Kommentar

Das gefährliche Mantra der Ökonomen

Stuttgart - 01.08.2022, 17:50 Uhr

In den Augen von Gesundheitsökonom und Digitalisierungsfachmann Professor David Matusiewicz ist die Fähigkeit sich neu zu erfinden, künftig das Kriteium für das Überleben einer Apotheke. (Foto: IMAGO / Geisser)

In den Augen von Gesundheitsökonom und Digitalisierungsfachmann Professor David Matusiewicz ist die Fähigkeit sich neu zu erfinden, künftig das Kriteium für das Überleben einer Apotheke. (Foto: IMAGO / Geisser)


„Wir haben zu viele Apotheken in Deutschland“ – dieses Mantra hört man von Gesundheitsökonomen seit Jahren, so auch von David Matusiewicz. Auch nicht neu ist die These, dass die Digitalisierung zu einer in den Augen der Ökonomen nötigen Marktbereinigung führen wird. Doch damit macht es sich die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler nicht nur viel zu leicht. Auf diese natürliche Selektion zu setzen, ist auch gefährlich. Ein Kommentar von DAZ-Chefredakteurin Julia Borsch.

Gesundheitsökonom und Digitalisierungsfachmann Professor David Matusiewicz erwartet, dass die digitale Transformation für die Apotheken einen radikalen Umbruch bedeuten wird. Wer nicht mitgeht, wird nicht überleben. Und ja, wenn man die Dinge einfach so laufen lässt, hat er mit großer Wahrscheinlichkeit recht. Die anstehende Marktbereinigung wird eine spürbare Reduktion der Apothekenzahlen mit sich bringen. Was der Ökonom mit einem Schulterzucken quittiert, weil es in seinen Augen ohnehin zu viele Apotheken gibt, ist aber aus Versorgungssicht ein großes Problem. Denn die platte Aussage „es gibt ohnehin zu viele Apotheken“, die vor Matusiewicz schon viele Ökonomen getätigt haben, greift viel zu kurz und wird der Komplexität der Sache nicht gerecht.

Für die Innenstädte deutscher Großstädte mag richtig sein, dass die Versorgung auch mit deutlich weniger Apotheken keinen Deut schlechter wäre. Insbesondere dann nicht, wenn man davon ausgeht, dass besonders leistungsstarke Apotheken den Wandel überleben werden. Aber die Welt besteht nicht nur aus Innenstädten von Großstädten, wo Patient:innen freie Apothekenwahl im wahrsten Sinne des Wortes haben. Ganz im Gegenteil: Der große Teil der Menschen lebt in Stadtrandlagen oder auf dem Land. Und da macht sich das Apothekensterben der vergangenen Jahre schon jetzt bemerkbar, ohne dass die große digitalisierungsbedingte Marktbereinigung abgeschlossen ist. Ja vielleicht sogar, ohne dass sie wirklich schon begonnen hat. Aber in diesen Regionen ist die wohnortnahe Versorgung durch Apotheken bereits jetzt ernsthaft in Gefahr. Wenn die versorgungsrelevanten Apotheken einmal weg sind, sind sie weg. Das Rad wäre dann nur mit staatlichen Eingriffen zurückzudrehen.

Die Politik muss genau hinsehen

Auf die flächendeckende wohnortnahe Versorgung nimmt nämlich die digitalisierungsbedingte Selektion keine Rücksicht. Die Menschen haben nichts von einer Apotheke, die sich zwar neu erfunden hat, denn nur die werden Matusiewicz zufolge überleben, die aber 100 km weit weg ist.

Von daher wäre die Politik gut beraten, nicht dem Mantra der Ökonomen zu unterliegen, dass es ohnehin zu viele Apotheken gibt und den Markt dem freien Spiel der Kräfte zu überlassen, sondern genau hinzusehen und gegebenenfalls regulierend einzugreifen. Die Fähigkeit sich neu zu erfinden und möglichst digital aufzustellen, ist zwar eine auch für Apotheken positive Eigenschaft, sollte in Bereichen der Daseinsvorsorge aber auf jeden Fall nicht das Überlebenskriterium sein.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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8 Kommentare

es gibt zu viele Apotheken...

von Janna-Luise Dickmann am 03.08.2022 um 8:56 Uhr

Apotheken bieten familienfreundliche Teilzeit-Arbeitsplätze, sie sind in vielen Fällen für den Nutzer kostenlose Dienstleister,
sie zahlen Steuern und leisten tätige Arbeit, wenn Herr Matusiewicz längst schläft.
Haben wir zu viele Steuerzahler, dann hätte ich die bisher benannte Problematik wohl völlig falsch verstanden!
Im Gegenteil: Apotheken gehören mit ihren Leistungen in steuerlicher und dienstleistungsorientierter Hinsicht eher zur aussterbenden Spezies dieses Landes.

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zu viele Apotheken

von Ariane Maaß am 02.08.2022 um 9:41 Uhr

Apotheken sparen Geld, da die Menschen dort kostenlos beraten werden und daher sich ein Arztbesuch mit vielleicht ausgestelltem Rezept der Kasse erspart bleibt. Seit wann verursachen Apotheken per se Kosten für die KK?
Der Zusammenhang erschließt sich mir nicht.

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zu viele Ökonomen

von Norbert Brand am 02.08.2022 um 8:36 Uhr

Wir haben nicht zu viele Apotheken sondern zu viele Ökonomen. Viele junge Menschen studieren BWL, weil es zu etwas Sinnvollerem, wie z.B. ein Studium in den wichtigen MINT-Fächern, nicht reicht. BWL'er landen meist im Controlling, drehen an sog. "Stellschrauben", regen "Cost-Cutting" an, haben im Grunde eine destruktive Grundhaltung. Bringen selten etwas Kreatives, Konstruktives zustande. Eine Wirtschaft mit einem Überschuß an Controllern, die ohne jegliche Verantwortung für das, was sie empfehlen, agieren können, wird nicht aus den Puschen kommen. Beim Begriff "Experte" ist ohnehin Wachsamkeit geboten. Nur schade, daß sich die Politik wiederum hinter den Gutachten solcher Experten versteckt. Eine fast ausweglose Situation.

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Kommentar Frau Bosch

von Dr. Thomas Richter am 02.08.2022 um 8:12 Uhr

Liebe Frau Bosch!
Sie haben unsere Seelen wieder etwas mit Balsam bestrichen. Das tut gut. Ich bin kein Utopist, natürlich wird sich die Zahl der Betriebe reduzieren. Und da wurde ein Punkt vom "Weltökonomen" und "Apothekenversteher" vollkommen ausgeblendet: der Mangel an PTA und Apothekern (Verzeihen Sie, ich bin auch Germanist und gendere nicht - und ich glaube, Sie definieren Sie auch nicht über diesen Unsinn, sondern die hervorragende Qualität Ihrer Beiträge). Dieses Versiegen der Arbeitskräfte allein wird schon ein Apothekensterben nach sich ziehen. Auch die KI, ein Thema in dem unser promovierter, aber nicht habilitierter Professor, bestimmt zu Hause ist, wird die menschliche Arbeitskraft nicht vollkommen in den Apotheken ersetzen können. In diesem Sinne vielen Dank und ich hoffe, dass auch unser @Holger jetzt zufrieden ist und sich nicht mehr schämen muss.

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AW: Scham

von Holger am 03.08.2022 um 8:32 Uhr

"fortiter in re, suaviter in modo".
Ein inhaltlicher Disput ist immer gut und wertvoll.
Wenn er so "anständig" geführt wird wie dieser hier,
dann muss sich niemand schämen.

Cui bono ? Ein bisschen brainstorming....

von Thomas B am 02.08.2022 um 0:13 Uhr

Sehr schöner Kommentar, Frau Borsch!

Man muss sich einfach die Frage nach dem Warum stellen.
Also: Warum äussert sich jemand so - ööööh - diskussionswürdig? Warum bezahlt der/die Auftraggeber:in dafür? Warum glaubt man an eine Geschichte? Warum wird genau diese Geschichte geschrieben oder weitererzählt?
Dann kommt man auf: WER? Wer ist das? Wer hat den Auftrag gegeben? Wer steht hinter der Person oder der Geschichte? Wer könnte einen Nutzen davon haben?

Und ganz schnell und unkontrollierbar landen die Gedanken bei Begriffen wie Machtstreben, Gewissenslücke, Machterhalt, Hegemonie, Politiker:in, Kuhhandel, sozialverträgliches Frühableben, Monopol, Kostenfaktor, Rabattvertrag, Oligopol, Retaxwahn, Provision, Immobilienblase, Gesundheitsprüfung, Versicherungsausschluss, Rentenformel, Rendite, Risikominimierung, Spargelfahrt, George Orwell..........

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Die vielen Apotheken....

von Dr.Diefenbach am 01.08.2022 um 18:14 Uhr

...braucht dieser Ökonom nicht,weil er vielleicht stadtnah lebt, sich NIE mit dem kranken Menschen an sich auseinandergesetzt hat,ggf.(dann ist allerdings die Qualifikation kritisch zu hinterfragen) die DEMOSKOPISCHE ENTWICKLUNG nicht sieht UND:Sich einmal in einer ABDA Detail-ausgabe ansehen sollte;WO Deutschland mittlerweile im Verhältnis Apothekenzahl:Einwohner auf diesem Kontinent steht.Mir ist nicht klar WIE ein Ökonom der solche Sachverhalte darlegt, sicher als überzeugter EUROPÄER dann halt Parallelen in anderen Ländern übersehen konnte.Oder ist das Desaster in GB,die Kettenlastigkeit in Nordeuropa mit dem Verlust auf dem Land(die DAZ berichtete doch darüber) usw.kein warnendes Beispiel?? Es stellt sich inzwischen die Frage,wie ANONYM der Mensch an sich leben soll/wird,wenn Alles nur noch digital abläuft???Wie lebenswert kann es sein, wenn ich morgens meinen 3d-Drucker anwerfe,das automatisierte digitalisierte Haus mir mittags vorgibt WAS zu machen ist, und abends der digitale autonome Wagen vorfährt, mir eine Rüge verpasst weil ich nicht schnell genug bin-künstliche iT macht mir "Beine"-und ich bald das ERSTE Fremdgespräch an diesem Tag führe weil ich zur NOTDIENSTAPOTHEKE von OF weissgottwohin gefahren werde.DORT kann ich mit einem Menschen ausserhalb der eigenen Familie REDEN!!!Ist das dem Ökonomen nichts mehr wert??Auch er altert irgendwann und vielleicht hat er es dann "verpennt",seine Programme neu aufzuspielen"" Vielleicht hat ihm auch ein Kriegstreiber aber den Strom abgestellt .Und der Ökonom liest in einem Handbuch nach WIE der Alltag im Leben manuell oder analog funktioniert.LESEN wurde noch nicht digitalisiert....
DANKE Frau Borsch für Ihre Ausführungen!

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AW: Digitalisierungsfachmann

von Harald Schmidt am 01.08.2022 um 18:29 Uhr

Ich würde auch das Label selbsternannter "Digitalisierungsfachmann" bei Herrn Matusiewicz nur sehr bedingt gelten lassen.

Prof. Dr. med. H. Schmidt
Uni Maastricht

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