Neurologie

Fokus auf die Neuropsychologie

Auch Depression und kognitive Einbußen prägen das klinische Bild der MS

Die multiple Sklerose gilt als körperliche Erkrankung. Man hat sich kaum dafür interessiert, dass auch Depression, Fatigue und kognitive Störungen zum klinischen Bild gehören. Prof. Dr. Iris Katharina Penner von der Fakultät für Psychologie der Universität Basel, betont allerdings, dass diese neuropsychologischen Störungen häufig sind und vom Patienten oft als gravierender empfunden werden als die motorischen Störungen. Wann sie auftreten, ist sehr unterschiedlich.

„Wir sehen schon bei Patienten mit einem klinisch isolierten Syndrom eine Verlangsamung der kognitiven Prozessierungsgeschwindigkeit“, so Penner. Bei anderen Patienten treten kognitive Einbußen erst nach einigen Jahren auf. Es scheint aber so zu sein, dass es in den ersten fünf Jahren zu einer Progression kommt und sich der Zustand dann, möglicherweise auf hohem Niveau, stabilisiert. Anders ist der Verlauf bei der Depression. Viele Patienten entwickeln nach Diagnosestellung eine reaktive Depression, von der sie sich wieder erholen. Langfristig kann es dann aber zu einer endogenen Depression kommen als Folge veränderter Neurotransmitterzusammensetzung im Gehirn. „Hier gibt es auch eine enge Korrelation zur Fatigue“, so Penner.

Einziges neuropathologisches Korrelat für das kognitive Defizit ist die Hirnatrophie. In einer Studie über sieben Jahre wurde gezeigt, dass Patienten mit einer Hirnatrophie bei Diagnosestellung im weiteren Krankheitsverlauf in der Informationsverarbeitung massiv beeinträchtigt und in ihrer Berufsfähigkeit eingeschränkt sind.

Hilfestellung für Therapieentscheidungen

„Freiheit von klinisch relevanter Krankheitsaktivität“ ist das Ziel der MS-Therapie. Dazu gehören als relevante Parameter laut einem deutschen Expertengremium neben Schubrate, Behinderungsprogression und MRT-Parametern auch neuropsychologische Kriterien und Lebensqualität. Um entsprechende Untersuchungen im Alltag standardisiert, zeitökonomisch und schematisiert durchzuführen, wurde ein Mehrfaktorenmodell (Multiple Sclerosis Decision Model, MSDM) entwickelt, das die Domänen „Schub“, „Behinderungsprogression“, „MRT“ und „Neuropsychologie“ beinhaltet. Die vorgeschlagenen Tests bilden die Komplexität der Erkrankung auch in frühen Stadien ab, in denen eine Progression mit z. B. der EDSS (Expanded Disability Status Scale) nur schwer zu erfassen ist. Das MSDM soll eine Hilfe für Therapieentscheidungen darstellen und ein Therapieversagen frühzeitig anzeigen. Um zu prüfen, ob mit diesem Instrument zum Krankheitsmonitoring tatsächlich eine effektivere Behandlung und schnellere Krankheitsstabilisierung erreicht werden kann, sind prospektive Studien erforderlich.

Quelle: Stangel M, Penner IK et al. Akt Neurol 2013;40(09):486-493

Auf kognitive Einbußen reagieren

Penner empfiehlt, Patienten mit multipler Sklerose regelmäßig auf neuropsychologische Störungen zu untersuchen und bei der Therapieentscheidung auch Kognition und Fatigue zu berücksichtigen. Bei einem MS-Patienten mit einem kognitiven Schub sollte gehandelt werden, gegebenenfalls durch die Gabe von Steroiden oder auch, je nach Ausmaß der kognitiven Leistungsveränderung, durch Eskalation. So empfiehlt das Multiple Sclerosis Decision Model (MSDM, siehe Kasten), ein neu entwickeltes Entscheidungsmodell zur Therapieoptimierung bei MS, eine Therapieeskalation, wenn sich der Patient kognitiv signifikant verschlechtert. Auch dem Patient sollte der mögliche Zusammenhang klar sein. Er sollte dafür sensibilisiert sein, dass kognitive Einbußen mit der multiplen Sklerose in Zusammenhang stehen können. Um einer Verschlechterung der Kognition entgegenzuwirken, lässt sich mit kognitiver Stimulierung die kognitive Reserve verbessern. Auch moderates körperliches Ausdauertraining ist günstig. Kognition ist im Übrigen auch mit Blick auf die Adhärenz relevant, denn kognitive Einbußen können zu einer deutlichen Verschlechterung führen. So konnte im Global Adherence Project gezeigt werden, dass der Hauptrisikofaktor für mangelnde Adhärenz schlichtweg das Vergessen der Einnahme war. 

Apothekerin Dr. Beate Fessler

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