Bundeshauptversammlung

Virchowbund fordert Dispensierrecht für Ärzte – wegen Apothekenmangels

Berlin - 25.10.2021, 10:45 Uhr

Immer mehr Apotheken in Deutschland müssen schließen. Resultiert daraus inzwischen ein Versorgungsproblem, mit dem sich das Dispensierrecht für Ärztinnen und Ärzte rechtfertigen lässt? (c / Foto: IMAGO / Geisser)

Immer mehr Apotheken in Deutschland müssen schließen. Resultiert daraus inzwischen ein Versorgungsproblem, mit dem sich das Dispensierrecht für Ärztinnen und Ärzte rechtfertigen lässt? (c / Foto: IMAGO / Geisser)


Der NAV-Virchowbund vertritt die Interessen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Am vergangenen Freitag und Samstag kamen die Delegierten in Berlin zur Bundeshauptversammlung des Verbands zusammen. Verabschiedet wurde dabei auch ein Antrag, der es aus Apothekersicht in sich hat: Gegenstand ist die Forderung, in Modellprojekten das Dispensierrecht für Ärztinnen und Ärzte zu erproben. Begründet wird dies mit den sinkenden Apothekenzahlen hierzulande und damit einhergehenden Versorgungsproblemen.

Dass immer mehr Apotheken schließen müssen, ist auch an der Ärzteschaft nicht vorbeigegangen. Der NAV-Virchowbund, der die Interessen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland vertritt, ließ deshalb die Delegierten bei seiner Bundeshauptversammlung am vergangenen Freitag und Samstag in Berlin über einen Antrag abstimmen, in dem mit Blick auf die sinkende Zahl der Offizinen hierzulande die Erprobung des Dispensierrechts für Ärztinnen und Ärzte in einem Modellprojekt gefordert wird.

Zunächst soll dem Wortlaut nach Haus- und grundversorgenden Fachärztinnen und -ärzten die Abgabe der am häufigsten verordneten Arzneimittel ermöglicht werden. Hintergrund sind demnach die sinkenden Apothekenzahlen hierzulande. „Die Zahl der Apotheken geht seit dem Höchststand im Jahr 2008 kontinuierlich zurück“, heißt es in dem Antrag. „Gerade multimorbide Patienten sind häufig nicht mobil. In Regionen mit schlechter ÖPNV-Anbindung wird der Gang zur Apotheke zur zusätzlichen Belastung, zumal immer häufiger Apotheken in diesen Regionen schließen oder durch Lieferschwierigkeiten ein zweiter Besuch in der Apotheke erforderlich wird.“ Angeregt wird, in Modellversuchen zu testen, ob „durch die Einführung des Dispensierrechts – wie es beispielsweise in der Schweiz seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert wird –, die Versorgung und die Zufriedenheit der Patienten verbessern wird“.

Antrag einstimmig angenommen

Wie die DAZ auf Nachfrage erfuhr, nahmen die Delegierten den Antrag am späten Freitagnachmittag einstimmig mit vier Enthaltungen an. Er sei „ausführlich und durchaus kontrovers“ diskutiert worden, teilte ein Sprecher mit. Mehrere Delegierte wiesen demnach auf „die positiven Effekte des Dispensierrechts im Notdienst bzw. bei Hausbesuchen, Besuchen im Altenheim und bei immobilen Patienten hin“.

Forderungen nach einem Dispensierrecht für Ärztinnen und Ärzte waren in den vergangenen Monaten vermehrt laut geworden, allerdings meist reflektorisch im Zusammenhang mit den Modellprojekten zur Grippeimpfung in den Apotheken. Davon ist im Antrag des Virchowbunds jedoch nichts zu lesen. Das Dispensierrecht als mögliche Antwort auf den Apothekenmangel heranzuziehen, ist also ein etwas abgewandelter Ansatz. Allerdings klingen die im Antrag genannten Versorgungsprobleme so, als seien sie recht unkompliziert bereits im Rahmen des rechtlich zulässigen und von den Apotheken angebotenen Botendiensts lösbar.


Christina Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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6 Kommentare

Steilvorlage

von Stefan Haydn am 26.10.2021 um 9:41 Uhr

Wenn das keine Steilvorlage für die ABDA bzgl. Versorgungs- Planungs- und Finanzplanungssicherheit und überfälliger Honorarerhöhung von und durch Apotheken ist, dann .... kann der ABDA keiner mehr helfen!

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Schweiz

von JHL am 25.10.2021 um 18:48 Uhr

In der Schweiz liegen die Arzneimittelkosten bei selbstdispensierenden Ärzten etwa 30% höher.
Kann keiner wollen.

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Dispensierrecht

von Rita Längert am 25.10.2021 um 18:29 Uhr

Spätestens wenn die Ärzte mitkriegen, das es Netto-EK und Brutto-VK gibt und eine Umsatzsteuer sowie Gewerbesteuer abgeführt werden müssen und evtl. ein Teil der lukrativen IGEL- Leistungen (Verkauf von Arthrosespritzen) dann vielleicht auch noch darunter fällt, wird richtig Freude aufkommen. Schönen Gruß an den netten Herrn vom FA.
Aber vorher werden sicherlich die Krakas auch noch auf den Plan gerufen, Stichwort Herstellerrabatt.
Wünsche allen dann viel Spaß dabei.

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Weckruf

von Thomas Eper am 25.10.2021 um 16:31 Uhr

Könnte sein, dass einige Standesvertreter und Delegierte jetzt aufwachen.
Hoffen wir mal...

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dümmlich

von Karl Friedrich Müller am 25.10.2021 um 13:03 Uhr

"gängige" AM hat jede Apotheke vorrätig
werden diese durch Ärzte abgegeben, wird das Apothekensterben beschleunigt
Apotheken bieten Botengang an, schon mal gehört?

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.

von Anita Peter am 25.10.2021 um 12:13 Uhr

Und ich fordere Behandlungsrecht für Apotheker wegen Ärztemangel.

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