Pro und Kontra

Sicher und unbedenklich

Plädoyer für homöopathische Arzneimittel

Von Jens Behnke und Markus Wiesenauer | Die Homöopathie wird in der deutschen Bevölkerung immer beliebter [1]. Anwender berichten regelmäßig von klinisch relevanten, nachhaltigen Besserungen ihres Gesundheits­zustandes [2, 3]. Einen besonderen Vorzug der homöopathischen Therapie sehen viele Patienten darin, dass sie kaum Nebenwirkungen hat. Kritiker hingegen widersprechen dem zum Teil und betonen die Gefahr, die davon ausgehen könne, dass Homöopathieanwender andere, mutmaßlich wirksamere Behandlungsoptionen nicht in Anspruch nehmen. Im Folgenden soll daher ein Überblick der wissenschaftlichen Befunde zur Frage der Sicherheit des homöopathischen Behandlungsverfahrens gegeben werden.

Historischer Hintergrund

Der Begründer der Homöopathie, der an der Universität Leipzig habilitierte Arzt Dr. Samuel Hahnemann, wandte sich vor gut 200 Jahren von der medizinischen Praxis seiner Zeit ab. Der Nutzen vieler damals weit verbreiteter Verfahren, wie etwa exzessive Aderlässe, Brechmittel und die Anwendung großer Dosen toxischer Substanzen (Quecksilber, Nachtschattengewächse u. ä.) schien ihm fraglich. Er sah in vielen dieser Maßnahmen eher eine potenzielle Bedrohung für den Kranken [4]. Das Herstellungsverfahren homöo­pathischer Arzneimittel, das schrittweise Verdünnen und Verschütteln, war daher zunächst lediglich ein Mittel, die Nebenwirkungen der eingesetzten Pharmaka zu reduzieren, ohne die gewünschte Heilwirkung herabzusetzen. Im Hinblick auf die von Hahnemann beabsichtigte Reduktion un­erwünschter Arzneimitteleffekte liegen mittlerweile Daten aus unterschiedlichen Forschungsdesigns vor.

Patientenbefragungen

Sowohl repräsentative Befragungen [5] als auch qualitative Interviews von Homöopathieanwendern [6] ergeben regelmäßig, dass es sich um eine als besonders sicher und nebenwirkungsarm eingeschätzte Therapieform handelt. Die wahrgenommene Ungefährlichkeit der potenzierten Arzneimittel wird, zusammen mit anderen Faktoren, von vielen Patienten sogar als Grund für ihre Therapieentscheidung angegeben:

„Eine schulmedizinische Behandlung wird als erfolglos und unbefriedigend wahrgenommen, wenn die durch eine Erkrankung ausgelöste Symptomatik ohne spürbare Besserung anhält, wodurch die Lebensqualität maßgeblich leidet und zusätzlich die hohen Nebenwirkungen der Medikamente zum Tragen kommen. Dementsprechend gilt der Wunsch nach Verbesserung der Symptomatik, die damit einher­gehende Steigerung der Lebensqualität und die Reduzierung bzw. Vermeidung der durch langfristige Medikamenten­einnahme erzeugten Nebenwirkungen als hauptsächliche Motivation zum Aufsuchen und Beibehalten eines homöo­pathischen Behandlungssettings“ [6].

Beobachtungsstudien

Die Ergebnisse klinischer Beobachtungsstudien scheinen die Einschätzungen aus Patientenbefragungen zu bestätigen:

In einer prospektiven vergleichenden Beobachtungsstudie wurde z. B. untersucht, inwieweit sich die Behandlungsergeb­nisse homöopathisch und konventionell behandelter Patienten unterscheiden [7]. Von 465 Patienten mit Atemwegs- und/oder Ohrenerkrankungen wurden 281 homöopathisch und 175 konventionell behandelt. Nach 14 Tagen konnte bei 82,6% der homöopathisch Behandelten eine vollständige Heilung oder zumindest eine sehr deutliche Besserung konstatiert werden. Dasselbe Ergebnis ließ sich in der Gruppe der konventionell Behandelten nur für 68% feststellen. Unerwünschte Nebenwirkungen traten bei 22,3% der konventionell behandelten Probanden auf. In der Homöopathiegruppe berichteten dagegen nur 7,8% der Patienten von unerwünschten Arzneimitteleffekten.

Eine weitere Beobachtungsstudie mit 772 Kindern aus sieben Ländern zeigte nach zwei Monaten homöopathischer Behandlung einen deutlichen Zugewinn an Lebensqualität sowie eine hohe Patientenzufriedenheit [8]; Nebenwirkungen wurden nur bei 4,2% der Kinder beobachtet. Diese Daten lassen die gehäufte Inanspruchnahme homöopathischer Therapieangebote durch Eltern (chronisch) kranker Kinder unter dem Gesichtspunkt der Arzneimittelsicherheit gerechtfertigt erscheinen.

Randomisierte, placebokontrollierte Studien und Übersichtsarbeiten

Auch in Studiendesigns, die dem Goldstandard der evidenzbasierten Medizin entsprechen, ergibt sich ein ähnliches Bild: Eine Metaanalyse von 24 randomisierten, placebo­kontrollierten Studien mit 3437 Patienten präsentierte für die Gruppe der mit homöopathischen Arzneien Behandelten 63 Fälle (1,54%) von unerwünschten Therapieeffekten [9]. Dem standen 50 solcher Fälle (1,45%) für die mit Placebo behandelten Patienten gegenüber. In den hier untersuchten Studien verursachten potenzierte Arzneimittel somit ungefähr so viele Nebenwirkungen wie reine Scheinarzneien, namentlich so gut wie keine.

Eine weitere Übersichtsarbeit wertete Berichte homöopathischer Behandlungen sowie Studien aus den Jahren 1970 bis 1995 aus und berechnete eine Rate von 9,4% unerwünschten Ereignissen unter der Wirkung homöopathischer Arzneimittel gegenüber 6,1% bei der Verabreichung von Placeboprä­paraten [10]. Die Autoren halten Häufigkeit und Schwere der Nebenwirkungen in beiden Gruppen für vergleichbar gering und stufen sie zudem als vorübergehend ein.

Sicherheitsbedenken

Ein Vorwurf lautet, dass Homöopathie aufgrund der Verdünnungsverhältnisse der verwendeten Arzneimittel unwirksam sei. Vor diesem Hintergrund werde bei der Anwendung potenzierter Präparate unter Umständen eine möglicherweise wirksamere Therapie versäumt. Dies könne, insbesondere in Fällen schwerer Erkrankungen, negative Folgen haben. Epidemiologische Untersuchungen dieser Fragestellung haben ergeben, dass die meisten Patienten eine homöopathische Behandlung in den genannten Fällen eher zusätzlich zu konventionellen Therapieangeboten als alternativ zu diesen nutzen [11].

Überdies scheinen ähnlich viele Anwender wie Nichtanwender ein Bewusstsein für das Einsatzspektrum potenzierter Arzneimittel zu besitzen: „Dabei sehen die Befragten durchaus Grenzen der Homöopathie. Bis zu 65 Prozent der homöopathisch Behandelten und 70 Prozent der Menschen ohne solche Erfahrungen halten eine alleinige homöo­pathische Therapie schwerer Erkrankungen unter Umständen für gefährlich“ [5].

Der Direktor des Nordic Cochrane Centers, Peter Gøtzsche, kommt aufgrund der vorliegenden Daten aus klinischen Studien konventioneller pharmakologischer Interventionen zu der Schlussfolgerung, dass die Nebenwirkungen dieser Medikamente die dritthäufigste Todesursache in der industrialisierten Welt darstellen [12]. In Anbetracht dieser Einschätzung eines führenden Epidemiologen könnte man schlussfolgern, dass deutlich mehr Gesundheitsschäden durch die übermäßige Einnahme konventioneller Medikamente entstehen als durch eine mutmaßliche Unterversorgung mit solchen, die dadurch verursacht werden soll, dass Patienten stattdessen homöopathische Therapieangebote in Anspruch nehmen.

Es existieren einige wenige Berichte von Intoxikationen aufgrund der Verwendung niedrigpotenzierter homöopathischer Arzneimittel [13]. Hierbei handelt es sich regelmäßig um Fehlanwendungen, die durch die häufige Einnahme von Präparaten, deren Ausgangssubstanzen stark giftig sind, über einen langen Zeitraum gekennzeichnet sind. Missbrauch dieser Art kann durch vorschriftsmäßige Einnahme bzw. die Beratung durch einen qualifizierten Therapeuten vermieden werden.

Hinsichtlich der arzneimittelrechtlichen Rahmenbedingungen ist auf die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und ­Medizinprodukte (BfArM) herausgegebenen Aufbereitungsmonografien zu verweisen, die die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit homöopathischer Arzneimittel dokumentieren [14]. Potenziell toxische Substanzen sind nach bundesrechtlichen Vorschriften (Scribas Tabelle) bis zur dritten Dezimalpotenz (D3) verschreibungspflichtig, wodurch einer unbedachten Anwendung vorgebeugt wird [15]. Dies korrespondiert mit substanzbezogenen Hinweisen zur Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit in den Aufbereitungsmonografien.

Im Übrigen ist die Qualitätssicherung durch die Monogra­fien im HAB und in der Ph. Eur. rechtsverbindlich vorgegeben. Daraus geht auch der pharmazeutisch-technologische Unterschied zwischen einer nur verdünnten und einer potenzierten Substanz hervor.

Fazit

Die Homöopathie ist insgesamt als nebenwirkungsarmes Therapieverfahren einzustufen [16]. Bei qualifizierter Verordnung bzw. sachgemäßer Anwendung potenzierter Arzneimittel sind toxische Wirkungen sowie sonstige un­erwünschte Effekte nahezu ausgeschlossen. Therapeuten und Patienten scheinen im Allgemeinen ein hinreichendes Bewusstsein für Anwendungsbereiche und Grenzen des Verfahrens zu haben. Die vorliegenden Daten aus klinischen Studien lassen die Einstufung der Homöopathie als sicheres Therapieverfahren zu. |

Quellen

 [1] Institut für Demoskopie Allensbach. Homöopathische Arzneimittel in Deutschland: Verbreitet, genutzt und geschätzt. Allensbacher ­Berichte 2009/Nr. 14; http://bit.ly/1S0UBRJ

 [2] Witt CM, et al. Homeopathic Medical Practice: Long-Term Results of a Cohort Study with 3981 Patients. BMC Public Health 2005;5:115

 [3] Witt CM, et al. How Healthy Are Chronically Ill Patients after Eight Years of Homeopathic Treatment? – Results From a Long Term Observational Study. BMC Public Health 2008;8:413

 [4] Mayr S. Herstellung homöopathischer Arzneimittel: Von Hahnemann bis zu Schwabes Pharmakopöe (1872). Quellen und Studien zur Homöopathiegeschichte Bd. 20. Essen: KVC 2014

 [5] Sartori C, et al. Homöopathie in der gesetzlichen Krankenversicherung: Modelle, Erfahrungen und Bewertungen. Bertelsmann Gesundheitsmonitor 03/2014; http://bit.ly/1UV8Op5

 [6] Stamer M, et al. Perspektiven von Patientinnen und Patienten auf ­ihre Versorgung durch homöopathisch tätige Ärzte und Ärztinnen: Eine qualitative Studie. Abschlussbericht. Bremen 2010; http://bit.ly/1WnerMi

 [7] Riley D, et al. Homeopathy and Conventional Medicine: An Outcomes Study Comparing Effectiveness in a Primary Care Setting. J Altern Complement Med 2001;7(2):149-59

 [8] van Wassenhoven M, et al. Pediatric Homeopathy: A Prospective Observational Survey Based on Parent Proxy-reports of Their Children‘s Health-related Quality of Life in Six European countries and Brazil. Homeopathy 2014;103(4):257-63

 [9] Grabia S, Ernst E. Homoeopathic Aggravations: A Systematic Review of Randomised, Placebo-controlled Clinical Trials. Homeopathy 2003;92(2):92-98

[10] Dantas F, Rampes H. Do Homeopathic Medicines Provoke Adverse ­Effects? A Systematic Review. Br Homeopath J 2000;89:35-38

[11] Rostock M, et al. Classical Homeopathy in the Treatment of Cancer Patients: A Prospective Observational Study of Two Independent ­Cohorts: BMC Cancer 2011;11(1):19

[12] Gøtzsche PC. Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität: wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert. München: Riva 2015

[13] Prasad HRY, et al. Arsenicosis from homeopathic medicines: A growing concern. Clin Exp Dermatol 2006;31(3):497-498

[14] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Besondere Therapierichtungen und traditionelle Arzneimittel; http://bit.ly/1SYNkSp

[15] Wiesenauer M. Homöopathie für Ärzte und Apotheker, Bd. 2, einschließlich 18. Aktualisierungslieferung 2016. Stuttgart: Deutscher Apotheker Verlag, S. 3/10

[16] Bornhöft G, Matthiessen PF (Hrsg). Homöopathie in der Kranken­versorgung: Wirksamkeit, Nutzen, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit. Bad Homburg: VAS 2006, S. 242 ff.

Autoren

Dr. med. Markus Wiesenauer ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie – Naturheilverfahren – Umweltmedizin, niedergelassener Arzt in Kernen-Stetten



Dr. Jens Behnke ist Mitarbeiter der Karl und Veronica Carstens-Stiftung in Essen

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