Topic – Vitamin B12

Wasserlöslich gleich unbedenklich?

Lübeck - 28.05.2019, 14:00 Uhr

Es gibt viele Nahrungsergänzungsmittel (NEM) mit hochdosiertem Vitamin B12 auf dem Markt. (m / Foto: jb / DAZ.online)

Es gibt viele Nahrungsergänzungsmittel (NEM) mit hochdosiertem Vitamin B12 auf dem Markt. (m / Foto: jb / DAZ.online)


Bei den fettlöslichen Vitaminen A, D, E und K muss man vorsichtig sein und darf nicht zu hoch dosieren, bei wasserlöslichen Vitaminen ist das unkritischer. Was zu viel ist, wird einfach wieder ausgeschieden. Diese Devise galt lange Zeit. Doch schon eine ganz Weile gibt es Hinweise darauf, dass das bei bestimmten B-Vitaminen anders sein könnte. 

Wasserlöslich gleich unbedenklich? In Fachkreisen wird schon länger vermutet, dass die hoch dosierte Anwendung von B-Vitaminen nicht ganz so risikoarm/-frei ist wie gedacht – anscheinend erst recht nicht bei der Einnahme durch (Ex)Raucher. In mehreren Studien ist nämlich ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko festgestellt worden, unter anderem nach Supplementation von Vitamin B12.

Auch eine Auswertung von Studiendaten aus dem Jahr 2018 zeigt einen konzentrationsabhängigen Zusammenhang zwischen dem Vitamin-B12-Spiegel und dem Lungenkrebsrisiko. Es handelte sich dabei um eine sogenannte nested Case-Control-Studie, bei der die Daten aus 20 prospektiven Kohortenstudien ausgewertet wurden. Demnach ging eine Verdopplung der Vitamin-B12-Konzentration im Blut mit einer Odds Ratio von 1,15 (95% KI = 1,06 – 1,25) für Lungenkrebs einher. Eine umgekehrte Kausalität („Lungenkrebs führt zu erhöhten Vitamin-B12-Spiegeln“) wurde mit einer speziellen Methodik (Mendelsche Analyse) ausgeschlossen. Die Risikoerhöhung für Lungenkrebs war unabhängig vom Raucherstatus oder vom Geschlecht der Probanden. Damit liefert diese Studie aufgrund der konsistenten, sich methodisch ergänzenden Daten eine aussagekräftige Bestätigung der Hypothese, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Vitamin-B12-Status und Lungenkrebs gibt.

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Hoch dosierte Vitamin-B12-Supplemente weit verbreitet 

Diese Studienergebnisse dürften für einige Verunsicherung sorgen, schließlich gelten B-Vitamine noch immer als praktisch überdosierungssicher. Erst Mitte Januar 2019 hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung die Zufuhrempfehlung für Vitamin B12 von vorher 3 µg/d auf 4 µg/d (Jugendliche und Erwachsene) erhöht.

Im Kontext eines möglicherweise erhöhten Krebsrisikos – jedoch um ganz andere Dosisbereiche in einer 2017 ausgewerteten Kohorten-Studie (VITAL)war bei den Anwendern von Vitamin B12 die dauerhafte Einnahme nur dann mit einem im Vergleich zu Nicht-Anwendern verdoppelten Lungenkrebsrisiko assoziiert, wenn die tägliche Dosis > 55 µg lag. Bei Rauchern war das Lungenkrebsrisiko in diesem Fall sogar drei- bis viermal so hoch wie bei Nicht-Anwendern. Dass diese Dosierungen damit erheblich über den DGE-Zufuhrempfehlungen liegen, kann aber nicht beruhigen, da auch in Deutschland entsprechend hoch dosierte Vitamin-B12-Supplemente weit verbreitet sind. Das BfR schlägt als zulässige Höchstmenge für Vitamin B12 in Nahrungsergänzungsmitteln 25 µg vor. 

Was bedeutet das für die Praxis?

Die aktuellsten Studienergebnisse sind methodisch sehr gut und bestätigen in quasi-randomisierter Analyse frühere Daten aus epidemiologischen Untersuchungen. Für Vitamin B12 liegt damit ein deutliches Risikosignal vor, das auf ein relevantes Gesundheitsrisiko durch die hoch dosierte Anwendung hinweist.

Bei diagnostiziertem Vitamin-B12-Mangel ist die zeitlich begrenzte, hoch dosierte Gabe vermutlich unbedenklich. Gleiches gilt für die primärpräventive Anwendung ernährungsüblicher Dosierungen (DGE-Zufuhrempfehlungen) bei Menschen mit erhöhtem Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel (z. B. Veganerinnen, Ältere, Patienten mit gastrointestinalen Erkrankungen).

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Von der unspezifischen, dauerhaften Einnahme hoch dosierter Vitamin-B12-Supplemente, wie sie in unzähligen frei verkäuflichen Nahrungsergänzungsmitteln enthalten sind, sollte spätestens nach dieser Studie dringend abgeraten werden.


Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich, Apotheker, Leiter der Arbeitsgruppe Pharmakonutrition am Institut für Ernährungsmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein,
redaktion@daz.online


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