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Durchfall oder Norovirus?

Stuttgart - 20.12.2019, 09:01 Uhr

(Foto: Goffkein / stock.adobe.com)

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Durchfall ist eines der häufigsten gastroinestinalen Symptome. In Deutschland leidet im Schnitt jährlich etwa jeder Dritte 1,7 mal unter akutem Durchfall. Wie unterscheidet sich ein banales Magen-Darm-Virus von den gefürchteten Noroviren? Für die Beratung in der ist es wichtig zu wissen, wo die Grenzen der Selbstmedikation liegen und welche Präparate man empfehlen kann.

Die Behandlung einer unkomplizierten akuten Diarrhö erfolgt rein symptomatisch. Basismaßnahme ist eine ausreichende orale Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr am besten mit einer glukosebasierten Elektrolytlösung, welche die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt. Die WHO empfiehlt folgende Zusammensetzung für einen Liter Wasser:

13,5 g Glucose, 2,9 g Natriumcitrat, 2,6 g Natriumchlorid, 1,5 g Kaliumchlorid. Im Gegensatz zu älteren Rezepturen wurde die Glukosekonzentration etwas reduziert. Weiterhin wird seit 1984 die Verwendung von Natriumcitrat statt Natriumhydrogencarbonat empfohlen, um die Stabilität der Lösung in tropischen Gegenden zu erhöhen. In schweren Fällen und bei der Unfähigkeit einer ausreichenden oralen Flüssigkeitszufuhr ist eine parenterale Therapie notwendig.

Vorsicht bei Kindern und Senioren

Erkranken Kinder unter fünf Jahren oder ältere Menschen an Durchfall, ist der Verlauf häufig schwer. Wenn Angehörige feststellen, dass sich der Allgemeinzustand eines Patienten deutlich verschlechtert, sollten sie medizinische Hilfe suchen. Gerade bei Kindern und Älteren können die Flüssigkeitsmenge und die Menge der Salze, die der Körper bei starkem Durchfall verliert, enorm sein. 

Je jünger das Kind bzw. je älter der Senior, umso größer ist das Risiko, dass sich durch Wasser- und Elektrolytverluste eine Dehydratation entwickelt. Eine gewisse Zeit kann der Körper diesen Verlust ausgleichen, indem er dem Zellinneren Flüssigkeit entzieht, um so das zirkulierende Blutvolumen konstant zu halten. Langfristig droht der Patient jedoch auszutrocknen. Dem Ausgleich dieses Salz- und Flüssigkeitsverlustes kommt bei Brechdurchfällen somit die größte Bedeutung zu. Meist sind bei Diarrhöen zwar die Ausscheidungsprozesse im Darm gestört, die Resorption funktioniert jedoch, sodass durch Gabe von Elektrolyten und Flüssigkeit das Defizit ersetzt werden kann.

Zubereitungs- und Beratungshinweise

Orale Rehydratationslösungen gibt es als Fertigarzneimittel (z. B. Elotrans®, Oralpädon®, Saltadol®) und sie können auch als Pulvermischung selbst hergestellt werden. Ihre wichtigsten Bestandteile sind Natrium, Kalium, Glucose und Citrat. Da die Natriumaufnahme von der Glucose abhängig ist, sollte auf die gleichzeitige Einnahme von Natrium und Glucose geachtet werden. Das Wasser wird in der Folge osmotisch nachgezogen. Die Bestandteile Kalium und Citrat sollen hohen Kaliumverlusten und der durchfallbedingten Gefahr einer metabolischen Acidose vorbeugen. Aristo Pharma hat für Durchfallpatienten die Saltadol® Glucose-Elektrolyt-Mischung im Portfolio. Das Besondere: Die Glucose-Elektrolyt-Mischung ist das einzige Produkt mit der 1 : 1-Zusammensetzung und der Gesamtosmolarität nach aktueller WHO-Empfehlung im deutschen Markt.

Evidenzbasierte Therapie mit Racecadotril

Zusätzlich können über die Flüssigkeits- und Elekrolytzufuhr hinaus spezielle Antidiarrhoika verabreicht werden, welche die Dauer der Diarrhö verkürzen. Hierzu zählen beispielsweise motilitätshemmende Substanzen wie Loperamid oder der Enkephalinase-Hemmer Racecadotril.

Um die lästigen Toilettenbesuche rasch zu beenden, ist Loperamid für Erwachsene das Mittel der Wahl. Als Opioid-Derivat vermindert es die Darmperistaltik und hemmt die Flüssigkeitssekretion. Die Anwendung von Loperamid in der Selbstmedikation ist auf zwei Tage begrenzt. Die Anfangsdosis für Erwachsene beträgt 4 mg Loperamid (2 Kapseln) und nach jeder weiteren Stuhlentleerung 2 mg (1 Kapsel), jedoch nicht mehr als 12 mg (6 Kapseln) pro Tag. Bei Kindern unter 12 Jahren darf Loperamid in der Selbstmedikation nicht eingesetzt werden. Die Höchstdosis für Kinder über 12 Jahren beträgt 0,4 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Loperamid darf nicht zusammen mit anderen motilitätshemmenden Antidiarrhoika (Quellmitteln) angewendet werden. Als Nebenwirkungen können bei der Einnahme von Loperamid Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit,Übelkeit Bauchkrämpfe und bei Überdosierung Verstopfung auftreten.

Racecadotril (DiaVerde® 100 mg Hartkapseln, Vaprino® Gegen akuten Durchfall) beziehungsweise dessen aktiver Metabolit Thiorphan normalisiert als Sekretionshemmer durch Hemmung des Enzyms Enkephalinase die bei der akuten Diarrhö vorliegende übermäßige Flüssigkeitsausscheidung in den Darm. Die basale Sekretion bleibt dagegen unbeeinträchtigt. Die Darmmotilität wird nicht gehemmt und Krankheitserreger können weiter ausgeschieden werden. 50 Prozent der Patienten erholen sich innerhalb von zehn Stunden, mehr als 80 Prozent innerhalb eines Tages. Verstopfung sowie Bauchschmerzen und -spannungen waren unter Racecadotril seltener. Ein klinischer Vorteil für Racecadotril ist, dass durchfallauslösende Bakterien nicht im Darm zurückgehalten werden.

Die Arznei-Hefe Saccharomyces boulardii hemmt die natürliche Darmbewegung nicht, der Darm wird also nicht „lahmgelegt“. Damit unterscheidet sie sich von vielen herkömmlichen Durchfallmitteln. Zudem ist sie gut verträglich und für Kinder ab 2 Jahren (jüngere Kinder nach Rücksprache mit dem Arzt) geeignet. Zusätzlich wird die Regeneration des Darms unterstützt.

Auswahl des Arzneimittels und Zusatzempfehlung

Der Wirkstoff Loperamid ist für die Patienten gut geeignet. Generell lohnt sich bei Durchfall-Patienten die Nachfrage, ob zusätzlich „Luft im Bauch“ Beschwerden bereitet. In diesem Fall werden. Ebenfalls geeignet sind Teemischungen (zum Beispiel NRF 6.12). Diese wirken zusätzlich entkrampfend.

Richtige Ernährung bei Durchfall

Alles, was den Darm unnötig strapaziert, sollte gemieden werden.Dazu gehören fettreiche, schwer verdauliche Lebensmittel, genauso wie Kaffee, Milch(-produkte) und Cola.

Komplett auf Nahrung verzichten ist jedoch nicht nötig – im Gegenteil. Einige Lebensmittel können sich positiv auf den Darm auswirken. Haferflocken beruhigen beispielsweise Magen und Darm. Bei Magen-Darm-Problemen sind Schmelzflocken besser geeignet als Vollkornhaferflocken, da diese leichter verdaulich sind. Zerdrückte Bananen, Zwieback, geriebener Apfel und Gemüsebrühe sind ebenfalls gut geeignete Lebensmittel.

Tipps, um eine Ansteckung zu vermeiden

Die häufigste Ursache für Durchfall sind Infektion mit Viren oder Bakterien. Die Übertragung erfolgt häufig über kontaminierte Oberflächen, z.B. Gegenstände, Lebensmittel, Türklinken.

Folgende Tipps können helfen, eine Infektion zu vermeiden:

  • Waschen Sie die Hände grundsätzlich nach dem Toilettengang und vor dem Essen.
  • Egal ob Geflügel, Wild oder Fisch – lagern Sie Ihre Lebensmittel kühl unter 7 Grad, also im Kühlschrank. Denn Salmonellen vermehren sich ab einer Temperatur von 10 bis 20 Grad. Die Lagerung im Kühlschrank gilt daher als effektive Prophylaxe-Maßnahme. Das gilt natürlich auch für Eier, Eierspeisen (z.B. Tiramisu) und Milchprodukte.
  • Geflügel sollte gut abgewaschen werden. Anschließend gilt für rohes Fleisch jeglicher Art: Braten Sie alles für mindestens 10 Minuten gut durch!
  • Betroffene sollten möglichst eine separate Toilette benutzen. Oberflächen desinfizieren (inklusive Türklinke)! 

Norovirus oder Magen-Darm-Grippe?

Der Unterschied zwischen einer Norovirusinfektion und anderen Magen-Darm-Erkrankungen liegt meist im besonders schnellen Krankheitsbeginn. Aus völligem Wohlbefinden wird plötzlich ein sehr starkes Krankheitsgefühl. Dazu gehören starkes Erbrechen und auch starke Durchfälle.

Im vergangenen Jahr wurden laut Robert Koch-Institut (RKI) 77.583 Fälle von Norovirus-Brechdurchfall gemeldet, vor allem während der Wintermonate. Dabei umfasst diese Zahl nur jene Fälle, bei denen das Virus labordiagnostisch nachgewiesen wurde. Die tatsächlichen Fallzahlen dürften um ein Vielfaches höher liegen, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). Dass das hoch ansteckende Norovirus vor allem in der Wintersaison grassiert, liegt laut RKI vor allem an den niedrigen Temperaturen und der trockenen Luft, die zu dieser Jahreszeit vorherrschen. In diesem Klima sind die Erreger der Magen-Darm-Krankheit stabiler. Außerdem ist das menschliche Immunsystem im Winter weniger schlagkräftig als im Sommer.

Erkrankte sollten den Kontakt zu anderen Menschen so weit wie möglich meiden. Im Idealfall nutzen sie auch separate Toiletten, auf jeden Fall aber eigene Handtücher und Hygieneartikel. Toilette, Waschbecken, Türgriffe und Böden sollten regelmäßig – am besten mit Einwegtüchern, die dann in der Toilette entsorgt werden – gereinigt werden. Wasser und gängige Reinigungsmittel können aber ebenso verwendet werden. Dann sollten die Putzlappen aber möglichst sofort heiß gewaschen werden. Wichtig ist es auch, Bettwäsche, Kleidung und Handtücher bei höchstmöglichen Temperaturen zu waschen.

Auch wenn die Erkrankungssymptome vorbei sind, scheiden Betroffene das Virus noch mehrere Wochen lang mit dem Stuhl aus. Es heißt deshalb, auf besondere Hand- und Toilettenhygiene zu achten und nicht zu früh wieder in den Alltag zu starten. Die Experten der DGVS empfehlen, dass Erkrankte nach Abklingen der Symptome noch mindestens zwei Tage zu Hause bleiben sollten.


Cornelia Neth, Autorin DAZ.online
redaktion@daz.online


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