THC-CBD-Extrakt

Wie setzt man Cannabinoide in der Onkologie am besten ein?

Stuttgart - 10.06.2024, 09:15 Uhr

Professioneller Cannabis-Anbau in einem Gewächshaus. (Foto: chokniti / AdobeStock)

Professioneller Cannabis-Anbau in einem Gewächshaus. (Foto: chokniti / AdobeStock)


Onkologische Patienten, die palliativmedizinisch behandelt werden, leiden oft unter einer hohen Sym­ptomlast. Welche Rolle Cannabino­ide bei der Linderung dieser Beschwerden spielen können, wird jetzt in einer randomisierten kontrollierten klinischen Studie am Universitätsklinikum in Kiel untersucht. Auch in der Supportivtherapie gibt es erste Erfahrungen.

Schmerzen, Angst, Depressivität, Müdigkeit, Schwäche, Appetitmangel und Verstopfung zählen zu den Symptomen, unter denen Krebspatienten während einer Strahlentherapie am häufigsten leiden. Die Beschwerden können dabei sowohl durch die Erkrankung als auch die Therapie verursacht sein. Ob eine Supportivtherapie mit Tetrahydrocannabinol (THC, Dronabinol) derartige Symptome lindern kann, ist bislang nur unzureichend systematisch untersucht worden, erläuterte Dr. Claudia Schmalz, leitende Oberärztin an der Klinik für Strahlentherapie des Universitätsklinikums in Kiel. Bisherige Erfahrungen, vor allem bei Patienten mit Bronchial-, Prostata- und Hirntumoren, sind jedoch überwiegend positiv. 

Vor allem die Symptome Inappetenz, Schmerzen und Nausea konnten erfolgreich gelindert werden, wie eine retrospektive Auswertung gezeigt hat. Im Mittel kam Dronabinol in diesen Fällen in einer Dosierung von 7,5 mg Dronabinol pro Tag zum Einsatz [1]. Die Behandlung wurde auch von hochaltrigen Patienten zwischen 80 und 90 Jahren gut vertragen. Dies steht nicht im Einklang mit Empfehlungen, die zum zurückhaltenden Einsatz von Cannabinoiden bei älteren Menschen raten [2].

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Studie kürzlich gestartet

Eine Studie zur Untersuchung der Befindlichkeitsverbesserung unter Cannabinoid-Extrakten bei onkologischen Patienten (BELCANTO) baut auf diesen positiven Erfahrungen auf. Diese randomisierte kontrollierte klinische Studie soll Evidenz bezüglich der Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabinoiden in der Palliativversorgung generieren. Sie wird in Deutschland an vier onkologischen Zentren durchgeführt: an der Klinik für Radioonkologie und der Klinik für Onkologie und Hämatoonkologie in Kiel, an der Klinik für Hämatoonkologie und Onkologie in Lübeck sowie der Klinik für Onkologie am UKE Hamburg. 

Bewertung des Zustands von Krebspatienten

Zur Quantifizierung der Beschwerden onkologischer Patienten werden verschiedene Scores verwendet.

ECOG-Score: System der Eastern Cooperative Oncology Group, auch WHO- oder Zubrod-Index genannt, zur Quantifizierung des allgemeinen Wohlbefindens sowie Einschränkungen bei Aktivitäten des alltäglichen Lebens. Der körperliche Zustand wird in Stadien von 0 (keine Einschränkungen) bis 5 (tot) eingeteilt.

TSDS-ESAS: Gesamtsymptom-Belastungsscore (Total Symptom Disstress Score, TSDS), ermittelt mithilfe der Edmonton Symptom Assessment Scale (ESAS). Die Stärke von 10 typischen Symptomen onkologischer Patienten wie Schmerz, Müdigkeit, Übelkeit, depressive Verstimmung oder Appetitlosigkeit wird abgefragt (jeweils von 0 = nicht vorhanden bis 10 = stark ausgeprägt), so dass die Symptomlast über einen Zahlenwert zwischen 0 und 100 Punkten beschrieben wird.

NRS: Numerische Rating-Skala (Numeric Rating Scale) zur Beurteilung von Schmerzen. Einordnung durch den Patienten zwischen 0 = keine Schmerzen bis 10 = stärkste vorstellbare Schmerzen.

VAS: Visuelle Analogskala, mit deren Hilfe Patienten die Stärke eines Symptoms einordnen können. Vorgelegt wird beispielsweise ein Farbverlauf (z. B. von grün = keine Beschwerden nach rot = stärkste vorstellbare Beschwerden) oder Symbolreihen (z. B. Smileys von lachend bis weinend). Im Gegensatz zur NRS kann die VAS bereits bei Kindern ab einem Altern von etwa vier Jahren angewendet werden.

Eingeschlossen werden 170 Patienten mit einem Mindestalter von 25 Jahren unter palliativ-onkologischer Therapie, die sich in einem relativ guten Allgemeinzustand befinden (ECOG-Status 1-3), eine gewisse Symptomlast haben (TSDS ESAS > 15) sowie unter Inappetenz (Nutrition Risk Score ≥ 3) und unter Schmerzen (NRS > 3) leiden (zu den Scores: s. Kasten „Bewertung des Zustands von Krebspatienten“). Zu den Ausschlusskriterien zählen z. B. Schwangerschaft und Stillzeit, ein Cannabisgebrauch in den letzten zwei Jahren oder niedriger Blutdruck (< 100/< 60 mmHg). 

85 Teilnehmer erhalten Cannabisblüten-Extrakt mit einem Tetrahydrocannabinol(THC)-Cannabidiol (CBD)-Verhältnis von 1:1 (Hersteller: Avextra Pharma GmbH), 85 Patienten ein Placebo. Die Prüfmedikation wird im Dosierungsbereich von 2,5 mg bis maximal 25 mg Cannabinoide zweimal täglich verabreicht. Als primärer Endpunkt, der nach 12 ± 2 Tagen ermittelt wird, wurde eine prozentuale Veränderung des ESAS-TSDS definiert. Zu den sekundären Endpunkten zählen z. B. die Schlaf- und Lebensqualität, der Schmerz (ermittelt mit NRS) und Inappetenz (ermittelt mit VAS). Laut Schmalz ist die Studie vor Kurzen gestartet, die ersten Patienten wurden im April/Mai dieses Jahres eingeschlossen. 

Literatur

[1] Junghanß PM et al. Poster „Verordnungspraxis supportiver Cannabistherapie bei palliativer radioonkologischer Therapie – Ergebnisse der retrospektiven VOCi-Studie“. 5. Medicinal Cannabis Congress (MCC) der Deutschne Medizinal-Cannabis Gesellschaft (DMCG e. V.), Berlin, 23. Mai 2024

[2] Zomorodbakhsch B, Hübner I. Cannabis bei Krebs – für welchen Einsatz haben wir Evidenz? Onkologie 2022; 28:713–718, doi: 10.1007/s00761-022-01197-6

[3] Schmalz C, Herdegen T. Vorstellung der RCT Belcanto, die erste doppelblinde randomisierte Studie in der onkologischen Palliativmedizin. Vortrag auf dem 5. Medicinal Cannabis Congress (MCC) der Deutschen Medizinal-Cannabis Gesellschaft (DMCG e. V.), Berlin, 23. Mai 2024


Dr. Claudia Bruhn, Apothekerin / Autorin DAZ
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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1 Kommentar

bAdCShWTU

von AprjeBLsJYwtiU am 18.06.2024 um 18:30 Uhr

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