„Patienteninfo“ zu pharmazeutischen Dienstleistungen

Hessens Hausärzte machen bei Patienten Stimmung gegen Apotheker

Stuttgart - 30.06.2022, 10:45 Uhr

Hessens Hausärzte haben sich auf die Dienstleistungen eingeschossen. (c / Foto: Screenshot www.hausaerzte-hessen.de)

Hessens Hausärzte haben sich auf die Dienstleistungen eingeschossen. (c / Foto: Screenshot www.hausaerzte-hessen.de)


Seit feststeht, welche Dienstleistungen Apotheker:innen nun auf Kassenkosten erbringen dürfen, wettern Ärzteverbände dagegen. Der Hessische Hausärzteverband geht nun noch einen Schritt weiter: In einer aktuellen „Patienteninformation“ warnt er die Patient:innen regelrecht vor der neuen Leistung der Apothekerschaft, „die sich ohne tiefere medizinische Kenntnisse und ohne ein entsprechendes Studium in die fundierten ärztlichen Therapien einmischten.“ Die Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen, Ursula Funke, ist extrem verärgert und maßlos enttäuscht. 

Der Start der pharmazeutischen Dienstleistungen in den Apotheken hat einen kollektiven Aufschrei der verfassten Ärzteschaft hervorgerufen. Apotheker griffen damit in ärztliches Hoheitsgebiet ein, zudem würden vergleichbare Leistungen bei Mediziner:innen deutlich schlechter vergütet, klagten verschiedene Verbände. Beides ist nicht objektivierbar: Die Dienstleistungen sind pharmazeutischer Natur, wie auch ABDA-Präsidentin Gabriele Regina Overwiening kürzlich im Podcast der Ärztezeitung erklärte, und nehmen damit den Ärzten keineswegs etwas weg, sondern unterstützen vielmehr die Umsetzung der verordneten Therapien. Auch das Honorar ist keineswegs höher: Die Beträge sind aus der Ärztehonorierung abgeleitet, dann aber mit einem deutlichen Abschlag versehen. Alles in allem lässt sich das Ganze wohl unter dem üblichen Säbelrasseln von Standesvertretern verbuchen. 

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Der Hessische Hausärzteverband hat allerdings nun noch einen draufgesetzt. In einer „Patienteninformation“ rückt er die Dienstleistungen in ein schlechtes Bild und macht so bei denen, die eigentlich davon profitieren sollen, schlechte Stimmung. Apotheker:innen mischten sich in die fundierten ärztlichen Therapien ein – und das nach Ansicht der Hausärzte „ohne tiefere medizinische Kenntnisse und ohne ein entsprechendes Studium“.

Eine parallel versendete Pressemitteilung ist überschrieben mit „Behandlungsqualität ist gefährdet“. Im Sinne der Behandlungsqualität und Patientensicherheit müsse die Trennung zwischen Leistungen der Apotheken einerseits und der Ärzteschaft andererseits aufrechterhalten bleiben, ist dort zu lesen. Dies habe der Vorstand des Hessischen Hausärzteverbands (HÄVH) gefordert. Mit den „sogenannten pharmazeutischen Dienstleistungen“ seien die Apotheken „massiv in den hausärztlichen Leistungskatalog eingedrungen“, kritisierte der erste Vorsitzende des Hessischen Hausärzteverbands, Armin Beck. „Wenn jetzt Apotheken nicht nur gegen Corona und Grippe impfen, sondern auch anspruchsvolle Beratungen zur Arzneimittelsicherheit, Blutdruckkontrollen oder Asthmatiker-Schulungen anbieten dürfen, macht dies die Versorgung der Patienten noch unübersichtlicher und gefährdet die Behandlungsqualität“, heißt es weiter. Schlimmstenfalls stehe auch die Patientensicherheit auf dem Spiel, befürchten die Hausärzte. „Gerade bei Patienten, die viele Medikamente parallel einnehmen, bedarf es einer bedachten Steuerung der Medikamente“, erklärte Beck in der Mitteilung. Apotheker können nämlich seiner Meinung nach die Indikation und Kontraindikation im speziellen Fall gar nicht berücksichtigen, da ihnen viele Informationen zu Vorerkrankungen und Laborwerten fehlten. Er befürchtet, dass Patienten verunsichert werden könnten. Dadurch sinke die Einnahmebereitschaft und es könnten gefährliche Einnahmepausen entstehen, fabuliert er weiter. Letztlich berate der Apotheker, jedoch die Auswahl und Verordnung der Medikamente bleibe den Hausärzten vorbehalten. Hier würden unnötige Beratungsanlässe und Verunsicherung geschaffen, findet der Vorsitzende.

Apothekerkammerpräsidentin rät zu Selbstbewusstsein

Die Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen, Ursula Funke, ist extrem verärgert und maßlos enttäuscht, wie sie gegenüber der DAZ erklärt. Sie ist überzeugt, dass es bei dieser vordergründigen Aktion nur ums Geld geht und nicht um die Versorgung und die AMTS der Patienten. Das zeige das Beispiel ARMIN, wo die apothekerliche Medikationsanalyse in der Ärzteschaft gut ankommt, es aber eben auch eine Vergütung für die Mediziner gibt und Apotheker und Ärzte zum Wohle der Patienten gemeinsam arbeiten. Medikationsberatung und AMTS sind kein Selbstzweck – die Politik habe es erkannt und die pharmazeutischen Dienstleistungen auf den Weg gebracht, weil sie überzeugt sei, dass die Patienten und Patientinnen davon profitieren. Diffamierungen und Polemik sind in Funkes Augen absolut fehl am Platz und passten auch nicht zu den Heilberufen. Sie appelliert daher an den hessischen Hausärzteverband: „Kommen Sie von den Bäumen herunter, auf die Sie geklettert sind. Denn dort oben können Sie keine Patienten versorgen. Das sind Sie den Patienten vor Ort aber schuldig. Lassen Sie uns gemeinsam die Versorgung vor Ort optimieren“. Zum Wohle der Patienten sei es das Beste, wenn die Ärzte und Apotheker zusammenarbeiteten und nun nicht gegeneinander, so Funke. Gerade vor Ort klappe die Kooperation meistens gut, umso bedauerlicher seien derartige Äußerungen eines Verbandes. 

Ihren Kolleg:innen rät Funke, mit Selbstbewusstsein und pharmazeutischem Sachverständnis die pharmazeutischen Dienstleistungen den Patienten anzubieten.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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6 Kommentare

Patientenwohl

von Rebecca am 04.07.2022 um 16:27 Uhr

Es ist schade zusehen wie man sich hier behandelt und das nicht im sogenannten Sinne des "Patientenwohls"man nimmt den Ärzten hier in keinerlei die Diagnose weg sondern unterstützt die Therapie und grade das pharmazeutische Personal weiß die ärztliche Therapie nicht einzuschränken und verfügt auch über Kenntnisse der Behandlung der Erkrankung und wie man Therapie fehler hinsichtlich der Medikation oder Anwendung von Medizinprodukten und Hilfsmitteln vermeidet und klar die ärztliche diagnose wird einbezogen und anhand dessen individuell beraten ohne diese einzuschränken man trifft in der Apotheke gar keine Diagnosen. Außerdem der wichtigste Punkt ist das Patientenwohl und im Zusammenhang mit dem Ärztemamangel der in eigen Gebieten doch recht hoch ist, ist dieses ja wohl im Sinne des Patientenwohls viele Ärzte haben gar nicht die benötigte Zeit dem Patienten mit blutdruckmessung, blutzuckermessung oder asthma inhalatoren vertraut zu machen und dies ist ein wichtiger Punkt für die Therapie den wenn ich mein motoröl in den Kühler kippe bringt mir das auch nichts es wichtig alle mittel der Therapie fachgerecht handhaben um dem Patientenwohl den bestmöglichsten stand zu geben.

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Eigenartiges Gebaren

von Stefan Haydn am 01.07.2022 um 9:49 Uhr

Sehr eigenartiges, aber erwartbares Gebaren der Ärztevertreter.
Leider würde es den Ärztevertretern besser stehen, wenn sie endlich einmal zugeben würden, dass vor lauter Angst ums Geld der Patient schon lange nicht mehr im Fokus des Interesses liegt.
Aber wem steht schon Ehrlichkeit gut an?

Eigentlich eine sehr blamable Selbsterhöhung, wenn man der anderen Profession sogar eine Eignung per Studium abspricht.

Das mit den Bäumen ist witzig. Paßt zum "affigen" Verhalten der Ärztefunktionäre.

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Selbstbewusstsein steigern

von Henrik Rohde am 01.07.2022 um 1:10 Uhr

Es wird Zeit. Diese Angelegenheit ist die Gelegenheit endlich einmal Selbstbewusstein zu zeigen und auch der Öffentlichkeit klar zu machen, dass Medikamente das Spezialgebiet der Apotheker ist und nicht der Ärzt und dass wir eigentlich die qualifiziertere Berufsgruppe im Thema Arzneimittel sind. Eigentlich sind es die Ärzte, die hier in einem Fachgebiet arbeiten, in dem sie sich nur zu häufig nicht richtig auskennen.

Eigentlich sollte der Arzt die Diagnose stellen und der Apotheker die medikamentöse Behandlung steuern. Das wäre den jeweiligen Studiengängen angemessen.

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.

von Anita Peter am 30.06.2022 um 11:48 Uhr

Statt für eine anständige Honorierung für unsere Kernaufgabe zu kämpfen ( mit unserer Kernaufgabe haben wir genug Arbeit, sie wird nur schlecht honoriert ), begibt sich die ABDA auf Nebenkriegsschauplätze und bringt die Ärzteschaft gegen uns auf.

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Ärzte

von Conny am 30.06.2022 um 11:41 Uhr

Was haben denn alle erwartet ? War eigentlich klar. Blöd ist nur .das Ärzte Rezepte ausstellen und wir Sie brauchen. Man kann es auch Abhänigkeit nennen.

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AW: Ärzte

von Conny am 30.06.2022 um 12:22 Uhr

Abhängigkeit

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