Riskanter Übergebrauch

Jeder vierte Asthmatiker nutzt sein Salbutamol-Spray zu oft

Stuttgart - 23.06.2022, 07:00 Uhr

Salbutamol verschafft Asthmatikern zwar rasch mehr Luft, doch geht eine Monotherapie oder ein Übergebrauch mit einem erhöhten Risiko für Exazerbationen einher. (Foto: Moving Moment / AdobeStock)

Salbutamol verschafft Asthmatikern zwar rasch mehr Luft, doch geht eine Monotherapie oder ein Übergebrauch mit einem erhöhten Risiko für Exazerbationen einher. (Foto: Moving Moment / AdobeStock)


Lieber mal ein Sprühstoß Salbutamol mehr und dafür beim inhalativen Cortison sparen: Dieser Trend bei Asthmatikern scheint ungebrochen – und geht zulasten einer guten Asthmakontrolle und drohenden schweren Asthmaanfällen mit potenziell tödlichem Ausgang.

Salbutamol lindert als kurz und schnell wirksamer Beta-2-Rezeptor-Agonist rasch asthmatische Beschwerden wie Keuchatmung oder Kurzatmigkeit. Dabei soll Salbutamol bei leichtem, mittelschwerem und schwerem Asthma angewendet werden, „vorausgesetzt seine Anwendung bedeutet keine Verzögerung der Einleitung und regelmäßigen Anwendung einer notwendigen Inhalationstherapie mit Corticosteroiden“, erklären die Hersteller in der Fachinformation.

Salbutamol-Nutzung: Indikator für schlechte Asthmakontrolle 

Denn: Ein häufiger Gebrauch kurzwirksamer Beta-Agonisten (SABA) ist ein Indikator für eine schlechte Asthmakontrolle und stellt damit ein Warnzeichen für drohende schwere Asthmaanfälle mit potenziell tödlichem Ausgang dar. Nicht ohne Grund betonen internationale Leitlinien die Gefahren eines übermäßigen Gebrauchs von Beta-2-Mimetika: Seit 2019 empfiehlt die GINA-Leitlinie „aus Sicherheitsgründen“ keine alleinige Behandlung mit SABAs, da ein regelmäßiger oder häufiger Gebrauch mit einem erhöhten Risiko für Exazerbationen einhergehe.

Allerdings ist diese Botschaft wohl noch nicht konsequent bei Ärzten und Patienten angekommen – wie 2020 eine Studie des SABINA (SABa use IN Asthma)-Programms („SABINA: An Overview of Short-Acting β 2-Agonist Use in Asthma in European Countries“) zeigte, veröffentlicht in „Advanced Therapies“. Die wesentlichen Ergebnisse: Ein übermäßiger SABA-Gebrauch (mehr als drei Inhalatoren pro Jahr) konnte europaweit (Vereinigtes Königreich, Deutschland, Italien, Spanien, Schweden) bei einem Drittel der Asthmatiker:innen (leichtes, mittelschweres, schweres Asthma) festgestellt werden, was darauf hindeute, dass eine signifikante Zahl von Asthmatikern „nicht optimal nach den aktuellen Empfehlungen behandelt“ würde, erklärten die Wissenschaftler damals.

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Neue Daten (veröffentlicht im März 2022) von über einer Million Patienten des SABINA-Programms, die zehn Datensätze (Europa und Nordamerika) berücksichtigen, bestätigten, dass eine vermehrte SABA-Anwendung das Risiko für schwere Exazerbationen erhöht – und zwar unabhängig von einer durchgeführten Erhaltungstherapie. Die Ergebnisse verdeutlichten, wie wichtig es sei, ein „Rescue/Reliever-Paradigma zu vermeiden, bei dem SABAs als Monotherapie angewendet werden“, erklärten die Autoren in „The Journal of Allergy and Clinical Immunology: The Practice“ („Short-Acting Beta-2-Agonist Exposure and Severe Asthma Exacerbations: SABINA Findings From Europe and North America“ (DOI:https://doi.org/10.1016/j.jaip.2022.02.047).

Nicht überraschen dürfte somit das Ergebnis einer weiteren Studie aus dem Vereinigten Königreich („British Journal of General Practice“: „Reducing SABA overprescribing in asthma: lessons from a Quality Improvement prescribing project in East London“; DOI: https://doi.org/10.3399/BJGP.2021.0725). 
Wissenschaftler untersuchten in einer Querschnittsstudie anhand von anonymisierten Verschreibungsdaten (Primärversorgung) die Verordnung von SABA-Inhalatoren bei Menschen mit diagnostiziertem „aktivem“ Asthma. Die Studienpopulation (drei Londoner Stadtbezirke) umfasste 30.694 Patienten, Datenstichpunkt war der Februar 2020. Analysiert wurden die Verschreibungen des Vorjahres. Primärer Studienendpunkt war der Anteil Asthmatiker (Alter 5 bis 80 Jahre), die mindestens sechs Salbutamol-Inhalatoren (100 µg/Dosis, 200 Dosen pro Inhaler) in den letzten zwölf Monaten verschrieben bekommen hatten. Das Ergebnis: Mehr als ein Viertel (26 Prozent) der Asthmatiker hatte mindestens sechs Verordnungen über SABA-Inhalatoren (100 µg/Dosis, 200 Dosen pro Inhaler) pro Jahr erhalten.

Alter, Rauchen und Komorbiditäten

Den Auswertungen zufolge hatten vor allem ältere Asthmatiker ein erhöhtes Risiko (Faktor 1,34) für eine übermäßige Salbutamol-Verschreibung (Kinder hatten das kleinste und wurden in der weiteren Auswertung nicht berücksichtigt). Daneben korrelierte die Anzahl der ausgestellten Salbutamol-Rezepte mit der diagnostizierten Schwere (gemessen an der Asthmastufe oder der Anzahl verordneter oraler Steroide) der Atemwegserkrankung, den Begleiterkrankungen der Asthmapatient:innen und mit dem Status „Raucher“. Auf Laborebene machten die Wissenschaftler zudem einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Eosinophilen und einer Überverschreibung von Salbutamol-Inhalatoren aus, „was mit der Entzündung der Atemwege als Risikofaktor für unkontrolliertes Asthma übereinstimmt“, erklären die Studienautor:innen.

Wiederholungsabgaben in der Apotheke: Risiko für Übergebrauch?

Daneben scheinen Wiederholungsabgaben – bei denen Apotheken die Arzneimittel der Patienten verwalten und diese ohne Neuverordnung abgeben dürfen – „stark mit einem übermäßigen SABA-Konsum verbunden“ gewesen zu sein, und zwar erhöhte die Wiederholungsabgabe, verglichen mit der Wiederholungsverschreibung, das Risiko für einen Übergebrauch um den Faktor 6,5. Bemerkenswert ist das vor allem aus dem Grund, dass Wiederholungsabgaben nur 1 Prozent der Asthmatiker:innen nutzen und 84 Prozent von ihnen mehr als 6 SABA-Inhalatoren pro Jahr holten.

Salbutamol-Verordnungen steigen zulasten von ICS

Insgesamt erhielt von den 30.694 ausgewerteten Asthmatiker:innen jeder Vierte (26 Prozent) mindestens sechs Salbutamolrezepte pro Jahr, wobei in manchen Arztpraxen (117 wurden ausgewertet) scheinbar strenger auf Überverschreibungen geachtet wurde als in anderen. Die Überverschreibungen variierten zwischen 6 und 60 Prozent zwischen den einzelnen Ärzt:innen. Ob die Asthmatiker:innen mindestens sechs oder weniger als sechs SABAs pro Jahr erhielten, hing auch davon ab, ob sie ICS (inhalative Corticosteroide) anwendeten: Ein Viertel der Patienten (25 Prozent), die zwischen 6 und 12 SABA-Inhalatoren pro Jahr benötigten, hatten weniger ICS-Verordnungen als erwartet worden wäre. Während mehr als 80 Prozent der ICS-Patienten weniger als sechs SABA-Verordnungen pro Jahr hatten.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine bessere Asthmakontrolle und damit weniger SABA-Anwendungen (gesenkte Verordnungsrate von mehr als 12 auf 4 bis 12 pro Jahr) asthmabedingte Krankenhauseinweisungen um bis zu 70 Prozent verringern könnten.

Der Umweltaspekt

Neben den gesundheitlichen Vorteilen einer guten Asthmakontrolle und der damit verbundenen geringeren Anwendung salbutamolhaltiger Sprays könnte auch die Umwelt profitieren, indem sich der CO2-Fußabdruck der Asthmabehandlung verbessern würde.

„Unsere Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, dass die Teams der Allgemeinmedizin effektiv mit den Apothekern zusammenarbeiten, um ein gemeinsames Verständnis über den Zugang zu SABA-Medikamenten zu gewährleisten“, erklären die Wisenschaftler:innen. In einigen Fällen könne dies erfordern, SABA-Medikamente von der Wiederholungsabgabe auszuschließen.  


Celine Bichay, Apothekerin, Redakteurin DAZ
redaktion@daz.online


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