Priscus und mehr

Worauf ist zu achten, wenn ältere Menschen Psychopharmaka einnehmen?

Schladming - 20.01.2023, 13:45 Uhr

Bei Patienten, die unter dem Frailty-Syndrom leiden, muss beispielsweise berücksichtigt werden, dass fast alle Psychopharmaka die Sturzwahrscheinlichkeit erhöhen. (Foto: DAZ / jr)

Bei Patienten, die unter dem Frailty-Syndrom leiden, muss beispielsweise berücksichtigt werden, dass fast alle Psychopharmaka die Sturzwahrscheinlichkeit erhöhen. (Foto: DAZ / jr)


2030 werden circa 26 Prozent der Deutschen älter sein als 65 Jahre. Jeder Fünfte über 65 Jahren leidet an einer psychischen Erkrankung. Das verdeutlicht, wie wichtig die psychotherapeutische und psychopharmakologische Betreuung dieser Altersgruppe ist.

Bei der pharmakologischen Betreuung älterer Patienten mit mentalen Erkrankungen ist vor allem die veränderte Stoffwechsellage zu beachten, das erläuterte Dr. Otto Dietmaier, ehemaliger Pharmaziedirektor vom Klinikum am Weissenhof im Zentrum für Psychiatrie, am vergangenen Mittwoch auf dem Pharmacon-Kongress in Schladming. So kann aufgrund einer altersbedingten Nierenfunktionsstörung die renale Ausscheidung beeinträchtigt sein. Bei Patienten, die unter dem Frailty-Syndrom leiden, muss berücksichtigt werden, dass fast alle Psychopharmaka die Sturzwahrscheinlichkeit erhöhen – vor allem aber sedierende Substanzen. Benzodiazepine sollten daher generell bei geriatrischen Patienten nicht zum Einsatz kommen. Außerdem erhöht die Polypharmazie das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen beziehungsweise Interaktionen.

Besondere Aufmerksamkeit bei älteren Patienten erfordern laut Dietmaier anticholinerge Nebenwirkungen, die zu Gedächtnisstörungen und Verwirrtheit bis hin zum Delir führen können. Wirkstoffe mit serotonergem Wirkprofil können zudem Blutungen oder eine Hyponatriämie verursachen. Kardiale Effekte von Psychopharmaka, wie massive Blutdrucksteigerungen oder Verlängerung der QT-Zeit können zu Herz-Kreislauf-Problemen führen und müssen in der Geriatrie ebenfalls berücksichtigt werden. 

Es existieren verschiedene Listen als Hilfsmittel, in denen Arzneimittel auf ihre spezielle Eignung für die Therapie älterer Menschen bewertet und gruppiert werden. Die Priscus-Liste für den deutschsprachigen Raum gibt Hinweise zum Interaktionspotenzial, sowie der generellen Eignung von Arzneimitteln für alte Menschen. Für die Beratung in der Apotheke kann es sinnvoll sein, Vorteile und Risiken einzelner Wirkstoffe oder Substanzklassen für geriatrische Patienten zu kennen.

Eine lebensgefährliche, aber vermeidbare Arzneimittelnebenwirkung

Gefürchtetes Serotonin-Syndrom

Für mehr Arzneimitteltherapiesicherheit im Alter

„Start slow, go slow … but go!“

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Das geht ans Herz

Ein langsames Steigern der Dosis und später auch langsames Ausschleichen von Psychopharmaka sind gerade bei alten Patienten essenziell, da die hepatischen und renalen Eliminationsfähigkeiten eingeschränkt sind („start low, go slow“), so Dietmaier. Pharmakokinetik und -dynamik sind verändert, was zu verstärkten Arzneimittelwirkungen führen kann. Aufgrund dessen ist oft nur die Hälfte oder ein Drittel der üblichen Dosis für Erwachsene bei älteren Patienten vonnöten.

Doch was bedeuten diese allgemeinen Hinweise konkret für die pharmazeutische Behandlung von geriatrischen Patienten mit psychischen Erkrankungen?

Arzneimittel für Ältere bei Demenz und Depression

Erkrankt ein älterer Mensch an einer Demenz, können laut Dietmaier Acetylcholinesterase-Hemmer, zum Beispiel Donepezil, Galantamin, Rivastigmin, oder Memantin eingesetzt werden. Kommt es im Rahmen einer Demenz zu nicht-kognitiven Verhaltensstörungen (wie beispielsweise Schreien, völlige (sexuelle) Enthemmung, Umherwandern und dergleichen) sollen Risperidon, Pipamperon oder Cholinesterase-Hemmer helfen. 

Eine Depression sollte mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmeinhibitoren (vor allem Sertralin, <100 mg/Tag) behandelt werden. Bei den Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern sind Venlafaxin und Duloxetin auch für geriatrische Personen geeignet.

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Herausforderndes Verhalten

Gerade geriatrische Patienten sind oft wenig adhärent. Hier kann eine fundierte Beratung in der Apotheke, die die Notwendigkeit und biologische Wirkung der Medikation unterstreicht, helfen.


Juliane Russ, Volontärin DAZ
redaktion@daz.online


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