Untersuchung des LANUV Nordrhein-Westfalen

Weichmacher in Kinderurin sorgt für Verunsicherung

09.02.2024, 16:45 Uhr

Um auf Schadstoffe zu prüfen, untersucht das nordrhein-westfälische Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) alle drei Jahre Urinproben von 250 Kindern zwischen zwei und sechs Jahren. (Foto: oksix/AdobeStock)

Um auf Schadstoffe zu prüfen, untersucht das nordrhein-westfälische Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) alle drei Jahre Urinproben von 250 Kindern zwischen zwei und sechs Jahren. (Foto: oksix/AdobeStock)


Eine Pressemitteilung des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) machte in den letzten Tagen Schlagzeilen. Bei einer Untersuchung der Urinproben von 250 Kindergartenkindern war ein Metabolit des in der EU als besonders besorgniserregend eingestuften Weichmachers Di-n-hexylphthalat gefunden worden [1].

Di-n-hexylphthalat (DnHexP) darf, wie andere Phthalate auch, in der EU nicht mehr eingesetzt werden. Dafür gibt es gute Gründe, denn in Nagetieren wirkt die Substanz reproduktions- und hepatotoxisch [2]. Exposition gegenüber DnHexP im Mutterleib führte bei Ratten unter anderem zu verzögertem Wachstum, reduziertem Geburtsgewicht und Leberschäden [3, 4]. Bei neugeborenen Ratten waren außerdem Veränderungen der Schilddrüsenhormon-Spiegel messbar [5]. DnHexP-­Exposition von heranwachsenden Ratten und Mäusen verursachte Veränderungen an den Hoden und beeinträchtigt somit möglicherweise die Fruchtbarkeit. Zudem wird vermutet, dass Phthalate beim Menschen zur Entstehung von Diabetes, Übergewicht, Herzkrankheiten und Krebs beitragen können [6, 7]. Grund genug, sich die Ergebnisse des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz einmal genauer anzusehen.

Chemiker des Amtes untersuchen im Abstand von drei Jahren die Urinproben von 250 Kindergartenkindern zwischen zwei und sechs Jahren aus ganz Nordrhein-Westfalen auf Schadstoffe. Ziel ist es, die Belastung der Kinder mit Pestiziden, Weichmachern und Konservierungsstoffen im Blick zu behalten. Zu den Analyten gehören auch die Abbauprodukte von mehreren Phthalaten, nicht jedoch Mono-n-hexylphthalat (MnHexP), ein Metabolit von DnHexP. Bei einer gezielten Nachuntersuchung von Proben aus den Jahren 2020/21 stießen die Wissenschaftler jedoch auf erhöhte Werte im Urin. MnHexP trat in 61% der Proben auf. Die mittlere Konzentration lag bei 2,1 µg/l, der Höchstwert betrug 46,2 µg/l. Anhand von Rückstellproben der Jahre 2017/18 verfolgte das LANUV den zeitlichen Verlauf der Belastung. In diesen Jahren trat das Phthalat lediglich in 26% der Proben in einer mittleren Konzentration von 0,3 µg/l auf. Der Höchstwert lag bei 8,1 µg/l. Die Zahl der betroffenen Kinder verdoppelte sich also in etwa und ihre Belastung versiebenfachte sich. Die Behörde hat bisher keinen Hinweis auf die Quelle der verbotenen Weichmacher, äußerte jedoch den Verdacht, dass auch Kinder in anderen Bundesländern betroffen sein könnten. Eine regionale Häufung zeigte sich nicht, sowohl urbane als auch ländliche Gegenden scheinen betroffen [1, 8, 9].

Spielzeug, Verpackungen, Lebensmittel und Co. als potenzielle Quellen

Als Reaktion auf die Pressemitteilung des nordrhein-westfälischen LANUV gab das Umweltbundesamt bekannt, dass auch im Rahmen der laufenden sechsten Deutschen Umweltstudie zur Gesundheit (GerES VI) Mono-n-hexylphthalat im Urin von Erwachsenen gefunden wurde. Von den bisher ausgewerteten Proben enthielten 37% das Phthalat [10]. Auf welchem Weg der Weichmacher in den Körper der Menschen gelangte, konnte auch das Umweltbundesamt zunächst nicht beantworten. Gerade bei Kindern, die oft Dinge in den Mund nehmen, kommen importierte Plastikspielzeuge infrage. Aber auch Lebensmittel, Kosmetika oder deren Verpackungen können eine Quelle für Weichmacher sein. Gelangen Phthalate in die Umwelt, können sich diese lipophilen Substanzen zum Beispiel in Fisch anreichern [11].

Besteht Grund zur Sorge?

Für Eltern stellt sich nun vor allem die Frage: Droht meinem Kind eine Gesundheitsgefahr? Mit im Mittel 2 µg/l ist die gefundene MnHexP-Konzentration im Vergleich zu anderen Phthalaten eher niedrig. In den drei Untersuchungszyklen 2011/12, 2014/15 und 2017/18 lag die Medianbelastung der Kinder mit Phthalat-Metaboliten wie Mono-iso-butylphthalat (MiBP) oder Mono-n-butylphthalat (MnBP) regelmäßig im Bereich zwischen 20 und 50 µg/l Urin [9]. Wie DnHexP stehen auch diese Substanzen auf der Liste der besonders besorgniserregenden Substanzen, da sie reproduktionstoxische Eigenschaften zeigen [12]. Ein unmittelbarer Grund zur Sorge besteht wohl nicht. Dennoch ist es wichtig den Trend zu beobachten und die Quelle des Giftes zu identifizieren. Gerade bei endokrinen Disruptoren sollte die Belastung so niedrig wie möglich gehalten werden. Eltern können ihre Kinder kaum davon abhalten, Spielzeug in den Mund zu nehmen. Sie können aber darauf achten, ob Produkte in der EU produziert oder aus Nicht-EU-Ländern importiert wurden.

Literatur
[1] Neue Funde von Weichmacher in Kinderurin. Pressemitteilung des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen, 31. Januar 2024
[2] Kavlock R, Boekelheide K, Chapin R et al. NTP Center for the Evaluation of Risks to Human Reproduction: phthalates expert panel report on the reproductive and developmental toxicity of di-n-hexyl phthalate. Reprod Toxicol 2002;16(5):709-719, doi: 10.1016/s0890-6238(02)00030-8
[3] Ahbab MA, Güven C, Koçkaya EA, Barlas N. Comparative developmental toxicity evaluation of di- n-hexyl phthalate and dicyclohexyl phthalate in rats. Toxicol Ind Health 2017;33(9):696-716, doi: 10.1177/0748233717711868
[4] Ye J, Zhang K, Yuan X et al. Di-n-hexyl phthalate causes Leydig cell hyperplasia in rats during puberty. Toxicol Lett 2020:332:213-221, doi: 10.1016/j.toxlet.2020.07.018
[5] Barlas N, Göktekin E, Karabulut G. Influence of in utero di-n-hexyl phthalate and di-cyclohexyl phthalate exposure on the endocrine glands and T3, T4, and TSH hormone levels of male and female rats: Postnatal outcomes. Toxicol Ind Health 2020;36(6):399-416, doi: 10.1177/0748233720931698
[6] Aydemir D, Aydogan-Ahbab M, Barlas N, Ulusu NN. Effects of the in-utero dicyclohexyl phthalate and di-n-hexyl phthalate administration on the oxidative stress-induced histopathological changes in the rat liver tissue correlated with serum biochemistry and hematological parameters. Front Endocrinol 2023:14:1128202, doi: 10.3389/fendo.2023.1128202
[7] Bestimmung von Schadstoffen und Schadstoffmetaboliten im Urin von 2- bis 6-jährigen Kinder in Nordrhein-Westfalen: Nachuntersuchung des LANUV auf den Weichmacher-Metaboliten Mono-n-hexyl-Phthalat (MnHexP). Bericht des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen, V.01/2024
[8] Dekant W, Bridges J. Assessment of reproductive and developmental effects of DINP, DnHP and DCHP using quantitative weight of evidence. Regul Toxicol Pharmacol 2016:81:397-406, doi: 10.1016/j.yrtph.2016.09.032
[9] Schadstoffbelastung von Kindern - Untersuchungen von 2011 bis 2018. LANUV-Info 50. Informationen des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen, 2021
[10] Kim SM, Kim YH, Han GU et al. Diisobutyl phthalate (DiBP)-induced male germ cell toxicity and its alleviation approach. Food Chem Toxicol 2024:184:114387, doi: 10.1016/j.fct.2023.114387
[11] Cheng Z, Nie X-P, Wang H-S, Wong M-H. Risk assessments of human exposure to bioaccessible phthalate esters through market fish consumption. Environ Int 2013:57-58:75-80, doi: 10.1016/j.envint.2013.04.00
[12] Fund eines Weichmachers in Urinproben - Fragen & Antworten. Informationen des Umweltbundesamtes, 06. Februar 2024, www.umweltbundesamt.de/themen/fund-eines-weichmachers-in-urinproben-fragen


Ulrich Schreiber, MSc Toxikologie, DAZ-Autor
redaktion@daz.online


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