Wirkstoff-Lexikon

Etanercept

01.09.2022, 15:45 Uhr


Etanercept wird durch seine immunsuppressiven und entzündungshemmenden Eigenschaften in der Therapie der rheumatoiden Arthritis eingesetzt. Biologicals wie Etanercept zählen bei dieser Indikation zu den bestverträglichen Arzneimitteln. Im Folgenden sind die wichtigsten Aspekte zusammengefasst – zum Nachlesen oder Anhören in unserem Podcast. 

Bei Etanercept handelt es sich um ein dimeres Fusionsprotein. Es setzt sich zusammen aus dem extrazellulären, ligandenbindenden Teil des humanen TNF-Rezeptors und dem Fc-Anteil von humanem IgG1 (Immunglobulin G1).

Zugelassen wurde Etanercept im Jahr 2000 unter dem Handelsnamen Enbrel® – ursprünglich zur Therapie der rheumatoiden Arthritis bei Versagen der Standardtherapie. Im Laufe der Jahre erweiterte sich die Zulassung von Etanercept. Mittlerweile wird es bei weiteren Erkrankungen eingesetzt, die mit hochregulierten inflammatorischen Prozessen des Körpers assoziiert sind, wie juvenile idiopathische Arthritis, Psoriasis-Arthritis, axiale Spondyloarthritis und Plaque-Psoriasis.

Die Herstellung von Etanercept erfolgt gentechnisch in Ovarialzelllinien des chinesischen Hamsters (CHO-Zellen). Etanercept besteht aus 934 Aminosäuren und hat eine Molekülmasse von ca. 150 kDa.


Wirkmechanismus

Etanercept zählt zur Gruppe der biologischen DMARD (bDMARD, DMARD = Disease-modifying anti-rheumatic drug). Nach seinem Wirkmechanismus wird Etanercept den TNF-α-Antagonisten zugeordnet.

Der Tumornekrosefaktor-α (= TNF-α) ist ein Zytokin, welches an nahezu allen Entzündungsreaktionen beteiligt ist. TNF- α vermittelt seine Wirkung über zwei verschiedene Rezeptoren, die sich an der Zelloberfläche von nahezu allen Körperzellen befinden. Zusätzlich kommen TNF-Rezeptoren auch in löslicher Form vor. Diese agieren als natürliche Regulatoren der Zytokine, indem sie überschüssiges TNF-α abfangen.

Das rekombinant hergestellte Etanercept fungiert analog als löslicher TNF-Rezeptor. Es bindet spezifisch TNF-α und verhindert somit, dass dieses an membranständige Rezeptoren andockt. Im Gegensatz zu monoklonalen Antikörpern wie Infliximab oder Adalimumab, bindet es jedoch nur freies und nicht membrangebundenes TNF-α.

Etanercept antagonisiert die Wirkung von TNF-α, es wirkt somit entzündungshemmend und immunsuppressiv.

Dosierung

Etanercept wird als subkutane Injektion verabreicht und ist in den Stärken 10 mg, 25 mg und 50 mg erhältlich. Es gibt Etanercept bereits als fertige Injektionslösung in einer Fertigspritze oder einem Fertigpen, aber auch als Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionslösung. Die Dosierung von Etanercept richtet sich nach der Indikation und sollte bei Kindern und Jugendlichen ans Körpergewicht angepasst werden. Im Folgenden sind für Erwachsene die Dosierungen für eine Auswahl an Indikationen zusammengefasst:

Rheumatoide Arthritis: Etanercept wird eingesetzt bei mittelschwerer bis schwerer rheumatoider Arthritis bei Erwachsenen. Es wird zusammen mit Methotrexat angewendet, wenn Patient:innen auf andere Behandlungen unzureichend angesprochen haben. Wenn Methotrexat für Patient:innen nicht geeignet ist, kann Etanercept auch alleine gegeben werden. Die Dosis von Etanercept beträgt zweimal wöchentlich 25 mg.

Psoriasis-Arthritis, Morbus Bechterew und nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis: Erwachsene erhalten hier ebenfalls 25 mg zweimal wöchentlich. Das klinische Ansprechen sollte innerhalb von zwölf Behandlungswochen eintreten.

Plaque-Psoriasis: Entsprechend der Leitlinie wird Etanercept bei mittelschwerer bis schwerer chronischer Psoriasis vulgaris eingesetzt. Etanercept wird bei Patient:innen angewendet, die auf andere Behandlungen gegen diese Krankheit nicht angesprochen haben oder diese nicht vertragen. Die empfohlene Dosis beträgt zweimal wöchentlich 25 mg oder einmal wöchentlich 50 mg. Die Behandlung sollte bis zum Erreichen der Remission für bis zu 24 Wochen durchgeführt werden.

Pharmakokinetik

Etanercept wird nach subkutaner Injektion langsam resorbiert. Die Serumkonzentration erreicht ungefähr 48 Stunden nach Injektion ihr Maximum. Die absolute Bioverfügbarkeit beträgt circa 76 Prozent. Das Verteilungsvolumen von Etanercept beläuft sich auf 7,6 Liter. Etanercept wird langsam eliminiert, die Halbwertszeit liegt bei ca. 70 Stunden.

Nebenwirkungen

Zu den häufigsten Nebenwirkungen bei der Therapie mit Etanercept zählen Infektionen. Es treten dabei insbesondere Infektionen der oberen Atemwege, Bronchitis, Blasenentzündung und Infektionen der Haut auf.

An der Injektionsstelle kann es zu Schmerzen, Schwellungen, Rötungen, Blutungen oder Juckreiz kommen. Auch Kopfschmerzen, allergische Reaktionen und Fieber treten unter der Therapie auf. Zudem wurde beobachtet, dass sich unter der Einnahme von Etanercept Autoantikörper bilden.

Darüber hinaus kann Etanercept schwerwiegende und lebensbedrohliche Nebenwirkungen verursachen. Da TNF-α-Antagonisten das Immunsystem beeinflussen, kann die körpereigene Abwehr gegen Infektionen und Krebs beeinflusst werden. Zu den Nebenwirkungen zählen daher auch tödliche Infektionen und verschiedene maligne Erkrankungen, wie Brust-, Lungen-, Haut- und Lymphdrüsenkrebs. Schwerwiegende hämatologische, neurologische und Autoimmunreaktionen wurden ebenfalls berichtet.

Patient:innen, die mit Etanercept behandelt werden, sollte daher ein spezieller Patientenpass ausgehändigt werden. Es wird empfohlen, diesen während der Behandlung und bis zwei Monate nach der letzten Injektion stets bei sich zu tragen. Zweck dieses Patientenpasses ist es, über mögliche Nebenwirkungen zu informieren.

Wechselwirkungen

Die gleichzeitige Anwendung von Etanercept mit anderen biologischen DMARD wie Anakinra und Abatacept wird nicht empfohlen. In der Kombination mit Anakinra wurde eine höhere Anzahl schwerwiegender Infektionen beobachtet. Ein zusätzlicher klinischer Nutzen trat bei Kombinationen von Etanercept mit Anakinra oder Abatacept nicht auf.

Auch die gleichzeitige Behandlung mit Sulfasalazin kann zu Wechselwirkungen führen. So wurde ein statistisch signifikanter Abfall der mittleren Anzahl weißer Blutkörperchen bei der Kombination beobachtet.

Kontraindikationen

Die Anwendung von Etanercept darf nicht bei Überempfindlichkeit gegen diesen Wirkstoff erfolgen. Außerdem zählen eine Sepsis oder das Risiko einer Sepsis zu den Kontraindikationen. Bei Patient:innen mit aktiven Infektionen, einschließlich chronischer oder lokalisierter Infektionen, sollte eine Therapie mit Etanercept nicht begonnen werden.

Schwangerschaft und Stillzeit

Generell gilt, dass Etanercept in der Schwangerschaft nur angewendet werden sollte, wenn es unbedingt erforderlich ist. Nach den Empfehlungen der „European League Against Rheumatism“ (EULAR) kann Etanercept bis zur 32. Schwangerschaftswoche zum Einsatz kommen. Eine Anwendung nach der 32. Schwangerschaftswoche kann laut Embryotox im Anschluss einer individuellen Risiko-Nutzen-Abwägung ebenfalls erfolgen. Eine effektive Krankheitskontrolle mit niedriger Krankheitsaktivität stellt eine wichtige Voraussetzung für einen ungestörten Schwangerschaftsverlauf dar.

Mehr zum Thema

Wird Etanercept während der Schwangerschaft angewendet, kann die normale Immunreaktion des Neugeborenen beeinflusst werden. Infolgedessen haben diese Säuglinge eventuell ein erhöhtes Risiko für Infektionen. Aus Vorsichtsgründen ist die Verabreichung von Lebendimpfstoffen bei Säuglingen daher erst 16 Wochen nach der letzten Etanercept-Injektion der Mutter in der Schwangerschaft möglich.

Etanercept kann in geringer Menge in die Muttermilch übergehen. Es wird aber angenommen, dass diese bereits im Gastrointestinaltrakt des Säuglings inaktiviert wird und somit keine Wirkung entfaltet. Das Stillen ist deshalb während der Therapie laut Embryotox akzeptabel.

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Wirkstofflexikon


Quellen

www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/10/12/biologicals-bei-rheuma-bestvertraegliche-arzneimittel

Fachinformation – Enbrel, Stand: Mai 2021

Embryotox – Etanercept

Geisslinger G., Menzel S. Mutschler Arzneimittelwirkungen. Pharmakologie – Klinische Pharmakologie – Toxikologie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2020


Annika Piepenburg, Apothekerin
redaktion@daz.online


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