erblindung des Patienten droht.

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Abb. 7: Ulcus corneae Geschwüre der Hornhaut können zur Narbenbildung und zu einer dauerhaften Herabsetzung der Sehschärfe führen.

Glaukom

Einen absoluten Notfall in der Augenheilkunde ist eine akute Erhöhung des Augeninnendrucks, im Volksmund oft auch „Glaukom-Anfall“ genannt. Die akute Erhöhung des Augen­innendruckes kann unbehandelt zur Erblindung führen. Die Patienten klagen meist über starke Schmerzen am betroffenen Auge, das Auge ist oft gerötet, die Hornhaut kann getrübt wie Milchglas imponieren. Die Sehschärfe sowie die Pupillenreaktion am betroffenen Auge sind meist herabgesetzt.

Die Ursachen für einen akuten Anstieg des Augeninnen­druckes sind verschieden. Es wird bei den Ursachen zwischen primären und sekundären Glaukom-Erkrankungen unterschieden. Primäre Glaukom-Erkrankungen umfassen vor allem das Offenwinkel- und Engwinkel-Glaukom, sekundäre Glaukome können beispielsweise im Rahmen von Entzündungen oder medikamenteninduziert (z. B. durch Einnahme von Steroiden) auftreten. Nur ein Augenarzt kann die Diagnose sichern, die Ursache feststellen und eine entsprechende Therapiemaßnahme einleiten. Diese umfassen je nach vorliegender Grunderkrankung eine medikamentöse Behandlung bis hin zu operativen Maßnahmen.

Hyposphagma

Oft verwechselt mit einer Bindehautentzündung wird das sogenannte Hyposphagma (Abb. 8). Hierbei handelt es sich um ein geplatztes Gefäß unter der Bindehaut, welches zu einer blutroten, schmerzlosen, meist sektoriellen Rötung des Auges führt. Ursächlich für ein Hyposphagma kann eine mechanische Irritation sein (Reiben) oder aber ein erhöhter Blutdruck, manchmal in Verbindung mit der Einnahme von oralen Antikoagulanzien. Der Blutdruck und blutverdünnende Therapien sollten daher bei wiederholtem Auftreten eines Hyposphagmas überprüft werden. Ein Hyposphagma verunsichert den Patienten durch die starke Rötung, ist jedoch für das Auge ungefährlich und heilt folgenlos ab.

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Abb. 8: Hyposphagma (weißer Pfeil) Ein geplatztes Gefäß wird oft mit einer Bindehautentzündung verwechselt.

Rotes Auge - postoperativ und posttraumatisch

Wenn der Patient ein Augentrauma oder eine zurückliegende Augenoperation in Zusammenhang mit akuten Beschwerden an dem betroffenen Auge angibt, sollte er unverzüglich bei einem Augenarzt vorstellig werden.

Im Falle eines Traumas müssen eine Perforation (durch ein Trauma bedingte Eröffnung von Augenhäuten mit oder ohne Verlust von intraokularem Material), ein Knochenbruch im Bereich der Augenhöhle mit Gefahr der Einklemmung wichtiger Strukturen, oberflächliche Verletzungen, Augeninnendruckerhöhung und eine Entzündung des Auges ausgeschlossen werden.

Insbesondere im ersten Monat nach einer Augenoperation besteht das Risiko einer Entzündung des Augeninneren durch Eintritt von Bakterien über die Operationszugänge (Endophthalmitis). Eine Endophthalmitis bedarf umgehend der Einleitung einer systemischen Breitbandantibiotika-­Therapie sowie der operativen Glaskörper-Entfernung und Spülung des Augeninneren mit Antibiotika und Cortico­steroiden. Selten kann es jedoch auch nach Monaten oder Jahren noch zu einer bakteriellen Entzündung in Folge der Operation kommen (z. B. Filterkissen-Entzündung nach filtrierender Glaukom-Chirurgie). Weitere mögliche Komplikationen nach einer Operation, die mit Schmerzen und Rötung des Auges und gegebenenfalls Visus-Reduktion einhergehen, sind z. B. Augeninnendruckerhöhung und Hornhaut­oberflächenstörungen mit Gefahr der Bildung eines Hornhautgeschwürs.

Abb. 9: Pfad zur Diagnostik des roten Auges

Das rote Auge hat eine Vielzahl an möglichen Ursachen. Um diese zu erkennen und adäquat zu behandeln, bedarf es einer augenärztlichen Untersuchung. Eine Anamnese des Beschwerdebilds (Abb. 9), Kenntnisse über die Dauer der Beschwerden, bisherige Medikation oder Begleiterkrankungen können Hinweise auf die Ursache der Beschwerden geben und helfen, die Dringlichkeit einer augenärztlichen Untersuchung abzuschätzen. Nur wenige Therapiemöglichkeiten sind rezeptfrei zugänglich. Spätestens wenn diese Therapiemöglichkeiten zu keinerlei Linderung der Beschwerden führen, ist eine augenärztliche Untersuchung indiziert. |

Literatur

Erb C. Medikamentöse Augentherapie. 6. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage 2016, Thieme Verlag

Bagheri N. The Wills Eye Manual. 7. Auflage, Juni 2016, Wolters Kluwer

Burk R, Burk A. Checkliste Augenheilkunde. 5. Auflage 2014, Thieme Verlag

Autoren

Dr. med. Anna Katharina Paul, Studium der Humanmedizin an der Universität Ulm und der Université d’Angers, Frankreich

2012 bis 2013 Forschungstätigkeit im Zentralen Ultraschall der Universitätsklinik Ulm

seit 2013 Anstellung als Assistenzärztin in der Charlottenklinik für Augenheilkunde Stuttgart

2017 Promotion an der Universitätsklinik Ulm

Dr. Anna Sophie Moser, Studium der Humanmedizin an der Universität Ulm

2013 Promotion an der Universität Ulm

2013 bis 2014 Innere Medizin im Krankenhaus Bad Cannstatt, Klinikum Stuttgart

2014 bis 2016 Augenheilkunde im Diakonissenkrankenhaus Karlsruhe-Rüppurr

seit 2016 Charlottenklinik für Augenheilkunde, Stuttgart

Prof. Dr. med. Gangolf Sauder, Studium der Humanmedizin an der Friedrichs-Wilhelm-Universität in Bonn

1996 bis 1999 Facharztausbildung am Stiftungsklinikum Mittelrhein Koblenz

2000 bis 2006 Leitender Oberarzt der Universitäts-Augenklinik Mannheim

seit 2006 Chefarzt der Charlottenklinik für Augenheilkunde, Stuttgart

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