Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

07.07.2024, 07:30 Uhr

Alles ablehnen oder sich konstruktiv einbringen? Stillhalten oder lieber aktiv werden? (Foto: Alex Schelbert)

Alles ablehnen oder sich konstruktiv einbringen? Stillhalten oder lieber aktiv werden? (Foto: Alex Schelbert)


Die Lage: Lauterbach hat eine Teflon-Schicht – alle Argumente prallen an ihm ab. Und die ABDA bleibt bei ihrer Totalablehnung des Referentenentwurfs. Wie soll man da noch ins Gespräch kommen? Die ABDA will zwar alles tun, dass dieses Gesetz nicht durch den Bundestag kommt, aber was ist bitte „alles“? Sie ruft derweil zur Geschlossenheit auf und hält nichts von Protesten und Schließungen. Aber diese Stillhalte-Taktik halten viele für falsch. Apothekers an der Basis und sogar einige Kammern und Verbände werden mehr als unruhig: Sie starten Petitionen, rufen zur Unterzeichnung auf, schalten Anzeigen. In Hessen können Kammer und Verband die CDU-Fraktion im Landtag für die Apothekenprobleme gewinnen. Eine selbsternannte Expertengruppe befasst sich mit dem Reformentwurf und macht neue Vorschläge. Und die Freie Apothekerschaft hat schon ein Gutachten in der Tasche, dass die Regelung „Apotheken ohne Apotheker“ gegen höherrangiges Recht verstößt. 

1. Juli 2024

Von Apotheken ohne Apothekerinnen und Apotheker hält auch der Pharmaverband Deutschland (ehemals BAH)) rein gar nichts. In ihrer Stellungnahme zum Referentenentwurf der Apothekenreform machen die Arzneimittelhersteller deutlich, dass dies kein Schritt hin zu einer hochwertigen und sicheren Arzneimittelversorgung wäre. Die „Telepharmazie“ sieht der Branchenverband lediglich als Ergänzung, es sei kein Ersatz für den Apotheker, die Apothekerin in der Apotheke. Auch die geplanten Reformen der Vergütung und Struktur der Apotheke hält er nicht für geeignet, den Herausforderungen im Gesundheitswesen zu begegnen. Der Pharmaverband hat jedoch auch Nachbesserungsvorschläge parat. So sollte z. B. der Biologika-Austausch beschränkt werden und die Rechtsgrundlage für Rabattverträge für onkologische Fertigarzneimittel, die für parenterale Zubereitungen verwendet werden, gestrichen werden. Mehr Impfungen in Apotheken, auch mit Totimpfstoffen begrüßt der Pharmaverband, allerdings sollte das Impfangebot nicht auf die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) für Standardimpfungen ausgerichtet werden. Mein liebes Tagebuch, da kann man dem Pharmaverband nur zustimmen: Apotheken sollten auch weiterhin Indikationsimpfungen anbieten können, für alle. Und wenn selbst Pharmaverbände Apotheken ohne Apotheker ablehnen, sollte sich Lauterbach endlich fragen, ob das eine gute Idee sei. Ist es nicht!

 

Ach ja, das E-Rezept gibt’s auch noch! Seit einem halben Jahr ist es weitgehend Standard in der Arzneimittelversorgung. Und dennoch, es läuft nicht reibungslos, es gibt Holperer und Stolperer, wie immer, wenn etwas digital wird. Für Anke Rüdinger, stellvertretende DAV-Chefin, Vorsitzende des Digital-Hub und Vorsitzende des Berliner Apotheker-Vereins, war es auf alle Fälle eine tolle Leistung der Apotheken, das E-Rezept zum Laufen zu bringen, sagt sie im DAZ-Interview. Sie hätte sich allerdings eine Übergangsphase gewünscht, in der das E-Rezept langsam das rosa Formular hätte ablösen können. Ja, mein liebes Tagebuch, noch langsamer hätte man sich wünschen können, aber mit Übergangsphasen ist das oft so eine Sache – sie ziehen sich schier endlos hin. Vielleicht hätte die Technik besser arbeiten müssen und man hätte noch weitere Szenarien durchspielen müssen, um zu sehen, welche Fälle in der Praxis auftauchen und wie das E-Rezept dann zu managen ist. Und der GKV-Spitzenverband und der Deutsche Apothekerverband hätten sich von Anfang darauf eindeutig verständigen müssen, bei E-Rezepten und technischen oder formellen Unzulänglichkeiten auf eine Retaxation zu verzichten. Viele „Hättes“. Was Rüdinger einräumt: Der Referenzvalidator ist an technischen Schwierigkeiten gescheitert. Es hätte ein geniales Modul sein sollen, das automatisch dafür sorgt, dass fehlerhafte E-Rezepte erst gar nicht in den Fachdienst geladen werden können. Dieses Instrument habe nicht in den Praxisverwaltungssystemen umgesetzt werden können. Schade, mein liebes Tagebuch, sehr schade. es war eine berechtigte Hoffnung der Apothekers. Was sich Rüdinger wünscht: Dass das E-Rezept viel reibungsloser läuft, dass die technischen Unzulänglichkeiten rasch beseitigt werden und dass das E-Rezept auch für Patientinnen und Patienten mehr Komfort bringt. Mein liebes Tagebuch, bis es soweit ist, gibt’s noch viel zu tun. 

 

Alle Möglichkeiten ausschöpfen, um die Apotheken-Reformpläne von Lauterbach zu verhindern – das versucht Apotheker Christian Fehske aus Hagen. Er will die Rettung der Apotheken in die eigene Hand nehmen. Auf dem Portal OpenPetition hat er eine Petition gestartet, an der sich alle Interessierten sofort beteiligen können. Fehske hatte bereits vor zwei Wochen eine Anzeige zusammen mit weiteren 27 Apothekerinnen und Apothekern in der Lokalpresse geschaltet, um die Leserschaft über die gegenwärtige Lage und die düsteren Zukunftsaussichten der Apotheken aufzuklären. Mein liebes Tagebuch, es kann nicht genug solcher Initiativen geben! Hier geht’s zur Petition.

 

2. Juli 2024

Einfach den Entwurf des Apothekenreform-Gesetzes ablehnen, wie es die ABDA tut – kommt man damit weiter? Wohl kaum, mein liebes Tagebuch, zum einen schneidet das jeden Gesprächsfaden mit dem Ministerium ab, zum andern beinhaltet der Entwurf doch auch einige Reformvorschläge, die für die Zukunft der Apotheke durchaus sinnvoll und nützlich sein können. So oder ähnlich sieht es auch ein „Expertenkreis“ um Holger Seyfarth, Chef des Hessischen Apothekerverbands. Die Autorengruppe hatte bereits im Februar für Aufsehen gesorgt, indem sie mit einem Diskussionspapier dafür warb, Lauterbachs Reformpläne als Chance zu begreifen. Der selbsternannte Expertenkreis reicht nun eine eigene Stellungnahme zum Reformentwurf ein. Sie kritisieren, dass es der ABDA „an eigenen, mutigen und problemlösungsorientierten Vorschlägen“ mangele. Ja, mein liebes Tagebuch, diese Kritik kommt von vielen Seiten zu Recht auf die ABDA zu: Auch wenn es die ABDA selbst leugnet, die konstruktiven Vorschläge fehlen. Mit einem Hinweis auf ARMIN ist es nicht getan. Das Papier des Expertenkreises arbeitet dagegen die Punkte der Apothekenreform heraus, die sinnvoll sind, sagt aber auch, dass sie es nur unter der Bedingung sind, wenn dem Fachkräftemangel vorher wirksam begegnet wurde. Als Diskussionsgrundlage sehen sie z. B. gelockerte Öffnungszeiten, Zweigapotheken, die Filialleitung durch die Inhaberin oder den Inhaber selbst und Neugründungen durch Apothekerinnen und Apotheker mit ausländischem Abschluss. Auch eine Neuordnung des Apotheken-Notdienstes mache Sinn. Natürlich sieht die Gruppe um Seyfarth den Komplex Apotheken ohne Apotheker und alles, was sich Lauterbach damit vorstellt, kritisch. Einen solchen tiefgreifenden Einschnitt, der „die gesamte eigenverantwortliche Freiberuflichkeit der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen infrage stellen kann, halten wir in der Eile der Zeit für nicht geboten“. Und auch beim Thema Apothekenvergütung wünschen sie sich mehr Flexibilität und Kompromissbereitschaft und führen mehrere Punkte auf, die sie kritisch sehen, machen zugleich aber Vorschläge, was die Apotheken sofort entlasten könnte. Mein liebes Tagebuch, das sind endlich mal Angebote und eine Diskussionsgrundlage, die man ans Ministerium herantragen kann. Damit nicht genug, sie skizzieren darüber hinaus zwei Varianten zur Frage: In welche Richtung soll sich der Apothekerberuf entwickeln – mehr freier und weiterhin stark regulierter Beruf oder mehr Unternehmertum, wobei letztere Variante einem Systemwechsel gleichkommt und noch stärker durchdacht werden müsste. Mein liebes Tagebuch, das ist doch endlich mal ein offener und konstruktiver Umgang mit den Reformplänen, auch wenn nicht alle Punkte bei allen auf Gegenliebe stoßen dürften. Aber es wird zielführend gestritten und nicht einfach trotzig abgelehnt.

 

Aus Hessen kommt aber noch mehr als eine eigene Stellungnahme. Holger Seyfarth und der Hessische Apothekerverband (HAV) wollen nichts unversucht lassen. Sie haben sich dazu entschieden, eine Online-Petition zu starten, genauso wie Apothekerinnen und Apotheker im nordrhein-westfälischen Hagen. Unter dem Schlagwort „Keine Apotheken ohne Apotheker!“ fordert der HAV den Erhalt der wohnortnahen vollwertigen Arzneimittelversorgung. Seit dem 1. Juli kann die Petition auf der Seite https://www.openpetition.de unterzeichnet werden.


Und es gibt noch weitere Aktivitäten auf regionaler Ebene: In drei Landkreisen in Nordhessen hat ein Bündnis aus 62 Apotheken eine gemeinsame Anzeige in regionalen Zeitungen veröffentlicht – außerdem wurde sie über die sozialen Medien und Flugblätter in Apotheken verbreitet. Sie informieren darüber, wie die aktuellen Apothekenreform-Pläne die Gesundheitsversorgung insbesondere im ländlichen Raum gefährden könnte. Ihre Warnung: „Etablierung einer zweitklassigen Arzneimittelversorgung für einen Großteil der Bevölkerung“. Mein liebes Tagebuch, Apothekerinnen und Apotheker, die an der Aufklärung der Bevölkerung mitwirken möchten, können die Anzeige aus Nordhessen als Vorlage verwenden.

 

Die ABDA bleibt noch immer bei ihrer Totalablehnung des Referentenentwurfs: „Wenn die Grundannahme ‚Apotheker in der Apotheke‘ nicht mehr verfolgt wird, dann brauchen wir auch die anderen Bestimmungen nicht mehr nachverfolgen“, sagte ABDA-Präsidentin Overwiening in ihrem Livetalk. Natürlich sagte sie auch, dass die ABDA „alles daransetzen“ werde, dass dieses Gesetz nicht durch den Bundestag kommt. Aber, mein liebes Tagebuch, was ist bitte „alles“? Nun, man wolle Bundestagsabgeordnete für die Argumente der Apothekerschaft gewinnen, damit diese Argumente über diesen Weg den Einzug in das Gesetz finden. Und sollte diese Strategie funktionieren, seien Widerstand in Form von Protesten und Schließungen sowie Beschimpfungen auf den Bundestag kontraproduktiv, meint Overwiening. Und sie sagt auch: Wenn sich im parlamentarischen Verfahren nichts tun sollte, werde die ABDA „alles eskalieren, was zu eskalieren ist“.

Huch, na sowas – fragt sich nur, was das aus ABDA-Sicht sein könnte? Noch mehr Umfragen, Postkarten, rote Shirts und vielleicht Apothekenschließungen am Mittwochnachmittag von 17 bis 18 Uhr? Aber bis es soweit ist, so betont die ABDA-Präsidentin, „müsse mehr denn je Geschlossenheit beherzigt werden“, denn es habe überhaupt keinen Sinn, gegeneinander zu agieren und sich gegenseitig zu beschimpfen. Also, mein liebes Tagebuch, jetzt endlich mal Schluss mit dem sich gegenseitigem Beschimpfen. Wir trinken gemeinsam ein Tässchen Kräutertee, warten ein bisschen und eskalieren irgendwann oder auch nicht. Wird schon alles gut. Nein, mein liebes Tagebuch, so wird nichts gut. Die Aktivitäten von Apothekerinnen und Apothekern sind zu begrüßen!

 

Unser Bundesgesundheitsminister hat eine Apotheke in seinem Wahlkreis besucht, die Sonnen-Apotheke von Apotheker Mike Beyer in der brandenburgischen Kleinstadt Teltow. Der Sonnen-Apotheker hatte auch die ABDA-Präsidentin eingeladen, die die Gelegenheit nutzte, Lauterbach klar zu machen, dass mit seiner Reform und der Apotheke ohne Apotheker eine rote Linie überschritten werde. Und Apotheker Beyer sagte dem Minister deutlich, es könne doch nicht sein, dass sein Apothekenbetrieb auf Großhandelsskonti angewiesen sei, um zu überleben. Aber, mein liebes Tagebuch, auch dieser Termin in der Vor-Ort-Apotheke zeigte: An Lauterbach prallen alle Argumente ab. Denn auf der Plattform X postete er nach dem Apothekenbesuch: „Ohne unsere Reform wird es ein Apothekensterben auf dem Land geben. Telepharmazie und Entbürokratisierung retten die Landapotheke. Ohne Reform bliebe dort nur der Versandhandel“. Mein liebes Tagebuch, reicht das nicht für eine Eskalierung?

 

3. Juli 2024


Apothekerkammer und -verband in Hessen nutzen jede Gelegenheit, die Politik davon zu überzeugen, dass die von Lauterbach geplante Apothekenreform die inhabergeführte Apotheke nicht in die Zukunft führt. Die CDU-Fraktionsvorsitzende in Hessen, Ines Claus, hatte Kammerpräsidentin Ursula Funke und Verbands-Vorsitzenden Holger Seyfarth eingeladen, um über die Lage der Apotheken zu sprechen. Bei der Sitzung waren auch die CDU-Mitglieder der Landesregierung und Ministerpräsident Boris Rhein anwesend. Die CDU-Fraktion hatte ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Apothekerschaft. Die CDU-Fraktion im Landtag und die CDU-Mitglieder der Landesregierung versprachen, „alles zu unternehmen, um die inhabergeführte Apotheke vor Ort in die Zukunft zu führen und die Pläne aus dem BMG abzuwenden“. Mein liebes Tagebuch, es gibt noch Politikerinnen und Politiker, die wissen, was sie an einer Apotheke haben und dass das Gesundheitswesen die Apotheken in dieser Form braucht. Es tut gut, so eine Unterstützung zu erfahren. Auch wenn der Bundesrat nicht über die Apothekenreform entscheidet: Unterstützung auch aus den Ländern kann sich auf die Stimmung und Meinung der Abgeordneten auswirken. Kammerpräsidentin Funke ist davon überzeugt, jetzt nicht stillzuhalten, sondern die gesamte Klaviatur zu nutzen – notfalls auch Proteste.

 

Natürlich, bei allen Kopfzerbrechen und Sorgen, die uns die Apothekenreform bereitet – es gibt noch andere Themen, die wir im Auge haben müssen, z. B. das Thema E-Rezept. Ja, es läuft noch immer nicht wirklich rund, noch immer gibt es Störungen. Aber wir müssen auch im Blick haben, dass das E-Rezept als Ablösung fürs rosa Formular noch lange nicht alles ist. Mittlerweile können auch Privatrezepte ausgestellt werden, sofern der Versicherer es seinen Kunden anbietet und ihnen eine GesundheitsID zur Verfügung stellt (was wohl noch relativ selten vorkommt). Aber das ist noch lange nicht alles, für die nächsten beiden Jahre stehen noch mehr E-Rezept-Typen in der Warteschlange, z. B. E-Rezepte für Heilmittelverordnungen, Hilfsmittel, Verbandmittel, Medizinprodukte bis hin zu Blutteststreifen auf E-Rezept. Bis Ende 2027 soll dies dann alles möglich sein. Schon zum 15. Januar 2025 soll es aber die elektronische Patientenakte (ePA) geben, in die dann auch die Daten des E-Rezept-Fachdienstes automatisch einfließen sollen – die verordneten Arzneimittel sollen dann dort als Medikationsliste sichtbar werden. Und wenn der Patient der ePA nicht widerspricht und er es der Apotheke erlaubt, kann die Apotheke die ePA-Daten einsehen und auf Wunsch des Patienten Daten hinzufügen. Mein liebes Tagebuch, und das soll ab Mitte Januar 2025 schon möglich sein? Wer glaubt denn, dass dies dann schon so funktioniert?

 

4. Juli 2024

Aus dem Berliner Apothekerhaus kommen fast flehentlich die Aufforderungen im Sinne von: Liebe Apothekers, steht zusammen, haltet still, jetzt laut zu werden, ist kontraproduktiv, mehr denn je müsse Geschlossenheit beherzigt werden, und bitte keine Proteste und keine Petitionen. Die ABDA meint, dies sei eine richtige Reaktion auf den Referentenentwurf zur Apothekenreform. Und erst, wenn sich im parlamentarischen Verfahren nichts tun sollte, wolle man „alles eskalieren, was geht“. Aber, mein liebes Tagebuch, dann könnte es wohl schon zu spät sein. Und daher sehen viele an der Basis, aber auch einige Kammern und Verbände die gefühlte Untätigkeit der Standesvertretung, die Ruhighalte-Taktik der ABDA nicht für zielführend an – sie gehen eigene  Wege. Der Apothekerverband Hessen hat eine Petition ins Leben gerufen „Keine Apotheken ohne Apotheker“. Der Apothekerverband Schleswig-Holstein unterstützt diese Aktion und ruft seine Mitglieder zur Beteiligung auf. Etwas zögerlicher weist die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg auf diese Petition hin und bittet, sie über soziale Medien zu teilen. Der Landesapothekerverband Baden-Württemberg unterstützt die hessische Petition und fordert z. B. auf Instagram zum „Unterschreiben, Teilen, Weitersagen“ auf. Da tut sich was, mein liebes Tagebuch, im Gegensatz zu Bayern. Beim Bayerischen Apothekerverband sieht man Petitionen zwiespältig, Petitionen seien Begehren von Bürgern, die keine Möglichkeit hätten, auf ihre Belange aufmerksam zu machen – die Apothekerschaft habe doch ihre Verbände und die seien ja dran am Thema. Mein liebes Tagebuch, hüstel, hüstel, da stellt sich mehr als ein Kratzen im Hals ein. Und bei der bayerischen Position des Vorsitzenden, der da sagt „Ich empfehle, nicht zu unterzeichnen, das geht stillschweigend vorbei“, kann man nur die Augen rollen und denken: Mit dieser jahrelang geübten Taktik stehen wir Apothekers heute da, wo wir stehen – am Abgrund. Außerdem, mein liebes Tagebuch, einfach still zu halten – was wäre das für ein Zeichen an die Politik? Wenn ich da an die Proteste der Landwirte denke, da war von Stillhalten nicht die Rede!  Und sie haben viel erreicht!


Nein, er kommt wieder nicht live zum Apothekertag, Lauterbach wird auch beim diesjährigen Treffen der Apothekerinnen und Apotheker in München nur ein Online-Grußwort sprechen, über Video zugeschaltet. Das war’s. Entweder hält er es partout nicht für nötig, in persona anwesend zu sein oder – ganz billig – er kneift. Er will einfach nicht, er mag nicht, er mag uns Apothekers nicht. Wir sind ihm keine Honorarerhöhung wert. Seine Apothekenreform hält er für gut und damit basta. Mein liebes Tagebuch, es gehören immer zwei Seiten dazu: Wo sind denn die Reform-Ideen, -Vorschläge und Gesprächsangebote von der ABDA? Kommen wir mit pauschaler Ablehnung weiter?

 

Apotheken ohne approbierte Apothekerinnen und Apotheker – das lehnt auch die Freie Apothekerschaft (FA) ab. Ihre Stellungnahme zum Referentenentwurf für das Apotheken-Reformgesetz basiert auf einem Kurzgutachten einer Kanzlei, die für die FA arbeitet. Die Ablehnung wird damit begründet, dass die beabsichtigte Regelung u. a. gegen höherrangiges Recht verstößt, nämlich gegen die im Apothekengesetz verankerte Pflicht zur persönlichen Leitung einer Apotheke. Außerdem macht die FA deutlich, dass auch eine sofortige Anpassung der Honorare „alternativlos“ sei. Sie fordert die Anhebung des Fixums von 8,35 Euro auf 12 Euro, alternativ eine Anhebung auf 10 Euro und Streichung des Kassenabschlags. Die FA liefert auch Vorschläge, wo das Geld für die Erhöhung herkommen könnte: von den Versicherten. Die gesetzliche Zuzahlung für Arzneimittel sollte erhöht werden. Außerdem sollte die Notdienstgebühr auf mindestens 10 Euro erhöht werden, die Apotheke sollte einen Securpharm-Aufschlag von 50 Cent je Rx-Packung und eine Lieferengpass-Pauschale von mindestens 10 Euro pro Arzneimittel erhalten. Na, mein liebes Tagebuch, jetzt muss es Lauterbach nur noch abnicken.

 

5. Juli 2024

Verständlich, das Skonto-Urteil des Bundesgerichtshofs kam dem pharmazeutischen Großhandel gerade recht: Hohe Skonti als Wettbewerbsinstrument einzusetzen, ist vorbei, denn der Mindestpreis des ApU (Abgabepreis des pharmazeutischen Unternehmers) plus 73 Cent darf nicht unterschritten werden. Ohne Skonti bleibt dem Großhandel mehr Gewinn. Wenn aber mit der Apothekenreform Skonti ausdrücklich zugelassen würden, gefährdeten solche Rabatte und Vergünstigungen auf die gesamte gesetzliche Großhandelsspanne die sichere Arzneimittelversorgung, schreibt der Großhandelsverband (Phagro) in seiner Stellungnahme.

Für Apotheken ist das Skonto-Urteil allerdings mehr als schmerzlich. Das Bundesgesundheitsministerium hat sogar ein Einsehen und will höhere Skonti wieder ermöglichen, ein entsprechender Passus soll mit der Apothekenreform in die Arzneimittelpreisverordnung aufgenommen werden. Dagegen läuft nun der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (Phagro) Sturm und hat vorsorglich schon mal ein juristisches Kurzgutachten anfertigen lassen, wonach die beabsichtigte Änderung verfassungswidrig sei. Mein liebes Tagebuch, ist jetzt auch noch der Großhandel unser Feind? So kann man es wohl nicht sehen, denn letztlich geht es darum, dass doch jede Handelsstufe, der Großhandel und die Apotheke, von der ihr gesetzlich zugewiesenen Marge leben können muss. Bei den Apotheken ist dies nicht mehr der Fall. Und beim Großhandel auch nicht wirklich, wenn überhöhte Skonti möglich sind. Ja, schon richtig, kein Großhandel muss Skonti geben, aber realiter auf dem Pharmamarkt muss er sich dem Wettbewerb stellen und die Skontoschlacht mitspielen mit der Folge, dass er keine gesetzliche Mindestvergütung mehr hat. Mein liebes Tagebuch, die Lage ist mehr als vertrackt. Wo die Lösung liegt, ist bekannt: eine Erhöhung der Apothekenzuschläge, eine Erhöhung des Apothekenhonorars.

 

Da sage mal einer, eine Petition gehe einfach so vorbei: Die vom Hessischen Apothekerverband (HAV) initiierte Petition „Gegen das geplante Apothekenreformgesetz – keine ‚Apotheken ohne Apotheker‘!“, zu der auch diverse Landesapothekerverbände und Kammern zur Mitzeichnung aufgerufen haben, hat eine „überwältigende Resonanz“, kommentiert es Holger Seyfarth, Chef des HAV. Innerhalb weniger Tage habe man 30.000 gültige Unterschriften erreicht und damit das interne Quorum der Plattform OpenPetition erfüllt. Sicher, ob eine Petition letztlich wirklich eine Veränderung hervorrufen kann, ist immer ungewiss. Aber sie setzt Zeichen.

Die Unterschriftensammlung geht weiter, mein liebes Tagebuch, da geht noch mehr. Wir empfehlen zu unterzeichnen und noch mehr Bürgerinnen und Bürger zu motivieren, zu unterzeichnen! Hier geht’s zur Petition: www.openpetition.de/apothekenreform.


Peter Ditzel (diz), Apotheker / Herausgeber DAZ
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Die letzte Woche 

Mein liebes Tagebuch

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Die letzte Woche 

Mein liebes Tagebuch

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Die letzte Woche 

Mein liebes Tagebuch

6 Kommentare

Ideologie pur - nur Juristerei kann noch helfen.

von ratatosk am 08.07.2024 um 11:33 Uhr

Argumente oder Streiks helfen bei einem Charakter wie bei Karl leider gar nichts.
Einzig juristische Angriffe können noch was retten. Die selbstgestrickten Vernichtungsfantasien eines Karl sind sicher nicht wasserdicht, da er seine Ideologie über alles stellt.
Kein Geld mehr für Plakate etc. , wir brauchen die besten Verwaltungsjuristen die man bekommen kann und dann allen Fronten angreifen. Keine lächerliche Angst mehr vor Karl, er kann uns sowieso nur einmal killen, also kein Selbstmord mehr aus Angst vor dem Tod !
Ansätze zeigen sich ja z.B in der Länderliste !! etc. Juristen finden hier sicher noch sehr viel mehr. Aus die auffällige Bevorzugung der Versender ( bei deren Belangen ist das Bfarm auffällig schnell gefällig !) sollte durchleuchtet werden.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Hessische Aktivitäten

von Dr.Diefenbach am 07.07.2024 um 14:09 Uhr

,,,sind einfach zielführender,,.ES PASSIERT WENIGSTENS WAS! Man muss
doch nicht mit Allem konform gehen, aber manche Vorschläge werden doch in
oder bald beginnenden Nach-KL-Ära weiter verfolgt!!!!

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Hessische Aktivitäten

von Michael Reinhold am 07.07.2024 um 15:30 Uhr

Das Problem an Hessen ist, dass völlig unklar ist, welche Interessen Seyfarth gerade verfolgt. Der lässt vorletzte Woche eintausend Inhaber und Angestellte als Vorsitzender des HAV demonstrieren, nur um ein paar Tage später als Privatmann mit einer "Expertengruppe" ein Paper an Lauterbach rauszuhauen, welches innerhalb des HAV nicht abgestimmt war.

Und in diesem Paper setzt er sich für den Erhalt der großen Apotheken zu Lasten der kleinen Apotheken und die mittlefristige Aufgabe der Präsenzpflicht von angestellten Apothekern ein. Wäre ich aus Hessen und hätte ich an diesem Tag mitdemonstriert - ich käme mir rundaus verarscht vor, so für Seyfarths miese Zwecke instrumentalisiert worden zu sein.

.

von Anita Peter am 07.07.2024 um 10:02 Uhr

Wie ich es seit Jahren predige, man muss das große Rad drehen.
Kündigung aller Vertragswerke zum 31.12. , Rückgabe des Versorgungsauftrages.
RX ist nachweislich defizitär, die Veträge somit sittenwidrig. Sogar mit dem 2hm Gutachten würden wir nach Anpassung der Kostenentwicklung eine Honorarerhöhung bekokommen.

Aber es gibt immer noch zuviele Bedenkenträger und Kollegen die meinen, sie gingen aus diesem Massaker als Sieger hervor....

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

ABDA (Nicht-) Aktivitäten.

von Roland Mückschel am 07.07.2024 um 9:01 Uhr

Die ABDA macht alles richtig.

Diese Ziele, darum nicht erkennbar, könnten bei
den Buden allerdings Besorgnis erregen.
Gelinde gesagt.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Wann kommt die Erkenntnis?

von Ulrich Ströh am 07.07.2024 um 8:47 Uhr

„Alles eskalieren,was geht,wenn sich im parlamentarischen Verfahren nichts tut….“

Es ist jetzt Zeit für einen nicht mehr rechtzeitigen Kurswechsel.

Auch in der Sommerpause.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.