Gut beraten! Wissen am HV

Wenn alles zu viel wird: Völlegefühl und Magenbeschwerden

Stuttgart - 20.12.2019, 12:56 Uhr

(Foto: Artem / stock.adobe.com)

(Foto: Artem / stock.adobe.com)


Tiefkühlpizza, Fertigprodukte und To-Go-Gerichte – so sah und sieht die Ernährung vieler Deutscher während der Corona-Pandemie aus. Da sind Völlegefühl und Magenbeschwerden oft nicht weit. In der Regel handelt es sich um harmlose Beschwerden, die jedoch sehr belastend sein können. Mit welchen OTC-Präparaten und Verhaltenstipps kann man den Betroffenen gegen Völlegefühl wie Magendrücken und Blähungen am besten helfen?

Die Corona-Pandemie und der damit verbundene „Shutdown“ haben das Essverhalten der Deutschen verändert. Während immerhin ein Viertel der Bürger häufiger bewährte Rezepte mit viel frischem Gemüse kocht, greifen viel mehr Menschen zu Tiefkühlpizza, Fertigprodukten und Co. War es mal wieder des Guten zu viel, meldet sich der Magen-Darm-Trakt mit Beschwerden wie Völlegefühl, Magendruck, Bauchschmerzen und Blähungen. 

Zu viel, zu fettig, zu schnell

Sporadisch auftretendem Völlegefühl nach übermäßiger Nahrungsaufnahme liegt gewöhnlich eine Überforderung der MagenDarm-Tätigkeit zugrunde. Die Nahrung wird nur verzögert verdaut und schleppend weiterbefördert. Üppige Mahlzeiten mit hohem Fettanteil wie z. B. Tiefkühlpizza, frittierte Speisen, fette Soßen oder auch süße Teilchen und Torten bringen die Verdauungsorgane leicht an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Blähende Speisen wie Hülsenfrüchte, Kohlgemüse, Gurken, Zwiebeln, Trauben, frisches Brot und kohlensäurehaltige Getränke erhöhen den intestinalen Gasgehalt. 

Es bilden sich Schaumbläschen im zähen Verdauungsbrei, worin die Gase fest eingeschlossen sind. So wird der natürliche Gasabtransport erschwert. Aber auch übermäßiges Schlucken von Luft durch zu hastiges Essen oder angeregte Unterhaltung bei Tisch, führt zu Gasansammlungen im Magen-Darm-Trakt. Die Folgen sind Völlegefühl, Blähungen bis hin zu kolikartigen Schmerzen. Meist ist bei Völlegefühl insbesondere die Fettverdauung infolge eines relativen Magensaft-, Gallensäure- und Lipasemangels beeinträchtigt und deshalb nicht in der Lage, übermäßige Mengen umgehend zu bewältigen. Hinzu kommt bei vielen Patienten eine mangelhafte Magen-Darm-Motilität, so dass sich der Speisebrei auf seinem Weg durch den Verdauungstrakt staut.

Harmlose Beschwerden – oder doch nicht?

„Seit wann haben Sie diese Beschwerden?" Das sollte bei Kunden mit Völlegefühl in der Beratung die erste Frage sein, denn: Akutes Völlegefühl nach einer außergewöhnlichen Mahlzeit, das sich innerhalb von 24 Stunden einstellt, ist Ausdruck einer aktuellen Überlastung des Verdauungssystems. Diese Fälle können gut in der Selbstmedikation behandelt werden. So auch, wenn der Magen-Darm-Trakt nach einer überstandenen Gastroenteritis für einige Tage noch empfindlich reagiert und nicht viel auf einmal verträgt.

Treten derartige Beschwerden dagegen nach einer – bezüglich Menge und Zusammensetzung – normalen Mahlzeit auf, richtet sich die nächste Frage nach möglichen Begleitbeschwerden: Parallel vorliegende kolikartige Schmerzen, Erbrechen, Fieber über 39 °C, akute Diarrhö oder Obstipation machen eine ärztliche Kontrolle zwingend notwendig. Gleiches gilt bei länger anhaltendem, häufig wiederkehrendem Völlegefühl oder wenn die Beschwerden auch im Nüchternzustand auftreten. Außerdem sollte in der Apotheke abgeklärt werden, ob irgendeine Grunderkrankung vorliegt, mit der die Oberbauchbeschwerden eventuell in Zusammenhang stehen, oder ob Nebenwirkungen einer laufenden medikamentösen Therapie (z. B. NSAR, Antibiotika) daran schuld sein könnten. Wenn ja, ist keine Selbstmedikation, sondern eine Arztbesuch angezeigt.

Hilfe aus der Phytotherapie

Die Selbstmedikation von Völlegefühl stellt eine Domäne der Phytopharmaka dar. Pflanzliche Karminativa wie Kümmel, Fenchel, Pfefferminze, Anis etc. sollen mit ihren ätherischen Ölen die Magen-Darm-Motorik anregen und auf diese Weise Völlegefühl und Blähungen lindern.

Enteroplant® enthält eine fixe Kombination aus Pfefferminz- und Kümmelöl, die synergistisch wirken. Das Präparat ist zugelassen für dyspeptische Beschwerden mit Völlegefühl und Blähungen, insbesondere mit leichten gastrointestinalen Krämpfen. Während Kümmel in erster Linie karminativ wirkt, steht beim Pfefferminzöl die spasmolytische Wirkkomponente im Vordergrund. Gleichzeitig geht man bei Mentha pip. aber auch von einem cholagogen Effekt aus. Zur Beruhigung eines überlasteten Magen-Darm-Trakts liefern auch Melissenblätter (Gastrovegetalin®) und Kamillenblütenextrakt (z. B. in Kamillosan®) krampflösende und die Magen-Darm-Motiliät regulierende Inhaltsstoffe.

Natürlich können diese Drogen auch in Form von Tee eingesetzt werden. Dann sollte man in der Apotheke den Anwender darauf hinweisen, Kümmel-, Fenchel- und Anisfrüchte vor dem Aufgießen anzustoßen und dann etwa zehn Minuten abgedeckt ziehen zu lassen, um die Extraktion zu verbessern. Der Tee sollte schluckweise getrunken werden.

Bittere Medizin

Weitere im Apothekenalltag gut einsetzbare Verdauungshilfen bei Völlegefühl sind pflanzliche Bitterstoffe (Amara). Entsprechende Präparate (z. B. Carvomin Verdauungstropfen, Amara-Tropfen Weleda®, Bitter Elixier Wala®, Enzian Magentonikum Wala®) enthalten Extrakte aus Wermutkraut, Angelikawurzel, Tausendgüldenkraut, Enzianwurzel. Benediktenkraut oder Ingwer. Amara fördern auf physiologische Weise die Sekretionsleistung und Motilität von Magen, Duodenum, Pankreas und Gallenwegen und unterstützen damit den Verdauungsprozess gleich auf mehreren Ebenen. In flüssiger Form eingenommen, lösen sie über Rezeptoren an der Zunge Geschmacks- und Geruchsreize aus, die dann reflektorisch die Magensaftsekretion ankurbeln. In fester Darreichungsform eingenommen wirken Bitterstoffe direkt auf die Magenschleimhaut. Weil Amara die Säuresekretion stimulieren, sind sie bei Patienten mit Magen-Darm-Ulcera kontraindiziert.

Ein weiteres Phytopharmakon für die Selbstmedikation ist Iberogast®. Es enthält neben den beiden Bitterdrogen Angelikawurzel und Bittere Schleifenblume (Iberis amara) noch sieben weitere Pflanzenauszüge. In Studien hat das Präparat seine Überlegenheit gegenüber Placebo bei funktioneller Dyspepsie bereits gezeigt.

Eine gewisse Rolle für die Behandlung von Völlegefühl spielen auch Extraktpräparate aus Curcumawurzelstock (z. B. Curu-Truw®, Curcumen®). Sie unterstützen mit ihrer choleretischen Wirkung die Fettverdauung, dürfen jedoch bei Verdacht auf Gallenwegserkrankungen nicht eingesetzt werden.

Entschäumer gegen Blähungen

Liegt dem Völlegefühl überwiegend eine abnorme Gasansammlung zugrunde, können auch entschäumende Präparate sinnvoll sein. Im Vordergrund steht dabei Simeticon. Wegen ihrer Fähigkeit, die Oberflächenspannung herabzusetzen, werden Wirkstoffe wie Simeticon und Dimeticon auch als Entschäumer bezeichnet. Der Einsatz von Dimeticon (z. B. Kompensan® Dimeticon, sab simplex® Kautabletten) bzw. Simeticon (z. B. Espumisan®, Lefax®, sab simplex® Suspension) beruht auf der Vorstellung, dass sie den Schaum im Speisebrei auflösen und so die Druckbeschwerden im Bauchraum mildern. Simeticon und Dimeticon verhalten sich im Körper inert. Sie wirken rein physikalisch und werden unverändert ausgeschieden.

In Fällen, bei denen das Völlegefühl mit krampfartigen Beschwerden einhergeht, können auch neurotrope Spasmolytika wie Butylscopolaminiumbromid (z. B. Buscopan®) angezeigt sein. Dabei sind hier als Darreichungsform Zäpfchen zu bevorzugen. Bei Patienten mit Glaukom, Herzrhythmusstörungen, Myasthenia gravis, Miktionsstörungen und Prostataadenom ist ihre Anwendung allerdings kontraindiziert.

Ernährungs- und Verhaltenstipps

Ergänzt werden sollten die medikamentösen Maßnahmen gegen Völlegefühl von ein paar Ernährungstipps. Natürlich steht dabei an erster Stelle das Meiden potenzieller Auslöser, also der Verzicht auf blähende und fette Speisen, übermäßigen Alkoholkonsum, kohlensäurehaltige Getränke und Süßigkeiten. Die Betroffenen sollten ihrem natürlichen Empfinden folgen, welche Speisen sie in dieser Phase vertragen und wann es mit dem Essen genug ist. Die Nahrung sollte in Ruhe gegessen und gründlich gekaut werden. Außerdem gilt: Lieber weniger pro Mahlzeit und dafür häufiger essen. Nach 19 Uhr sind schwere Gerichte tabu. Ein aktiver Spaziergang nach einer Mahlzeit aktiviert die Verdauung und bringt zusätzlich Erleichterung.


Cornelia Neth, Autorin DAZ.online
redaktion@daz.online


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige | DAZ.online E-Learning

WaHV