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Reisekrank – wenn die Fahrt in den Urlaub zum Übel wird

Stuttgart - 20.12.2019, 11:24 Uhr

(Foto: nadezhda1906 / stock.adobe.com)

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Jedes achte Kind und viele Millionen Erwachsene leiden unter Reiseübelkeit. Damit die Reise in den Urlaub nicht zur Tortur wird, ist eine gute Beratung in der Apotheke gefragt. Was Sie hierbei beachten müssen und wieso auch das Kaugummi kauen erklärt sein will, erfahren Sie hier.

Unter dem Begriff Reisekrankheit, auch als Bewegungsschwindel oder Kinetose bezeichnet, versteht man die Reaktionen des Organismus auf ungewohnte Bewegungs- oder Beschleunigungsreize. Meist kündigen typischen Frühsymptome wie Müdigkeit, zwanghaftes Gähnen, leichte Kopfschmerzen und ein Schwindelgefühl die Reiseübelkeit an. Kinder werden oft auffallend ruhig, teilnahmslos und blass. Spätestens ein kalter Schweißausbruch, vermehrte Speichelsekretion und ein flaues Gefühl im Magen sind Signale zum Handeln, um das eigentliche Erbrechen noch zu verhindern.

Wen es am häufigsten erwischt

Prinzipiell kann jeder Mensch reisekrank werden. Doch die individuelle Anfälligkeit differiert stark: Schätzungsweise 5 bis 10% der Menschen reagieren sehr empfindlich, während ebenso viele praktisch resistent gegen Kinetosen sind. Personen mit Neigung zu Schwindelgefühlen sowie Migränepatienten sind erfahrungsgemäß besonders anfällig. Frauen sind statistisch häufiger betroffen als Männer, Asiaten häufiger als Europäer. Die größte Patientengruppe stellen Kinder dar. 

Jedes achte Kind ist von einer Kinetose betroffen. (Foto: Elena Stepanova / stock.adobe.com)

Das Prävalenzmaximum liegt zwischen dem zweiten und zwölften Lebensjahr. Säuglinge sind weitgehend davor gefeit, da ihr Gleichgewichtsorgan noch nicht vollständig ausgebildet ist.

Nach dem 50. Lebensjahr kommt Reiseübelkeit nur noch selten vor. Vermutlich, weil die dafür verantwortlichen Sinnesorgane mit zunehmendem Alter unempfindlicher werden.

Fehler in der Schaltzentrale – Wie entstehen Kinetosen?

Kinetosen liegt letztlich ein Konflikt zwischen verschiedenen Sinneseindrücken zugrunde. Auf kurvenreichen Autofahrten, bei Turbulenzen im Flugzeug oder bei starkem Seegang ist der Körper intensiven, unnatürlichen Beschleunigungen und raschen Gleichgewichtsveränderungen ausgesetzt. Diese Reize werden vom Vestibularapparat im Innenohr aufgenommen und verarbeitet. Sie decken sich dann jedoch nicht mit der optischen Sinneswahrnehmung, da während der Fahrt rasch vorüberziehende Gegenstände visuell nur ungenügend fixiert werden können. Im Gleichgewichtszentrum des Gehirns gehen also unterschiedliche, scheinbar widersprüchliche Signale ein. Diese werden vom Gehirn als Gefahrensituation interpretiert. 

Die Folge sind vegetative Reaktionen sowie eine Aktivierung des Brechzentrums in der Medulla oblongata. Kinetosen stellen somit weniger eine Krankheit dar als vielmehr eine physiologische Reaktion auf ungewohnte Reize, an die der betroffene Organismus nicht angepasst ist. Aber auch psychische Einflüsse, eine negative Erwartungshaltung ("mir wird gleich schlecht") sowie organoleptische Sinneseindrücke (Fäkaliengeruch, Anblick von Erbrochenem etc.) spielen dabei eine Rolle. Für Betroffene ist es oft schon hilfreich, im Auto oder Bus einen Platz mit Sicht auf die Straße zu haben. 

Im Flugzeug bietet sich ein Sitzplatz direkt über den Tragflächen, im Schiff im Mittelteil des Rumpfes an, da dort die Eigenbewegungen des Verkehrsmittels weniger stark wahrgenommen werden.

„Ich brauche etwas gegen Reiseübelkeit“ – Hilfe aus dem OTC-Segment

Aufgrund ihrer antiemetischen Wirkkomponente haben sich H1-Antihistaminika in der Selbstmedikation von Reiseübelkeit seit Jahren etabliert. Die Wirkstoffe greifen in der Area postrema am Boden des 4. Hirnventrikels an und unterdrücken dort den Brechreiz. Neben Diphenhydramin (z. B. Emesan®) spielt in der Praxis Dimenhydrinat, das 8-Chlortheophyllin-Salz des Diphenhydramins (z. B. Vomex®, Reisegold®tabs, Reisetabletten-ratiopharm®, Vomacur®), die wichtigste Rolle. Letzteres soll durch seinen zentral anregenden Effekt die sedierende Nebenwirkung, welche diese H1-Antihistaminika mit sich bringen, etwas kompensieren.

Verlangt ein Kunde in der Apotheke ein Mittel gegen Reiseübelkeit, gilt es – neben dem Alter des Reisenden – zunächst abzuklären, ob das Mittel nur für den Fall eines Falles mit auf die Reise genommen werden soll, oder ob es dem Betroffenen regelmäßig auf der Fahrt übel wird. Je nachdem empfehlen sich dann unterschiedliche Darreichungsformen: Wird nur ein "Stand-by-Medikament" benötigt, sind schnell wirksame Reisekaugummis das Mittel der Wahl. Wer dagegen regelmäßig von Reiseübelkeit geplagt wird, sollte schon prophylaktisch ein Antiemetikum in Tablettenform einnehmen.

Ein wichtiger Abgabehinweis ist daher, die Tabletten eine halbe bis eine Stunde vor Reiseantritt mit etwas Flüssigkeit zu schlucken, damit sich die Übelkeit erst gar nicht einstellt. Nach drei bis vier Stunden kann die Einnahme wiederholt werden. Zäpfchen sind nicht nur für Kleinkinder, sondern auch dann eine geeignete Behandlungsoption, wenn der Brechreiz bereits so stark ist, dass man mit Tabletten nichts mehr ausrichten kann.

Antihistaminika nichts für Jedermann

Obwohl Antihistaminika im Handverkauf die meistverkauften Präparate gegen Reiseübelkeit sind, dürfen sie keinesfalls standardmäßig jedem empfohlen werden. Nicht zuletzt wegen ihrer anticholinergen Nebeneffekte sind diese Wirkstoffe zum Beispiel ungeeignet bei akuten Asthmabeschwerden, Engwinkelglaukom, Prostatahyperplasie, Epilepsie, Arrhythmien sowie bei schweren Leberfunktionsstörungen. Wegen potenzieller Wechselwirkungen gilt es abzuchecken, ob der Patient weitere zentral dämpfende Medikamente, Anticholinergika, trizyklische Antidepressiva oder MAO-Hemmer einnimmt. Auch unter einer Antihypertonika-Therapie ist Vorsicht geboten, um eine verstärkte Blutdrucksenkung zu vermeiden.

Ganz wichtig: Sowohl Diphenhydramin als auch Dimenhydrinat können so stark sedierend wirken, dass sich die aktive Teilnahme am Straßenverkehr verbietet. Der Fahrer selbst sollte also definitiv auf die Einnahme verzichten. Reisekrank werden in der Regel jedoch meist nur die Passagiere: Fahrer oder Piloten, die ein Gefährt steuern, bleiben meistens verschont, und zwar deshalb,weil sie die gefühlten Bewegungen optisch auch registrieren. Die Kombination mit Alkohol ist ohnehin Tabu! Kinder entwickeln auf Antihistaminika gelegentlich paradoxe Reaktionen mit übermäßiger Unruhe, Erregung und Schlaflosigkeit.

Reisekaugummi richtig kauen

Der Vorteil von Reisekaugummis ist, dass sie nicht prophylaktisch eingenommen werden müssen, sondern auch noch bei den ersten Anzeichen von Übelkeit wirksam sind. Das enthaltene Dimenhydrinat wird beim Kauen innerhalb von wenigen Minuten über die Mundschleimhaut resorbiert. Etwa fünfminütiges Kauen reicht in der Regel aus, um den enthaltenen Wirkstoff freizusetzen. Weiterer Vorteil: Die Wirkung wird vom leichten antiemetischen Effekt des Kauvorgangs an sich noch unterstützt.

Längst nicht jeder Kunde weiß, dass man die drageeförmigen Kaugummis (z. B. Superpep®–Reise-Kaugummi-Dragees forte) nicht hinunterschluckt – auch nicht nach dem Kauen – sondern ausspucken sollte. Zwar ist versehentliches Verschlucken unbedenklich. Das Präparat ist dann jedoch wirkungslos. Das Kauen kann zwischendurch auch ausgesetzt und das Kaugummi in der Wangentasche "geparkt" werden. Wie normale Kaugummis sind auch Reisekaugummis für manche Zahnprothesenträger sowie für kleine Kinder, die noch nicht mit Kaugummis vertraut sind, ungeeignet.

Alternativen für die Beratung

Eine phytotherapeutische Alternative gegen Reiseübelkeit stellt der Ingwer (Zingiberis off.) dar. Seine antiemetische Wirkung ist sowohl aus klinischen Untersuchungen als auch aus der Erfahrungsmedizin bekannt. Verschiedene placebokontrollierte Doppelblindstudien mit über 600 Patienten haben seine Wirksamkeit gegen Übelkeit und Erbrechen auch bei Kinetosen gezeigt. Diese Wirkung wird in erster Linie den enthaltenen Gingerolen und Shogaolen zugeschrieben. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht bekannt. Diskutiert wird ein Serotonin-Antagonismus. Ingwer steht auch in Kapselform (z. B. Zintona®) zur Verfügung. Das Präparat sollte eine halbe Stunde vor Reisebeginn und dann bei Bedarf alle vier Stunden eingenommen werden. Großer Vorteil des Ingwers: Die Reaktionsfähigkeit bleibt unbeeinträchtigt.

Vitamin-B6-Präparate sollen in hohen Dosen zwar schon manchem Kinetosen-Geplagten geholfen haben. Dennoch erscheint ihr Nutzen bei Reisekrankheit eher fraglich.

Kunden, die für nicht-medikamentöse Alternativen offen sind, interessieren sich vielleicht für Akupressur-Armbändchen gegen Reiseübelkeit (z. B. Sea-Band®). Diese werden vor Reiseantritt am Handgelenk angebracht und üben einen gezielten Druck auf einen bestimmten Akupressurpunkt der Unterarminnenseite aus. Damit sollen Energieströme im Körper beeinflusst, der Magen-Darm-Trakt beruhigt bzw. der Reiseübelkeit entgegengewirkt werden. Bisher durchgeführte Untersuchungen berichten von positiven Effekten.

Grenzen der Selbstmedikation

Wer trotz aller vorbeugenden Maßnahmen immer wieder unter schwerer Reisekrankheit leidet und mit den Möglichkeiten der Selbstmedikation keine Erfolge erzielt hat, sollte mit seinem Hausarzt über die Anwendung des verschreibungspflichtigen Wirkstoffes Scopolamin oder sprechen. Das Belladonnaalkaloid Scopolamin (Scopoderm TTS®) wird als transdermales Pflaster angeboten, das am Abend vor der Abreise, spätestens aber fünf Stunden vor Reiseantritt hinter das Ohr geklebt wird und den Wirkstoff über 72 Stunden freigibt.


Cornelia Neth, Autorin DAZ.online
redaktion@daz.online


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