Im Katastrophengebiet

Beim Amtsapotheker angeschwärzt und Mitarbeiter abgeworben

26.07.2021, 13:45 Uhr

 „Das Wasser ist noch keine fünf Tage aus der Apotheke, da wird angefangen, die Mitarbeiter:innen abzuwerben.“ Dirk Vongehr, Apotheker aus Köln, kann es kaum glauben, was sich im Katastrophengebiet abspielt. (x / Foto: privat)

 „Das Wasser ist noch keine fünf Tage aus der Apotheke, da wird angefangen, die Mitarbeiter:innen abzuwerben.“ Dirk Vongehr, Apotheker aus Köln, kann es kaum glauben, was sich im Katastrophengebiet abspielt. (x / Foto: privat)


Die Hilfsbereitschaft innerhalb der Apothekerschaft scheint riesig: Es werden Spenden für vom Hochwasser betroffene Kolleg:innen gesammelt – nicht nur Geld, sondern auch Einrichtung, Laborausstattung und vieles mehr. Schaut man allerdings genau hin, sieht man auch ein anderes Bild: Apotheker:innen, die versuchen Kapital aus der Situation zu schlagen. Dirk Vongehr, Inhaber der Paradies Apotheke in Köln, kann es kaum glauben.

Auch Apotheken sind vom Hochwasser in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz betroffen. Manche Existenzen sind völlig zerstört. Doch nahezu ebenso groß wie die Erschütterung scheint die Hilfsbereitschaft innerhalb der Apothekerschaft zu sein: Unternehmen aus der Branche bieten Unterstützung, aus ganz Deutschland wird gespendet – von Geld über Laborgeräte bis hin zu kompletten Einrichtungen.

„Chapeau“, findet auch Dirk Vongehr, Inhaber der Paradies Apotheke in Köln. Gegenüber der DAZ erzählt er aber, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. „Der Mikrokosmos vor Ort sieht anders aus“, berichtet er und kann es kaum glauben, „die Hilfe kommt vor allem von außerhalb, die Kolleg:innen vor Ort, die einfach nur Glück hatten, dass sie nicht selbst betroffen sind, sind das meist nicht. Im Gegenteil. Da wird ein befreundeter Kollege, der eine Notversorgung aufgebaut hat, beim Amtsapotheker angeschwärzt, weil nicht alles den korrekten Weg gegangen ist. Die Notversorgung musste wieder zugemacht werden.“ Und das ist nicht alles. Vongehr erzählt weiter: „Das Wasser ist noch keine fünf Tage aus der Apotheke, da wird angefangen, die Mitarbeiter:innen abzuwerben. Schließlich sind die im ländlichen Raum schwer zu finden.“

Vongehr hat seine Gedanken auch in den sozialen Netzwerken geteilt

(Quelle: LinkedIn)

In solchen Momenten schäme er sich Apotheker zu sein, schreibt der Kölner Apotheker. Sein Dank geht deswegen alle die Kolleg:innen, die selbstlos helfen und ihre Unterstützung anbieten. „Denn die gibt es zu unser aller Glück auch noch!“ Vongehr ist im Übrigen Meinung, dass in dieser Katastrophe alles zusammenhalten müsse, und damit meint er nicht nur die Apotheker untereinander, sondern wirklich alle. 


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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3 Kommentare

Neue Normalität

von Stefan Haydn am 27.07.2021 um 9:20 Uhr

Herr Vongehr, dies hat nichts mit Apotheker alleine zu tun. Das ist inzwischen normales gesellschaftliches Verhalten. Wenn Sie dies in Corona-Zeiten bisher nicht erlebt haben, dann würde ich sagen "Glück gehabt".
Es wird immer mehr zur Regel und nicht zur Ausnahme, es werden ja im Überschwemmungsgebiet auch munter zum Trocknen herausgestellte Möbel- und Elektrogeräte gestohlen, von abstruseren Dingen fange ich gar nicht erst an.
Wer anfängt zu Beobachten und zu Denken kommt aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.

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Abwerben

von Conny am 26.07.2021 um 17:06 Uhr

Das gibt es überall, ist nicht auf Apotheker/innen begrenzt.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Anschwärzen und Abwerben.

von Roland Mückschel am 26.07.2021 um 15:24 Uhr

Ist doch normal und ohne Tadel.
Apotheker halt.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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