Doxylamin und Co. meiden

Leitlinie gibt Empfehlungen für schlaflose MS-Patienten

Stuttgart - 30.11.2020, 17:50 Uhr

Schlaflosigkeit ist eine häufige Nebenwirkung des ACTH (adrenocorticotropes Hormon/Corticotropin) und der Steroidtherapie. (c / Foto: Wordley Calvo Stock / stock.adobe.com)

Schlaflosigkeit ist eine häufige Nebenwirkung des ACTH (adrenocorticotropes Hormon/Corticotropin) und der Steroidtherapie. (c / Foto: Wordley Calvo Stock / stock.adobe.com)


Multiple Sklerose ist die häufigste chronische entzündliche Erkrankung des Nervensystems. Neben den neurologischen Defiziten leiden die Patienten häufig unter starker Erschöpfung, die durch Schlafstörungen weiter verstärkt werden kann. Empfehlungen der aktuellen Leitlinie „Insomnie bei neurologischen Erkrankungen“ können Betroffenen helfen.

Multiple Sklerose (MS) ist eine autoimmun vermittelte Erkrankung des zentralen Nervensystems mit multifokalen Läsionen, die sich als Defizite in allen neurologischen Funktionssystemen äußern kann. Sie kann in Schüben auftreten oder sich progredient entwickeln. Bei den meisten Patienten beginnt die Erkrankung zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Mit zunehmender Dauer der Erkrankung treten bei den Betroffenen immer häufiger Schlafstörungen auf, die ihre Lebensqualität zusätzlich einschränken können.

Multiple Sklerose

Thema: Autoimmunerkrankungen

Multiple Sklerose

Nach aktuellen Erhebungen leiden ein Viertel bis die Hälfte der Patienten unter Insomnie, 5 bis 19 Prozent unter Restless-Legs-Syndrom und 20 bis 60 Prozent unter schlafbezogenen Atemstörungen. Häufig tritt Insomnie bereits zehn Jahre vor der eigentlichen MS-­Diagnose als Prodromalsymptom auf.

Neben der primären Insomnie gibt es Symptome und Begleiterscheinungen der MS, die Betroffenen den Schlaf kosten können. Dazu gehören zum Beispiel neurogene Blasenfunktionsstörungen, die zu nächtlichem Harndrang führen, Schmerzen und erhöhte Muskelspannung (Spastik). Häufig treten bei MS-Patienten auch Depressionen und Angststörungen auf, die sich ebenfalls negativ auf die Schlafqualität auswirken.

Chronisch erschöpft

Bis zu 80 Prozent der MS-Patienten leiden unter einer erhöhten kognitiven und/oder physischen Erschöpfbarkeit, der sogenannten MS-Fatigue. Sie führt zu erheblichen Einschränkungen in Alltag und Beruf und geht weit über eine reine Müdigkeit aufgrund von Schlafstörungen hinaus. Ihre Entstehung kann jedoch durch Insomnie gefördert werden (sekundäre Fatigue). Eine genaue differenzialdiagnostische Betrachtung und Behandlung einer gleichzeitig vorliegenden Schlafstörung ist hier sehr wichtig, auch weil es keine evidenzbasierte pharmakologische Behandlung der Fatigue gibt.

Keine Antihistaminika!

Schlaflosigkeit ist eine häufige Nebenwirkung des zur Schubbehandlung eingesetzten ACTH (adrenocorticotropes Hormon/Corticotropin) und der Steroidtherapie. In einigen Studien wurden erniedrigte Melatoninspiegel als mögliche Ursache für diesen unerwünschten Effekt identifiziert. Die Leitlinie empfiehlt deshalb, trotz der dünnen Datenlage bei betroffenen Patienten den Einsatz von Melatonin zu probieren. Sollte, wie bei vielen Multiple-Sklerose-Patienten, gleichzeitig eine Depression vorliegen, kann vorzugsweise ein schlafförderndes Antidepressivum (z. B. Mirtazapin, Amitriptylin) zur Behandlung eingesetzt werden. Besondere Vorsicht ist bei Selbstmedikation mit rezeptfreien Antihistaminika (z. B. Doxylamin) geboten. Ihr Hangover-­Effekt kann eine Fatigue vortäuschen oder verstärken.

Ausdauertraining, Achtsamkeit und kühlende Maßnahmen

Eine aktuelle Studie zeigt, dass unter Insomnie leidende MS-Patienten die gleichen dysfunktionalen Annahmen und Gedankenmuster zeigen wie Insomniepatienten in der Allgemeinbevölkerung. Dementsprechend wird auch hier eine kognitive Verhaltenstherapie empfohlen, um schädliche Gewohnheiten wie nächtliches Grübeln oder Gedankenkreisen zu durchbrechen. Neben der Einhaltung der allgemeinen Schlafhygiene sollten MS-Patienten Faktoren meiden, die häufige schlafstörende Komorbiditäten wie Restless-Legs-Syndrom oder schlafbezogene Atemstörungen fördern können. Dazu gehört vor allem das Rauchen. Bei Atemstörungen kann zudem eine Überdrucktherapie helfen. Die Prävalenz des Restless-Legs-Syndroms bei MS-Patienten steigt mit der Krankheitsdauer und ist bis zu viermal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Regelmäßiges Ausdauertraining kann die Frequenz von Restless-Legs-Symptomen verringern und wird auch bei MS-Fatigue empfohlen. Weitere unterstützende Maßnahmen bei einer eventuell mit Insomnien assoziierten Fatigue sind der Einsatz von Energiemanagementstrategien, Achtsamkeitstraining und kühlende Maßnahmen. Letztere werden empfohlen, weil Fatigue typischerweise durch Wärmeeinwirkung verstärkt wird.

Dieser Artikel erschien in der 
Deutschen Apotheker Zeitung – Ausgabe 48/2020, S. 50 


Literatur

Mayer G., S2k-Leitlinie „Insomnie bei neurologischen Erkrankungen“, Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, 2020

Deutsche Gesellschaft für Neurologie, S2k-Leitlinie „Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis Optica Spektrum und MOG-IgG-assoziierte Erkrankungen“, Konsultationsfassung, Stand: 18. August 2020

Veauthier C., Schlafstörungen bei multipler Sklerose, Nervenheilkunde, 18. März 2019


Sarah Rafehi, Apothekerin
redaktion@daz.online


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