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Management

Seniorenfreundliche Apotheke

Wie Sie ältere Patienten gezielt unterstützen können

Apotheken sind für viele ältere und auch hochbetagte Menschen eine vertrauenswürdige Anlaufstelle. Damit sie gerne in die Apotheke kommen und sich dort gut aufgehoben fühlen, sind neben der Fachkompetenz des Apothekenpersonals weitere Aspekte zu bedenken. Von Irina Treede

Wer wünscht es sich nicht: bis ins hohe Alter gesund und selbstständig zu bleiben. Doch in der Realität müssen die meisten Senioren früher oder später mit körperlichen oder auch kognitiven Einschränkungen zurechtkommen. Altwerden ist für viele alles andere als eine einfache Angelegenheit. Älteren Menschen dabei so gut wie möglich zur Seite zu stehen, ist eine der großen Aufgaben der Apotheken vor Ort. Denn gerade eine persönliche Beratung ganz in der Nähe ist für die häufig auf sich allein gestellten älteren Patienten heute wichtiger denn je.

Rund 16 Millionen Menschen in Deutschland sind derzeit über 67 Jahre alt, 50 Prozent mehr als noch im Jahr 1990. Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen, schätzt das Statistische Bundesamt. Somit steigt natürlich auch die Zahl der älteren Patienten in der Apotheke kontinuierlich. Viele Apotheken haben sich bereits mit ihrem pharmazeutischen Angebot auf Senioren eingestellt. Doch gibt es noch weitere Möglichkeiten, mit denen man die ältere Generation in der Apotheke sinnvoll unterstützen kann.

Räumliche Gegebenheiten anpassen

Manchmal lohnt es sich, den Blick zu wechseln und die Apotheke einmal aus Sicht der älteren Kunden zu betrachten. Mit nur geringem Aufwand lässt sich bereits viel bewirken, um den Besuch von Senioren in der Apotheke angenehmer und sicherer zu gestalten. In der heutigen Zeit sollte die Barrierefreiheit in Apotheken selbstverständlich sein. Aktuell sind ­bereits zehn Prozent der Bevölkerung zwingend auf Barrierefreiheit angewiesen. Für ein weiteres gutes Drittel der Bevölkerung ist die Abwesenheit von Barrieren eine wichtige Hilfe zur Bewältigung des Alltags. Automatische Türen oder Türöffner, ein rutschfester Bodenbelag und genügend Platz im Freiwahlbereich sind nicht nur für ältere Menschen wichtig, die einen Rollator als Gehhilfe nutzen, auch Mütter mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer freuen sich darüber (s. auch AZ 2020, Nr. 50, S. 6). Sehr nützlich für ältere oder schwer kranke Patienten ist eine Sitzge­legenheit am Rande des Verkaufsraumes, um sich kurz auszuruhen und neue Kraft zu tanken, bevor es wieder nach Hause geht. Mit einem Glas Wasser oder einem Traubenzucker als kleine Stärkung zwischendurch lässt sich bei vielen älteren und geschwächten Patienten ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubern, wenn sie in die Apotheke kommen. Eine Ablagemöglichkeit für die Einkaufstasche am Handverkaufstisch hilft nicht nur Kunden mit motorischen Einschränkungen, ganz in Ruhe das einzu­lösende Rezept und den Geldbeutel zu suchen. Um unnötige Stolper­fallen zu vermeiden, ist auch ein sicherer Ablageplatz für Gehhilfen direkt am Handverkaufstisch sinnvoll. Für Menschen mit Sehbehinderung sind bei vorhandenen Barrieren wie z. B. Stufen oder Rampen ein Handlauf und Markierungen an den Stufenvorderkanten hilfreich. Vor der Eingangstür der Apotheke sollte möglichst auf Stolperfallen, wie z. B. unebene Fuß­abtreter, verzichtet werden. Grundsätzlich erleichtern eine kontrastreiche Beschilderung mit ausreichend großer Schrift in ­Augenhöhe sowie eine gute und blendfreie ­Beleuchtung in der gesamten Apotheke die Orientierung von Patienten mit schwacher Sehstärke. Das Angebot, Medikamente, die bestellt werden müssen, mit dem ­Botendienst noch am selben Tag ­direkt bis zur Wohnungstür zu ­liefern, ist ein weiterer Pluspunkt für Menschen mit eingeschränkter Mobilität.

Mit pharmazeutischer ­Beratung punkten

Besonders beim Beratungsgespräch mit einem Mund-Nasen-Schutz und hinter einer Plexiglasscheibe wurde deutlich, wie schwierig die Kommunikation mit älteren Patienten mit schlechtem Hörvermögen sein kann. Ausreichend lautes, langsames und deutliches Sprechen ist in diesen Situationen ­besonders wichtig, denn nur so ­kommen die qualifizierten und wichtigen Einnahmehinweise des Apothekenpersonals auch beim Patienten an. Vergessen darf man dabei allerdings nicht, dass manchmal auch eine diskretere Beratung älterer Patienten notwendig ist, z. B. wenn es um das Thema Inkontinenz geht. Bei schwerhörigen Menschen sollte deshalb auf die Möglichkeit für ­eine diskrete und individuelle Beratung in einem Beratungszimmer Wert gelegt werden – und das nicht nur, wenn der Laden vollsteht. Die Patienten werden sich dadurch gleich besser betreut fühlen und können evtl. anstehende Fragen gezielt und in Ruhe äußern. Auch bei beratungsintensiveren Themen wie beispielsweise der Diabetestherapie oder der ­richtigen Anwendung von Asthmasprays ist ein persönliches Gespräch im Beratungszimmer ohne störende Lärmquellen hilfreich.

Um die Arzneimitteltherapiesicherheit und die Therapietreue bei älteren Patienten zu erhöhen, sind schriftliche und gut lesbare Angaben zur jeweiligen Dosierung bzw. spezielle Einnahmehinweise auf den Arzneimittelpackungen wichtig. Auch sind viele Senioren dankbar für das Angebot, den vom Arzt ausgehändigten Medikationsplan nochmals kurz durchzusprechen und eventuell bestehende Unklarheiten zu beseitigen. Durchschnittlich jeder Zweite der über 70-Jährigen nimmt dauerhaft drei oder mehr Arzneimittel ein. Diese Polymedikation birgt Risiken. Apotheker spielen eine wichtige Rolle bei der Vermeidung von schwerwiegenden Nebenwirkungen oder Interaktionen und können dabei helfen, die Arzneimitteltherapie – besonders für ältere ­Patienten – sicherer zu machen.

Eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2015 ergab, dass 92 Prozent der über 70-Jährigen eine Stammapotheke haben, in der sie – bis auf wenige Ausnahmen – alle ihre Medikamente beziehen. Unter dieser Voraussetzung ist es Apothekern möglich, im Rahmen eines Medikationsmanagements arzneimittelbezogene Probleme (ABPs) zu erkennen und dem behandelnden Arzt und dem Patienten mögliche Lösungen vorzuschlagen. Doppelverordnungen, Interaktionen, Verordnungskaskaden oder zu hohe Dosierungen aufgrund nachlassender Nierenfunktion sind Probleme der Pharmakotherapie bei ­Älteren, die vermeidbar sind. Durch die enge Zusammenarbeit und den transparenten Austausch aller am Medikationsprozess Beteiligten kann die zunehmend komplexe Arzneimitteltherapie älterer Patienten zielführender und sicherer gestaltet werden. Der Patient selbst sollte dabei immer im Mittelpunkt stehen und sich gut informiert fühlen.

Anwendung von komplexen Einnahmeformen

Die kognitiven, visuellen, audiologischen und feinmotorischen Fähigkeiten sind krankheits- oder altersbedingt oft eingeschränkt. Für ergonomisch beeinträchtigte Patienten stellt häufig bereits die Entfernung einer Erstöffnungssicherung ein Hindernis dar. Hierbei kann der Apotheker direkt beim Kauf des Arzneimittels helfen. Auch das Teilen von Tabletten gestaltet sich bei feinmotorischen Einschränkungen als schwierig; Abhilfe kann die Empfehlung eines Tablettenteilers schaffen. Die richtige Anwendung eines Dosieraerosols, eines Pulverinhalators oder eines Injektionsarzneimittels erfordert ebenfalls ein gewisses Maß an Fingerfertigkeit und geistigem Leistungsvermögen, das älteren Patienten oft fehlt – und das nicht nur infolge des altersbedingten Abbaus, sondern auch durch Erkrankungen oder Nebenwirkungen von anderen Arzneimitteln. Eine gut verständliche Anleitung zur korrekten Anwendung des jeweiligen Arzneimittels oder auch das Demonstrieren der richtigen Auslösung des Asthmasprays anhand eines Demo-Inhalators kann für viele kognitiv eingeschränkte Patienten sehr hilfreich sein. Zusätzlich kann die Apotheke Patienten mit kognitiven oder feinmotorischen Einschränkungen unterstützen, indem sie beim Arzt die Umstellung auf ein Arzneimittel anregt, dessen Handhabung weniger komplex ist. Denn nur durch eine korrekte Anwendung von Arzneimitteln ist mit einem langfristigen Therapieerfolg zu rechnen.

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Ältere zahlen selten mit Karte Auch hier gilt es, geduldig zu sein, denn: Die Hände wollen nicht, die Augen sehen nicht gut, man ist aufgeregt, weil der andere wartet ...

Kommunikation mit ­Demenzpatienten

Rund 1,6 Millionen Menschen mit demenziellem Syndrom leben gegenwärtig in Deutschland und mehr als 300.000 Neuerkrankungen treten jährlich hinzu. Mit Blick auf den demografischen Wandel drängt sich rund um diese typische „Alterserkrankung“ vor allem die Frage auf: Wie kann unser Gesundheits- und Pflegesystem immer mehr Patienten mit ­Demenz versorgen? Apotheken­mitarbeiter spielen eine besonders wichtige Rolle, um demenzkranken Mit­bürgern zur Seite zu stehen. Auf Augenhöhe und wertschätzend zu kommunizieren und das noch vorhandene Können zu aktivieren – das raten Experten für den Umgang mit demenzkranken Menschen. Je besser sich Angehörige, Pflegekräfte, aber auch Apothekenmitarbeiter in die besondere Welt der Betroffenen hineinversetzen, desto eher finden sich Anknüpfungspunkte für die persönliche Unterstützung und Beratung. Bei multimorbiden Patienten mit Demenz erschweren die kognitiven Einschränkungen es häufig, den Medikationsplan vom Arzt richtig umzusetzen. In diesen Fällen leistet eine individuelle Medikationsanalyse mit gezielten Einnahmehinweisen wertvolle Hilfe, um Fehler zu vermeiden (s. Kasten).

Tipps für die Kommunikation mit Demenzkranken

  • für eine ruhige Gesprächsatmosphäre und Blickkontakt sorgen
  • kurze Sätze formulieren
  • sich Zeit nehmen und Hektik ­vermeiden
  • einfache, klare Vorschläge machen
  • möglichst nicht zu viele Optionen anbieten
  • ständige Verbesserungen und Kritik vermeiden

Podcast für alle, die sich mit ­Demenz beschäftigen:

Konkrete Unterstützung für eine gelungene Kommunikation mit Menschen mit Demenz bietet der monatlich erscheinende Demenz-Podcast des medhochzwei Verlags. Dieser ist kostenlos abrufbar unter www.demenz-podcast.de.

Zertifikat „Seniorengerechte Apotheke“

In vielen Regionen gibt es bereits Seniorenvertretungen, die Betriebe vor Ort unterstützen, seniorenfreundlicher zu werden. Eine Auszeichnung speziell für Apotheken vergibt die BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e. V. – als Interessenvertretung der älteren Menschen in Deutschland. Diese Arbeitsgemeinschaft tritt gegenüber Politik, Gesellschaft und Wirtschaft für Rahmenbedingungen ein, die ein gutes und würdevolles Leben im Alter ermöglichen. Die BAGSO-Service-Gesellschaft prüft für die BAGSO besonders seniorengerechte innovative Dienstleistungen und Produkte – und eben auch Apotheken. Gemeinsam mit BAGSO-Verbänden, Patientenorganisationen, pharmazeutischen und medizinischen Experten wurden Qualitätsmerkmale für die „Seniorengerechte Apotheke – BAGSO empfohlen“ aufgestellt (www.bagso-service.de/Apotheke). Apotheken, die ein BAGSO-Zertifikat erwerben möchten, müssen zunächst einen Fragebogen mit verschiedenen Kriterien beantworten. Anschließend werden von der BAGSO unangekündigt speziell geschulte ältere Testkäufer in die jeweilige Apotheke geschickt, um die örtlichen Gegebenheiten und die Beratungsqualität für ältere Patienten zu überprüfen. Der Apothekenleiter erhält später einen genauen Bericht über den Testkauf. Die Auszeichnung „Seniorengerechte Apotheke“ kann werbewirksam an der Apothekentür platziert werden und/oder den Internetauftritt der Apotheke aufwerten. Die BAGSO prüft Apotheken auf ihre Eignung für ältere Menschen anhand folgender fünf Schwerpunkte:

  • umfassende Beratung
  • Barrierefreiheit und senioren­gerechte Ausstattung
  • weiterführende Informationen für ältere Menschen
  • besonderer Service
  • Mitarbeiterqualifikation und Qualitätsmanagement

An Kosten kommen auf die Apotheken zunächst einmal 80 Euro für den Versand der Kriterienliste zu. Für die Ausstellung des Zertifikates nach erfolgreichem Testkauf müssen dann 400 Euro bezahlt werden, für eine Gültigkeit von zwei Jahren. Aktuell sind etwa 30 Apotheken in Deutschland zertifiziert.

Fazit: Was ältere Patienten besonders zu schätzen wissen, wenn sie selbst nicht mehr so schnell können, wie sie wollen, ist Geduld. Ein freundlicher und verständnisvoller Umgang ist einer der wesentlichen Gründe, warum auch alte und hochbetagte Patienten immer wieder gerne in die Apotheke kommen. Unsere Gesellschaft muss im Umgang mit der älteren Generation umdenken. Einige Initiativen tragen schon erfolgreich dazu bei, die Situation von Senioren mit körperlichen und/oder kognitiven Einschränkungen im täglichen Leben zu verbessern. Apothekenteams können durch qualifizierte und geduldige Beratung dabei helfen und darüber hinaus Betroffene ermutigen, sich Rat und Unterstützung zu suchen, begegnen sie doch tagtäglich älteren Menschen und deren Angehörigen und begleiten diese oftmals über viele Jahre hinweg als Stammkunden. |

Apothekerin Dr. Irina Treede, ­Heidelberg

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