„Die fetten Jahre sind vorbei“

DocMorris-Chef sieht Apothekenreform auf dem richtigen Weg

Berlin - 09.07.2024, 11:15 Uhr

Begrüßt die Pläne zur Apothekenreform: DocMorris-CEO Walter Hess. (Foto: DocMorris)

Begrüßt die Pläne zur Apothekenreform: DocMorris-CEO Walter Hess. (Foto: DocMorris)


Für DocMorris-CEO Walter Hess enthält der Referentenentwurf für das Apotheken-Reformgesetz „wichtige Impulse“. Vor allem von einer Ausweitung der Telepharmazie verspricht er sich viel und wünscht sich noch mehr, als der Entwurf bislang hergibt. Auch beim Thema pDL wollen die Versender gern mitmischen.

Für Walter Hess, CEO von DocMorris, stimmt die „grobe Richtung“ der geplanten Apothekenreform. Er hatte sich am Montag mit einem Statement zu Wort gemeldet, das im Tagesspiegel Background veröffentlicht wurde. Darin begrüßt er die vorgesehene Flexibilisierung der Öffnungszeiten, die vereinfachte Gründung von Filial- und Zweigapotheken, sowie die Möglichkeit diese ohne approbiertes Personal zu betreiben. Lauterbach beweise mit seinen Reformplänen „Pragmatismus“, so Hess.

Da die Zahl der Apotheken in Deutschland immer weiter sinkt, seien „Kapazitätsgrenzen bei der Bewältigung der Patientenbedürfnisse“ erreicht. Hess verweist zudem auf die finanziell „angespannte Lage“ des Staates und der Krankenkassen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) müsse schwierige Herausforderungen bewältigen, um die flächendeckende Versorgung zu gewährleisten: „Das in den fetten Jahren der Gesundheitspolitik gepflegte Procedere, Strukturen weitgehend unangetastet zu lassen, mit zusätzlichem Geld zu stabilisieren und sich so politischen Gegenwind zu ersparen, funktioniert nicht mehr.“

Telepharmazie gegen Fachkräftemangel

Für Hess ist die Telepharmazie, die „denkbar effizienteste Form der Arzneimittelversorgung“. Dadurch sei eine „optimale Allokation knapper Betreuungsressourcen“ möglich, da Personal völlig ortsunabhängig eingesetzt werden könne. Insbesondere in strukturschwachen Regionen oder für Menschen mit eingeschränkter Mobilität stelle die Telepharmazie eine wichtige „Säule der Versorgung“ dar. Deshalb begrüßt Hess die Pläne von Lauterbachs Ministerium zur Apotheke ohne Apotheker*innen. Hier sollen PTA bei Bedarf Apotheker*innen per Telepharmazie zuschalten können, wenn ihre Expertise für die Versorgung der Patient*innen nicht ausreicht.

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Dennoch sieht Hess noch mehr Potenzial, die Pläne zur Apothekenreform blieben hinter den Möglichkeiten. Der Entwurf begrenze die Telepharmazie auf „synchrone“ Verbindungen – „asynchrone“ Kommunikationsmöglichkeiten blieben ungenutzt. Hess illustriert die Möglichkeiten: „Kann heute der Chat mit einem Apotheker über einen gesicherten Messengerdienst für bestimmte Patienten ein adäquater Beratungskanal sein, ist es morgen vielleicht ein Infoclip mit einem KI-generierten Avatar.“

Außerdem sei es denkbar, PTA aus dem Homeoffice ihre Aufgaben verrichten zu lassen, solange sie telepharmazeutisch für Kolleg*innen und Patient*innen erreichbar sind. Dadurch würde auch das Berufsbild der PTA attraktiver, meint Hess.

Recht auf patientenindividuelle Verblisterung

Auch an anderer Stelle hätte sich Hess noch mehr Pragmatismus von Lauterbach gewünscht: bei Betreuung von Chronikern – eine Patientengruppe, auf die die EU-Versender bekanntlich besonders schielen. Sie müssten sich permanent um Folgerezepte kümmern, ihre umfangreiche Medikation verstehen und richtig einnehmen, sagt Hess und fragt: „Warum gibt es für Patienten, die wegen ihrer Polymedikation einen Anspruch auf einen elektronischen Medikationsplan haben, nicht auch das Recht auf patientenindividuelle Verblisterung ihrer Arzneimittel?“

Apothekenvergütung

Auch in puncto Honorierung hat Hess Zweifel an den Plänen des Ministers. Es sei fraglich, ob die geplante Umschichtung vom variablen zum fixen Honoraranteil die Situation der Apotheken in strukturschwachen Regionen verbessert. Die Versorgungssituation sei bisher „sozialräumlich“ nicht ausreichend untersucht, genaue Kriterien zur Bestimmung der flächendeckenden Versorgung existierten bisher nicht, seien aber dringend notwendig.

Versender bemängeln Ungleichbehandlung

Hess verweist auf die ungenutzten 350 Millionen Euro aus dem Fonds für pharmazeutische Dienstleistungen (pDL), diese sollten „konsequenter“ genutzt werden. Hess bemängelt, dass die Online-Versender in diesem Punkt benachteiligt würden, schließlich könnten auch sie perspektivisch bestimmte pDL wie die erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation per Telepharmazie anbieten, was ihnen bisher versagt wird. „Gleichwertige Leistungen müssen gleich vergütet werden“, fordert Hess.

Pharmazeutische Dienstleistungen

DocMorris klagt auf pDL-Vergütung

Außerdem empfindet er es als Ungleichbehandlung, dass sein Unternehmen nicht für die Belieferung von Patient*innen zusätzlich honoriert wird, während die Vor-Ort-Apotheken für Botendienste eine zusätzliche Vergütung erhielten.


Michael Zantke, Redakteur, DAZ
redaktion@daz.online


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4 Kommentare

Die fetten Jahre sind vorbei.

von Rainer W. am 11.07.2024 um 8:50 Uhr

Doc Morris schreibt dermaßen rote Zahlen, dagegen wirkt selbst ein Blutbad wie ein harmloser Kratzer.

Ich verstehe nicht ganz, warum sie alles daran setzen, die Apotheken mit sich in den Abgrund zu reißen, aber wie heißt es so schön, bei einem Ertrinkenden muss man aufpassen, dass er einen nicht mit unter Wasser zieht.

Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

zu DOC Morris Chef

von Pille62 am 10.07.2024 um 9:05 Uhr

...............das Herr Hess Benachteiligungen für seine Branche sieht, die es selbstverständlich aus zu gleichen gilt, kann man nur noch als zynisch bezeichnen.
Dieser permanente Beschuss durch die Politik für die deutschen Apotheker mit immer mehr Auflagen , Dokumentationspflichten, Entzug der wirtschaftlichen Grundlagen, die Suggestion man bräuchte Versender zur Aufrechterhaltung der Versorgung usw. erfüllen den Tatbestand der Inländerdiskreminierung nach EU Recht Art.18 Satz1 AEUV.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Cui bono?

von Carsten Moser am 09.07.2024 um 17:38 Uhr

Wenn ich als deutscher Abgeordneter nur EIN Indiz bräuchte, dass die lauterbachsche Reform schlecht für die Apotheken ist, dann wohl die Jubelschreie der Versender, die - zugunsten des eigenen Umsatzes - gerne möglichst viele VO-Apotheken geschlossen sehen möchten.

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.

von Anita Peter am 09.07.2024 um 12:34 Uhr

"Versender bemängeln Ungleichbehandlung"

Die Versender wollen bestimmt gedeckelte Einkaufskonditionen, ein FBV, den Kontrahierungszwang, die Pflicht zum NN, deutsche Gewerbesteuerpflicht etc etc um diese Ungleichbehandlung zu beseitigen?

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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