Analyse in der heutigen DAZ

Der Notdienst aus wirtschaftlicher Sicht

Süsel - 03.03.2022, 07:00 Uhr

Die wirtschaftlichen Folgen des Notdienstes hängen sehr von den Bedingungen der jeweiligen Apotheke und der Situation des Inhabers ab. (x / Foto: IMAGO / Jürgen Ritter)

Die wirtschaftlichen Folgen des Notdienstes hängen sehr von den Bedingungen der jeweiligen Apotheke und der Situation des Inhabers ab. (x / Foto: IMAGO / Jürgen Ritter)


Der Apothekennotdienst wird zu einem berufspolitischen Diskussionsthema. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist die Finanzierung. Darum geht es in einer Analyse von DAZ-Redakteur Dr. Thomas Müller-Bohn in der heutigen DAZ. Dabei zeigt sich, dass die wirtschaftlichen Folgen des Notdienstes sehr von den Bedingungen der jeweiligen Apotheke und der Situation des Inhabers abhängen.

In der vorigen Woche wurden in der DAZ der Zugang zum Notdienst und die Verteilung des Notdienstes analysiert, um die anstehende Diskussion des Themas vorzubereiten. In der heutigen DAZ geht es um die finanzielle Seite. Dazu gehören die Notdienstgebühr und vor allem der Nacht- und Notdienstfonds (NNF). Die Pauschale vom NNF leistet den größten Beitrag zur Finanzierung des Notdienstes. Der Fonds ist 2013 als Reaktion auf die unzureichende Anpassung des Festzuschlags auf Rx-Arzneimittel entstanden und als Zuschuss konzipiert. Jeder Zuschuss zu einer bis dahin nicht explizit honorierten Leistung ist für die Apotheken vorteilhaft und schlägt voll auf das Betriebsergebnis durch. Damit ist der NNF auch eine Strukturförderung. Dahinter steckt die Logik, dass Apotheken mit vielen Notdiensten in Alleinlagen auch tagsüber für die Versorgung besonders wichtig sind.

Unterschiedliche Kostenrechnung für verschiedene Apotheken

Für eine Diskussion über den Notdienst wird die kostenrechnerische Betrachtung jedoch interessant. Wenn ein Angestellter den Notdienst für das tarifvertragliche Entgelt erbringt, verbleibt für die Apotheke ein strukturfördernder Deckungsbeitrag. Doch offenbar finden sich in vielen Apotheken immer weniger Angestellte dafür. Darum wird der Notdienst immer häufiger von den Inhabern versehen, deren Situation sehr unterschiedlich sein kann. 

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Ein Inhaber in einer Idealsituation, der im Apothekengebäude wohnt, kann mit akzeptablem Aufwand das Betriebsergebnis der Apotheke durch die Notdienstpauschale erhöhen. Das kann der Grund sein, weshalb manche Apotheken überhaupt noch existieren. Doch für Inhaber, die weiter entfernt wohnen oder kleine Kinder versorgen, stellt sich das ganz anders dar. Wenn der Notdienst an anderer Stelle vielleicht sogar Betreuungskosten auslöst, wird jeder Notdienst zum zusätzlichen Verlust. Damit setzt die Gesellschaft auf die traditionelle Struktur der Landapothekerfamilie, die im Apothekengebäude wohnt. Mit dem anstehenden Generationenwechsel ist das Verfalldatum dieses Konzepts absehbar.

Problematische Steuerfolgen

Als weiteres Problem kommen die steuerlichen Folgen hinzu. Angestellte können bei ihrem Notdienstentgelt Steuervergünstigungen für Nachtarbeit geltend machen. Inhaber können das nicht, weil sie die Pauschale als Gewinn aus einem Gewerbebetrieb versteuern. Dann kommen sogar noch Gewerbesteuer und gewinn- oder umsatzabhängige Beiträge dazu. Außerdem erscheint der Gewinn der Apotheke höher, während die kalkulatorischen Kosten für den Einsatz des Inhabers in keiner Rechnung erfasst werden.

Grenze des Systems

Das System stößt an seine Grenze, wenn die Gesundheit der Inhaber gefährdet wird oder falls es nur noch funktioniert, weil lukrative Öffnungszeiten am Tage verringert werden, um Personalressourcen zu gewinnen. 

Die Analyse zur Finanzierung des Apothekennotdienstes finden Sie in der aktuellen 
DAZ (9/2022)

In solchen Fällen wäre das System nicht mehr tragfähig. Alternativen wie ein zentralisierter Notdienst wurden in der Analyse in der vorigen Woche bereits erwähnt. Doch dann wäre bei der Finanzierung auch die Funktion des NNF als Strukturförderung zu bedenken. Sollte der NNF irgendwann zur Finanzierung eines neuen Notdienstsystems umgewidmet werden, müsste dann auch eine Ersatzhonorierung für diejenigen Apotheken geschaffen werden, denen die Pauschale mehr bringt, als sie der Notdienst kostet. Eine solche Reform darf nicht an anderer Stelle neue Lücken aufreißen, die die Existenz von Apotheken in Alleinlagen gefährden. So zeigt sich auch hier, wie komplex das Thema ist.


Dr. Thomas Müller-Bohn (tmb), Apotheker und Dipl.-Kaufmann
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

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von Karl Friedrich Müller am 03.03.2022 um 13:03 Uhr

Interessant für mich: Überall scheinen die Kunden im Notdienst Probleme damit zu haben, die Klingel zu finden. Auch bei mir ein Pfeil zu einem großen roten Knopf und trotzdem stehen einige da und wissen nicht,, was tun. An der Tür noch ein zusätzliches Schild: bitte klingeln, nutzt auch nichts.
Wegen eine Videokamera kann ich manchmal das Verhalten beobachten und noch reagieren, bevor der Kunde frustriert wieder geht.

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