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Toxikologie
Illegal Highs
Welche „neue psychoaktive Substanzen“ jetzt verboten sind
Seit einiger Zeit haben die psychoaktiven Verbindungen wieder eine erhebliche Aufmerksamkeit erlangt, weil sie in großem Umfang illegal vertrieben werden: Methamphetamin (Abb. 1) ist heute eher unter dem Namen „crystal meth“ bekannt. Das Ausmaß des Problems wird u. a. daran deutlich, dass seit Kurzem erstmals eine spezielle S3‑Leitlinie über „Methamphetamin-bezogene Störungen“ zur Verfügung steht (AWMF-Register-Nr. 038/024). Sie soll „allen Berufsgruppen im Gesundheitswesen mehr Handlungssicherheit im Umgang mit betroffenen Patienten geben“.
Um das Verbot der klassischen Psychostimulanzien bzw. Betäubungsmittel zu umgehen, werden die bekannten Molekülstrukturen der Wirkstoffe minimal verändert, z. B. durch Einführung einer Alkylgruppe oder eines Halogen-Atoms. Mit jeder Änderung der chemischen Struktur können sich auch die pharmakodynamischen und -kinetischen Eigenschaften ändern. Ob und in welchem Ausmaß die Eigenschaften einer neuen Substanz verändert werden, bleibt zunächst unklar. Zwar bestehen zunehmend Kenntnisse über die Zusammenhänge zwischen Struktur und Wirkungen, sie sind aber zurzeit nicht ausreichend, um mit der notwendigen Zuverlässigkeit die Potenz der Verbindung oder ihre Wirkungen exakt vorauszusagen.
Nach der bisherigen Gesetzgebung fällt eine neue Substanz zunächst jedoch nicht unter das BtMG und kann „legal“, etwa über das Internet, verkauft werden. Die Stoffe werden hier oft als Legal Highs, research chemicals oder Bestandteile von Kräutermischungen angeboten und sind meist mit einem Hinweis versehen wie „Nicht zum Verzehr geeignet“. Erfolgt ein Verbot, befinden sich bald erneut variierte Moleküle im Umlauf, bis zu deren Verbot wiederum eine gewisse Zeit vergeht. Bis Ende 2015 waren weltweit über 600 Molekülstrukturen bekannt, die als neue psychoaktive Substanzen eingestuft wurden. Den größten Anteil daran hatten Cannabinoidrezeptor-Agonisten und Stimulanzien (je 35%), gefolgt von Halluzinogenen (18%). Der Rest entfällt auf die Opioide sowie Hypnotika und Sedativa [1].
Die Produzenten der als „legal“ bezeichneten Stoffe und die Gesetzgebung stehen also in einer Situation, die an den Wettlauf zwischen Hase und Igel erinnert. Um die Flut der sogenannten neuen psychoaktiven Stoffe (NPS) effektiver bekämpfen zu können, verabschiedete der Deutsche Bundestag im September 2016 als Ergänzung zum Betäubungsmittelgesetz das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG), das mit der Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt am 26. November in Kraft trat. Das NpSG enthält zum ersten Mal eine Stoffgruppenregelung, die vom Phenethylamin abgeleitete Stoffe sowie Cannabimimetika mit definierten Strukturen verbietet. Bisher wurden bei jeder Ergänzung der Liste illegaler Drogen nur einzelne Substanzen neu dem BtMG unterstellt.
Der Schutz der Konsumenten spielt beim NpSG eine wichtige Rolle, da die Chemikalien in der Regel nicht ausreichend auf ihre toxikologischen Eigenschaften untersucht wurden. Die Legalität suggerierte vermeintliche Sicherheit. Davon kann jedoch keine Rede sein, da keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu den Dosierungen oder Nebenwirkungen durchgeführt wurden und keine Kenntnisse über Abhängigkeitspotenziale geschweige denn Langzeiteffekte existieren. Die Konsumenten tauschen ihre Erfahrungen vor allem in Internetforen aus, dies kann aber sicherlich keine systematische Untersuchung der pharmakologisch-toxikologischen Wirkungen ersetzen. In Deutschland wurden für das Jahr 2015 insgesamt 39 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Konsum von neuen psychoaktiven Stoffen polizeilich registriert.
Da deutliche Unterschiede im Wirkprofil der psychoaktiven Substanzen bestehen, sollen die wichtigsten Substanzklassen und deren Wirkungen im Folgenden vorgestellt werden.
Stimulanzien
Bei den Wirkungen der Psychostimulanzien werden im Wesentlichen zwei Mechanismen unterschieden. Zum einen kann die Wiederaufnahme von Dopamin, Serotonin und Noradrenalin gehemmt werden, zum anderen kehren manche Substanzen die Aktivität der monoaminergen Wiederaufnahmepumpen um. Beides führt zu erhöhten Konzentrationen der Neurotransmitter im synaptischen Spalt von Neuronen.
Als psychoaktive Stoffe haben vor allem die Derivate des Cathinons (z. B. Mephedron, 3,4‑Methylendioxypyrovaleron (MDPV), Butylon) Bekanntheit erlangt. Cathinon ist ein Alkaloid des Kathstrauches Catha edulis, der in Teilen Ostafrikas und Südarabiens als Alltagsdroge dient; seine Derivate werden oft als „Badesalz“ deklariert und angeboten. Sie wirken zentral stimulierend und antriebssteigernd. Es kommt zu Euphorie, Wachheit, gesteigertem Redebedürfnis und zur Hemmung des Appetits, aber auch zu Tachykardie, Blutdrucksteigerung, Bruxismus, Mydriasis, Substanzverlangen (craving) und Agitation. Überdosierungen können zu Aggressivität, psychotischen Erlebnissen und einem Serotoninsyndrom führen.
Viele neuartige Amphetamin-Derivate (z. B. para- oder 4‑Methoxyamphetamin (PMA), 5‑(2‑Aminopropyl)-Indol (5‑IT)) mit einem vergleichbaren Wirkspektrum sind ebenfalls verbreitet. Chemisch gesehen sind sowohl Cathinone als auch Amphetamine – genauso wie Dopamin und Noradrenalin – Phenethylamin-Derivate (Abb. 1). Des Weiteren sind Aminoindan- und Piperazin-Abkömmlinge mit stimulierenden Eigenschaften in der Drogenszene bekannt [2, 3, 4, 5, 6].
Halluzinogene
Viele halluzinogene Moleküle basieren wie Serotonin (5‑Hydroxytryptamin) auf einem Tryptamin-Grundgerüst (z. B. Dimethyltryptamin (DMT), Psilocybin). Auch Vertreter aus der Gruppe der Phenethylamine (z. B. Meskalin, 4‑Bromo-2,5‑dimethoxyamphetamin (DOB)) und der Lysergamide (z. B. Lysergsäurediethylamid (LSD), 1‑Propionyllysergsäurediethylamid (1P-LSD)) sind bekannt (Abb. 2). Sie alle wirken als vollständige oder partielle Agonisten an Serotoninrezeptoren und rufen Effekte wie Halluzinationen, Synästhesien, Sinnestäuschungen und Selbstentgrenzung hervor. Es kann auch zu Horrortrips kommen. Die physiologischen Wirkungen sind im Allgemeinen eher gering. Dazu zählen Mydriasis, Vasokonstriktion, Diaphorese sowie Veränderungen von Herzfrequenz und Blutdruck.
Ein Beispiel für ein neues, synthetisches Halluzinogen ist Bromo-Dragonfly (Abb. 3). Die Bezeichnung wurde gewählt, weil die Struktur des Phenethylamin-Derivates an eine Libelle erinnert. Ihm wird eine LSD-ähnliche Wirkung zugeschrieben, jedoch mit einer Wirkdauer von bis zu zwei oder drei Tagen. Der Wirkungseintritt erfolgt oft erst nach Stunden. Dies und die Tatsache, dass die psychedelische Dosis mit 200 bis 800 µg sehr gering ist, können leicht zu einer Überdosis verleiten. Das toxische Potenzial der Substanz spiegelt sich in mehreren dokumentierten Todesfällen wider [2, 3, 4, 7].
Cannabinoidrezeptor-Agonisten
Wenn die Rezeptoren des Endocannabinoidsystems (CB1 und CB2) im ZNS stimuliert werden, kann es ebenfalls zu einem Rauschzustand kommen. Neben endogenen Agonisten wie Anandamid wirken auch verschiedene Cannabinoide der Hanfpflanze (vor allem Tetrahydrocannabinol (THC)) als partielle Agonisten. Erwünschte Wirkungen sind vor allem Entspannung, eine als angenehm empfundene Apathie und leichte Euphorie sowie eine Intensivierung von Sinneswahrnehmungen. Daneben ist Cannabis auch für seine appetitsteigernde und antiemetische Wirkung bekannt. Allerdings kann im schlimmsten Fall auch ein psychotisches Erlebnis ausgelöst werden.
Inzwischen sind neben den Cannabinoiden weitere Grundstrukturen bekannt (z. B. Aminoalkylindole und -indazole), die als Cannabimimetika wirken. Von diesen Strukturen wurden hunderte Derivate abgeleitet, die eine ähnliche Wirkung wie das THC aufweisen. Jedoch unterscheiden sie sich in der Potenz und den Nebenwirkungen. Auf den Markt gelangen die Substanzen in Reinform oder in Kräutermischungen.
Viele dieser chemischen Verbindungen wurden ursprünglich in der pharmazeutischen Industrie aufgrund ihrer analgetischen und antiemetischen Wirkungen untersucht. Ein Beispiel hierfür ist das Indazol-Derivat mit dem Kürzel MAB-CHMINACA (Abb. 4). Es wurde 2009 von Pfizer patentiert. Im Jahr 2015 konnte es in Kräutermischungen, die geraucht werden, nachgewiesen werden. Die Affinität der Verbindung zum CB1 ‑Rezeptor ist deutlich höher als die von THC. Konsumenten geben Dosierungen von etwa 1 mg an, was leicht zur Überdosierung führen kann. Zahlreiche Fälle von akuten, teilweise tödlich verlaufenden Intoxikationen wurden publiziert. Im Mai 2016 wurde MAB-CHMINACA in Deutschland dem BtMG unterstellt [2, 8, 9, 10].
Dissoziativa
Ketamin und Phencyclidin (PCP oder auch Angel Dust) werden wegen ihrer dissoziativen Wirkung (Auseinanderfallen von Körper und Umgebung, Verlust des Gefühls der persönlichen Identität) illegal genutzt. Ihre analgetische und anästhetische Wirkung beruht vor allem auf dem nicht-kompetitiven Antagonismus zum NMDA-Rezeptor. Jedoch sind auch andere Rezeptoren beteiligt. Ketamin besitzt beispielsweise eine niedrige Affinität für Opioidrezeptoren.
Wie Ketamin und PCP basieren auch neue psychoaktive Stoffe mit dissoziativer Wirkung auf einem Arylcyclohexylamin-Grundgerüst (Abb. 5). Wirkstoffe wie Methoxetamin, 3‑Methoxyphencyclidin oder N‑Ethylnorketamin rufen u. a. eine erhöhte Herzfrequenz, Analgesie, Pyrexie, verschwommene Sicht und Übelkeit hervor. Zu den ZNS-Wirkungen zählen neben der Dissoziation ein Gefühl von Schwerelosigkeit, Halluzinationen, Beeinträchtigung des Gedächtnisses, Euphorie und das Gefühl der Abwesenheit von Zeit [2, 3, 4].
Opioide und Benzodiazepine
Aus den Substanzklassen der Opioide und Benzodiazepin-Derivate sind etliche Beispiele bekannt, die nicht als Arzneimittel zugelassen sind und als Rauschmittel missbraucht werden. Neben ihrer analgetischen und sedierenden Wirkung führen Opioidrezeptor-Agonisten durch Ausschüttung von Dopamin auch zu Euphorie. Neue synthetische Opioide wie Acetyl- oder Furanylfentanyl haben neben den klassischen Drogen einige Bekanntheit erlangt. Besonders in den USA sind sie verantwortlich für zahlreiche tödlich verlaufende Überdosierungen. Dabei kommt es zur Atemdepression und Bewusstlosigkeit bis hin zum Atemstillstand. Als Antagonist kann Naloxon eingesetzt werden.
Auch Benzodiazepine wie z. B. Flubromazolam, Clonazolam oder Flubromazepam finden sich unter den neuen psychoaktiven Substanzen. Als GABA-Rezeptor-Agonisten haben sie vor allem eine anxiolytische, schlaffördernde und beruhigende Wirkung. Trotz ihrer großen therapeutischen Breite kann es bei Überdosierungen, besonders in Kombination mit Alkohol und anderen ZNS-dämpfenden Substanzen, ebenfalls zur Atemdepression kommen. Hier dient Flumazenil als Antagonist [2, 12, 13, 14, 15].
Fazit
In der Regel sind die toxikodynamischen und -kinetischen Eigenschaften der neuen psychoaktiven Substanzen nur unzureichend aufgeklärt. Bei Dosierungen verlassen sich Konsumenten auf Angaben anderer Nutzer. Aufgrund der großen Zahl verschiedener Drogen kann es leicht zu Verwechslungen kommen, und Kürzel wie MAB-CHMINACA, 5‑IT oder 4‑HO-MiPT erlauben dem Laien zunächst keinen Rückschluss auf das Molekül und den zugrunde liegenden Wirkmechanismus. Für neue Chemikalien muss erst eine Methode zur Analytik entwickelt werden. Dadurch kann im Fall einer akuten Intoxikation im Zweifelsfall erst spät eine korrekte Diagnose gestellt werden [16]. Insgesamt entsteht dadurch eine gefährliche Situation, die in etlichen Fällen zum Tod der Konsumenten geführt hat. Das neue Gesetz ist daher als ein Schritt in die richtige Richtung zu begrüßen, weitere Maßnahmen werden folgen müssen, um potenzielle Konsumenten vor vermeintlich „legalen“ Drogen zu schützen. |
Literatur
[1] UNODC Early Warning Advisory on NPS, July 2015
[2] Aktories K, Förstermann U, Hofmann FB, Starke K (Hrsg). Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 11. Auflage, 2013.
[3] Baumeister D, Tojo LM, Tracy DK. Legal highs: staying on top of the flood of novel psychoactive substances. Ther Adv Psychopharmacol 2015;5(2):97-132
[4] Meyer MR. New psychoactive substances: an overview on recent publications on their toxicodynamics and toxicokinetics. Arch Toxicol 2016;90(10):2421‑44
[5] Tyrkkö E, Andersson M, Kronstrand R. The Toxicology of New Psychoactive Substances: Synthetic Cathinones and Phenylethylamines. Ther Drug Monit 2016;38(2):190-216
[6] Imam SF, et al. Bath salts intoxication: a case series. J Emerg Med 2013;45(3):361‑5
[7] Corazza O, et al. Designer drugs on the internet: a phenomenon out-of-control? the emergence of hallucinogenic drug Bromo-Dragonfly. Curr Clin Pharmacol 2011;6(2):125‑9
[8] Adamowicz P, Gieron J. Acute intoxication of four individuals following use of the synthetic cannabinoid MAB-CHMINACA. Clin Toxicol (Phila) 2016;54(8):650-4
[9] Patent WO/2009/106980 – Indazole derivatives
[10] Langer N, et al. Identification and quantification of synthetic cannabinoids in „spice-like“ herbal mixtures: Update of the German situation for the spring of 2016. Forensic Sci Int 2016;269:31‑41.
[11] Katz KD, et al. Case Series of Synthetic Cannabinoid Intoxication from One Toxicology Center. West J Emerg Med 2016;17(3):290-4
[12] Helander A, Bäckberg M, Beck O. Intoxications involving the fentanyl analogs acetylfentanyl, 4‑methoxybutyrfentanyl and furanylfentanyl: results from the Swedish STRIDA project. Clin Toxicol (Phila) 2016;54(4):324‑32
[13] Rogers JS, Rehrer SJ, Hoot NR. Acetylfentanyl: An Emerging Drug of Abuse. J Emerg Med 2016;50(3):433‑6
[14] Fort C, Curtis B, Nichols C, Niblo C. Acetyl Fentanyl Toxicity: Two Case Reports. J Anal Toxicol 2016;40(9):754‑757
[15] Lukasik-Glebocka M, et al. Flubromazolam – A new life-threatening designer benzodiazepine. Clin Toxicol (Phila) 2016;54(1):66-8
[16] Hill SL, Thomas SH. Clinical toxicology of newer recreational drugs. Clin Toxicol (Phila) 2011;49(8):705‑19; Erratum. Clin Toxicol (Phila) 2011;49(9):880
Erratum
Leider hat sich im Untertitel des Beitrags ein Fehler eingeschlichen. Dort heißt es, das
NpSG unterstelle neue psychoaktive Stoffe aus bestimmten
Stoffgruppen dem Betäubungsmittelgesetz. Das ist nicht
zutreffend. Die im NpSG genannten und im Artikel genauer
dargestellten Stoffe und Stoffgruppen fallen ausdrücklich nicht
unter das Betäubungsmittelgesetz. Das neue Gesetz wurde
gerade geschaffen, um eine Strafbarkeitslücke zu schließen: Die
fraglichen neuen Substanzen finden ihren Weg nämlich nur
verzögert in das Betäubungsmittelgesetz. Früher ging man über
die Strafvorschriften des Arzneimittelgesetzes gegen den
unerlaubten Handel mit ihnen vor. Doch das ist nicht mehr möglich,
nachdem der Europäische Gerichtshof 2014 entschieden hat, dass
die neuen psychoaktiven Substanzen nicht als
Funktionsarzneimittel im Sinne des
EU-Humanarzneimittelkodex einzustufen sind. Wir bitten um
Entschuldigung.
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