Ergebnisse der Studie STR1VE-EU

Zolgensma verhilft Kindern zum Sitzen

Stuttgart - 12.10.2021, 09:15 Uhr

Erhalten Säuglinge mit infantiler spinaler Muskelatrophie einmalig Zolgensma®, kann die Hälfte der Babys bis zum Alter von 18 Monaten für mindestens zehn Sekunden frei sitzen. (Foto: Tanya Yatsenko/Stocksy/AdobeStock)

Erhalten Säuglinge mit infantiler spinaler Muskelatrophie einmalig Zolgensma®, kann die Hälfte der Babys bis zum Alter von 18 Monaten für mindestens zehn Sekunden frei sitzen. (Foto: Tanya Yatsenko/Stocksy/AdobeStock)


Wirksamkeit bestätigt

Lange wurde gehofft, dass Zolgensma® Patienten mit SMA heilt, diese Hoffnung hat sich jedoch verflüchtigt. Die Studienautor:innen sehen in den Ergebnissen von STR1VE-EU die in anderen Studien bereits gezeigte Wirksamkeit von Onasemnogen-Abeparvovec bei Säuglingen mit symptomatischer spinaler Muskelatrophie Typ 1 bestätigt. Es seien „keine neuen Sicherheitssignale“ festgestellt worden. So hatten bereits im April dieses Jahres Wissenschaftler:innen die Studie STR1VE – ebenfalls in „The Lancet Neurology“ – veröffentlicht, die ähnlich konzipiert war wie STR1VE-EU, jedoch in den Vereinigten Staaten durchgeführt wurde und als Co-primären Endpunkt mindestens 30-sekündiges selbständiges Sitzen bis zum Alter von 18 Monaten definiert hatte. Die Einschlusskriterien waren jedoch deutlich strenger gehalten als bei STR1VE-EU. Auch hier war der Sponsor Novartis. In STR1VE konnten 59 Prozent (13 von 22 Babys) bis zum Studienende im Alter von 18 Monaten für mindestens 30 Sekunden alleine sitzen, kein Baby war bis zum 14. Lebensmonat auf dauerhafte Beatmung angewiesen oder verstorben. Auch hier zählten vor allem Fieber, Atemwegserkrankungen und erhöhte Leberwerte zu den berichteten unerwünschten Ereignissen.

Auch schwer erkrankte Säuglinge eingeschlossen

„Gegenüber der US-Studie, die Kinder mit initialer Beatmung oder Sondenernährung ausgeschlossen hatte, waren in der EU-Studie auch Säuglinge mit teilweise schwerster symptomatischer SMA Typ 1 aufgenommen worden“, erklärt Frau Professorin Christine Klein, Past-Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in einer Pressemitteilung der DGN. Und weiter: „Das Medikament zeigte trotzdem insgesamt eine gute Wirksamkeit, die Entwicklungs-Meilensteine wurden von den meisten Kindern erreicht. Im Studienverlauf benötigten fast 90 Prozent keine Sondenernährung und über 90 Prozent blieben ohne unterstützende Beatmung.“ Auch das Risiko-Nutzen-Profil könne als günstig bezeichnet werden, Nebenwirkungen waren gut zu managen, und es gab keine Sicherheitsbedenken, die einen Studienabbruch erfordert hätten. Weitere Studien müssen nun den Langzeiteffekt und die Langzeitsicherheit überwachen.

Teure Therapie

Klein äußert sich auch zu den exorbitanten Therapiekosten, man müsse „gesamtgesellschaftlich darauf einwirken, dass innovative Medikamente bezahlbar bleiben“, mahnt sie, das gelte letztlich für alle Indikationen. Die DGN teilt gleichzeitig mit, dass man seit „geraumer Zeit Gespräche mit staatlich finanzierten Forschungseinrichtungen, der Wissenschafts- und Gesundheitspolitik und der forschenden Industrie“ führe, um einen „offenen Diskurs“ anzustoßen. Zolgensma® gilt als das derzeit teuerste Arzneimittel weltweit. Laut der Lauer-Taxe liegt der Klinik-Einkaufspreis bei 1.945.000 Euro. Teilweise gibt es sogenannte Pay-for-Performance-Verträge zwischen Krankenversicherungen und Hersteller, die eine erfolgsorientierte Erstattungsvereinbarung enthalten.

Zolgensma® gilt als erste kausale Therapie bei Spinaler Muskelatrophie, daneben kommen Nusinersen in Spinraza® (intrathekal) und der täglich zu verabreichende orale Saft Risdiplam (Evrysdi®) zur Anwendung. Allen ist gemein, dass sie versuchen, die Konzentration an fehlendem oder mangelndem Survival Motoneuron zu erhöhen. Unterschiede gibt es neben dem Wirkmechanismus und der Darreichungsform auch in der Indikation, für Spinraza® ist diese mit „zur Behandlung der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie“ am weitesten gefasst. Evrysdi® darf bei 5q-assoziierter spinaler Muskelatrophie vom Typ-1, Typ-2 oder Typ-3 oder mit einer bis vier Kopien des SMN2-Gens und bei Patienten ab einem Alter von zwei Monaten angewendet werden. Zolgensma® nur bei der schwersten Form: „Patienten mit 5q-assoziierter spinaler Muskelatrophie mit einer biallelischen Mutation im SMN1-Gen und einer klinisch diagnostizierten Typ-1-SMA oder Patienten mit 5q-assoziierter SMA mit einer biallelischen Mutation im SMN1-Gen und bis zu 3 Kopien des SMN2-Gens“. Laut Lauer-Taxe liegt eine Flasche Evrysdi® (60 mg Risdiplam | 0,75 mg/ml) bei 10.943,06 Euro (Babys zwischen zwei Monaten und zwei Jahren erhalten 0,2 mg/kg Körpergewicht täglich). Spinraza® kostet pro Dosis (nach Aufsättigung mit vier Dosen innerhalb eines Monats Gabe dann vierteljährlich) 92.473,94 Euro (Stand: 11. Oktober 2021).



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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